Weiße Rauchschwaden verbreiten am Pfarrhaus in der polnischen Stadt Trebnitz/Trzebnica den Duft von Grillwürsten und -fleisch. Neben verschiedenen Salatbeilagen, die Helferinnen vorbereitet haben, weckt am Buffet ein großer Topf mit Schmalz und eine Schüssel mit den obligatorischen sauren Gurken die kulinarische Neugier von rund 50 Gästen aus der Gesamtkirchengemeinde St. Hedwig und Ulrich in Stuttgart. Drei Glocken und die Geschichte einer Heiligen haben sie in die niederschlesische Stadt geführt.
Bei dem Begegnungsfest am Pfarrhaus feiern die Stuttgarter Gäste zusammen mit den Mitgliedern der polnischen Gemeinde die Rückkehr dreier Glocken an ihren Ursprungsort, die im Rahmen des Projekts „Friedensglocken für Europa“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart stattfindet. Die drei Glocken gehörten zu den schätzungsweise an die 100.000 Glocken, die während des Zweiten Weltkriegs auf Befehl der Nationalsozialisten abgehängt werden mussten, um sie als Materialquelle der Rüstungsindustrie zur Verfügung zu stellen.
Der Weg der drei Glocken
Nach dem Krieg kehrten die Glocken, die nicht zerstört worden waren, in ihre Kirchengemeinden zurück. Für Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten war dies damals allerdings aus politischen Gründen nicht möglich. Daher wurden sie als sogenannte Leihglocken Gemeinden in der jungen Bundesrepublik zugewiesen.
So gelangten zwei Glocken aus dem Turm der Basilika in Trebnitz/Trzebnica und eine aus einer Kapelle, die südlich der Stadt in einem Buchenwald steht, in den 1950er Jahren in die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Alle drei Glocken erklangen zunächst in St. Hedwig in Stuttgart-Möhringen, eine davon als Sakristeiglocke. Das größte Exemplar des Trios, eine 1706 in Breslau gegossene, 210 Kilogramm schwere Glocke, wurde einige Jahre später an die in der Nähe entstandene Kirche St. Ulrich auf dem Fasanenhof weitergereicht.