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Diözese hilft Zwangsprostituierten

Fallzahlen der „Fonds für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart steigen.

Stuttgart

Im Stuttgarter Fraueninformationszentrum wird Opfern von Zwangsprostitution geholfen. Immer mehr Opfer kommen aus Afrika. Bild: Gregor Moser

Frauen im Südwesten werden immer häufiger zum Opfer häuslicher Gewalt. Dies meldete vor wenigen Tagen der Landesdienst der Deutschen Presseagentur. Irme Stetter-Karp, Leiterin der Hauptabteilung Caritas im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, macht anlässlich des „Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ am 25. November darauf aufmerksam, dass es im Land auch viele Fälle von Zwangsprostitution gibt, in denen Frauen Gewalt ausgesetzt sind.

„Gewalt gegen Frauen ist Teil aller Kulturen“

Ihrer Pässe und Handys beraubt, sind die Betroffenen, die meist aus Osteuropa oder Afrika über Menschenhändler-Ringe nach Italien und Spanien und von dort nach Baden-Württemberg kommen, schutzlos. Ohne Anspruch auf ärztliche Behandlungen oder staatliche Leistungen leben sie mitten unter uns im Dunklen. Die Diözese hilft diesen Frauen mit einem speziellen Fonds. Und die Zahl der Fälle, in denen Frauen mit Mitteln daraus geholfen wurde, ist in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen.

In der Öffentlichkeit spielen die Themen Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel und Zwangsprostitution keine große Rolle, da sie nicht als Probleme der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden.“

Stetter-Karp kritisiert: „In der Öffentlichkeit spielen die Themen Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel und Zwangsprostitution keine große Rolle, da sie nicht als Probleme der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden.“ Es dominiere der Eindruck, dass Frauen aus anderen Ländern ausgebeutet werden und das Problem ausschließlich dort liege, weit weg, in anderen Kulturen. „Aber das stimmt nicht. Gewalt gegen Frauen ist Teil aller Kulturen. Die Frauen werden nicht Opfer, weil sie in Nigeria oder Rumänien geboren sind. Sie werden Opfer, weil sie Frauen sind“, sagt die Ordinariatsrätin. Dem pflichtet Luam Okbamicael, Beraterin beim Fraueninformationszentrum (FIZ) in Stuttgart, bei. Und sie weist auf einen anderen Missstand hin: Einrichtungen, die von einem solchen Schicksal betroffene Frauen unterstützen, seien ‒ so wie Anlaufstellen für Frauen in Not insgesamt ‒ chronisch unterfinanziert. Das FIZ, wo Zwangsprostituierten genauso geholfen wird wie Frauen, die zuhause geschlagen werden oder deren Leben nach einer Trennung in eine Krise gerät, muss Hilfesuchende abweisen. Aufnahmestopp. Das Leid ist zu groß. „Wir entscheiden nach Dringlichkeit“, sagt Okbamicael.

Diözese kooperiert eng mit der evangelischen Kirche

Dafür, dass Zwangsprostituierten in vielen dieser Fälle überhaupt geholfen werden kann, gibt es seit 2009 den „Fonds für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „Es existiert für uns keine Hierarchie der Not“, sagt Stetter-Karp. Die Hilfe verstehe sich als Ergänzung zum Fonds des Landes Baden-Württemberg für die Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung aus Staaten der EU-Osterweiterung. Sprich: Mit Kirchensteuermitteln wird Frauen geholfen, die von außerhalb der Europäischen Union kommen und in Baden-Württemberg gestrandet sind. Und da es im Land keine katholischen Fachberatungsstellen für diese kleine aber doch sehr verletzliche Opfergruppe gibt, kooperiert die Diözese eng mit der evangelischen Kirche: Neben dem Stuttgarter FIZ, das eine ökumenische Gründung ist, kann die Hilfe so auch über die von der Diakonie betriebene Mitternachtsmission in Heilbronn und über die evangelischen Fachberatungsstellen „FreiJa“ Freiburg und Kehl kommen.

Laut Bundeskriminalamt war 2018 fast jedes zweite Opfer sexueller Ausbeutung jünger als 21 und das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre. Okbamicael beschreibt deren Alltag so: „Die jungen Frauen werden geschlagen und liefern sie zu wenig Geld ab oder stehen im Verdacht, fliehen zu wollen, erhöht sich der Druck.“ Eltern und Geschwistern bekämen Morddrohungen oder es werde mit der Ankündigung diszipliniert, die jüngere Schwester in die Prostitution zu zwingen, denn die Menschenhändler-Netzwerke mit ihren mafia-ähnlichen Strukturen arbeiteten interkontinental und seien bestens organisiert. „Manchmal übersteigt es die Vorstellungskraft, was da alles passiert“, sagt die Sozialarbeiterin.

Die Gewalt wurzelt in Ungleichheit

Das Gros der Mittel aus dem Opferfonds der Diözese findet Verwendung für die Übernahme von Therapie- und Dolmetscherkosten. Übernommen werden auch Unterbringungskosten oder Geld, das für die Beschaffung von Pässen nötig ist. Die Beträge sind klein und auch schon die anteilige Unterstützung eines Deutschkurses kann helfen. Beratung und Begleitung sind wichtig, so dass Betroffene einer sicheren Zukunft entgegensehen können. Schon das Ermöglichen einer Fahrt von Stuttgart nach Berlin zum Konsulat kann bedeutsam sein. „Heilen können wir nicht. Aber wir können für viel Stabilität sorgen“, sagt Okbamicael über die Arbeit des FIZ und anderer verwandter Einrichtungen. 

Damit aber das zugrundeliegende Problem adressiert und die öffentliche Wahrnehmung sich ändert, muss unser Sprechen sensibler werden, stellt Stetter-Karp fest. „Wir dürfen Gewalt gegen Frauen nicht einfach als Ausdruck 'rückständiger, patriarchaler Gesellschaften‘ verstehen. Um etwas zu ändern, muss es auch als Problem in Deutschland wahrgenommen werden“, fordert sie ein.
Für Okbamicael liegen die Wurzeln der Gewalt gegen Frauen in vielen Ungleichheiten, denen noch immer zu wenig Beachtung zukommt: der niedrigeren Bezahlung von Frauen im Beruf, ihrem Zurückstecken, wenn es um die Betreuung der Kinder geht und dem erhöhten Armutsrisiko, das daraus resultiert. „Es ist alles miteinander verwoben“, stellt sie fest. Denn klar sei doch: „Dort, wo Machtgefälle existieren, fördert das die Gewalt.“

 

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