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Ein Freiwilligendienst für Frauenwürde

Im Interview spricht Hannah Stein über ihre Arbeit in einem Frauenzentrum in Pattaya - einer thailändischen Stadt, in der der Sextourismus boomt.

Rottenburg
Frauen in einem Klassenzimmer

Hannah Stein und ihre Schülerinnen beim Deutschunterricht im Fountain of Life Women Centre in Pattaya. Bild: privat

Sprachkurse, Friseur- und Masseurhandwerk oder Computerkenntnisse – das bietet das Fountain of Life Women Centrein Pattaya, Thailand, günstig für erwachsene Frauen an. Die Kurse sollen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern – was die Frauen dort aber eigentlich lernen sollen, geht tiefer.

Hannah Stein aus Bierlingen hat letztes Jahr Abitur gemacht und ist im darauffolgenden August nach Pattaya gereist, um im Rahmen eines Weltkirchlichen Friedensdienstdort ein Jahr lang Deutsch zu unterrichten. Wir haben mit der Zwanzigjährigen über die Situation der Frauen in Pattaya sowie über bereichernde und herausfordernde Erfahrungen während ihres Freiwilligenaufenthalts gesprochen – und darüber, wie sie dabei innerlich gewachsen ist.

Wie hast du dich bei deiner Ankunft in Thailand und im Frauenzentrum gefühlt?

Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit waren erstmal ein richtiger Schock. Als ich das Center dann zum ersten Mal betreten habe, waren keine Frauen da, weil ich an einem Wochenende angekommen bin. Das heißt, ich habe erstmal erkundet, wie wir wohnen. Wir Freiwilligen leben im obersten Stockwerk des Centers und haben alle ein eigenes Zimmer – ich finde es angenehm, einen Rückzugsort zu haben. Oben haben wir auch ein Wohnzimmer, Bad und Küche.
Als ich dann zum ersten Mal die Schülerinnen im Center kennengelernt habe, habe ich mich gefreut, dass mich alle sehr herzlich empfangen haben: auf Deutsch, Englisch, oder Thai, welche Sprachen sie eben konnten. Es war sehr schön, die Dankbarkeit zu spüren, die die Frauen uns Freiwilligen gegenüber empfinden – sie haben sehr viel Respekt davor, dass wir das in unserem Alter machen.

Welche Kulturschocks hattest du?

Unsere Lebenssituation hier ist sehr anders als in Deutschland: Es ist heiß, wir haben keine Klimaanlage. Außerdem können wir die Fenster nicht richtig schließen und es ist immer laut, weil es in unserer Straße sehr viele Hotels und Bars gibt.

Fällt dir der Sextourismus dort auf?

Ja, er ist sehr präsent. Vor den Bars sieht man Frauen, die tanzen oder versuchen auf Männer zuzugehen und mit ihnen zu reden. Viele sehen aus, als würden sie sich nicht so wohlfühlen. Wir sind hier im Deutschen Viertel, dort gibt es viele ältere Männer, vor allem deutsche. Deshalb verstehen wir, was die Männer untereinander über die Frauen sagen, das macht es noch unangenehmer. Allerdings haben wir hier noch Glück, denn in der Walking Street und der Street 6 ist es noch sehr viel schlimmer: Männer gehen fast nur dorthin, um eine Frau für die Nacht zu finden.

Wie ist das für dich, das mitzuerleben?

Für mich ist das bedrückend und ich finde es schwierig, damit umzugehen. Ich denke, dass es richtig falsch ist, was da passiert. Zu Beginn meines Freiwilligendienstes habe ich ein Buch über eine Thai gelesen, die mit 13 Jahren angefangen hat, in Bars zu arbeiten – da habe ich viel über die Hintergründe gelernt. Heute werden Minderjährige mehr überprüft, aber die meisten Frauen sind trotzdem unfreiwillig da. Ich fühle mich ein bisschen schuldig, weil ich ja auch als Touristin hier bin und weiß nicht genau, wie ich in den Straßen mit den Frauen umgehen soll: Ich will nett sein, aber wenn man zu freundlich ist, wollen sie einen mit in die Bar ziehen. Deswegen ist es schwierig. Was es besser macht, ist zu wissen, dass es Menschen gibt, die dagegen vorgehen, wie Schwester Piyachat, die Leiterin des Centers. Sie hat regelmäßig Meetings mit dem Bürgermeister und der Polizei; aber es ist immer noch kein schönes Gefühl.

Viele der Frauen, die ins Zentrum kommen, sind (ehemalige) Prostituierte. Wie sieht ihre Lebenssituation aus?

Das kommt darauf an. Unsere Schülerinnen, die Deutsch lernen, haben alle einen deutschen oder österreichischen Freund. Die Freunde sind meistens über sechzig oder siebzig und unsere Schülerinnen größtenteils dreißig oder vierzig; sie haben ein besseres Leben, weil sie nicht mehr in Bars arbeiten müssen. Sie werden von ihren Freunden zu uns geschickt, damit sie sich verständigen können und um ein Hochzeitsvisum zu bekommen. In mancher Hinsicht leben sie komfortabler als wir, zum Bespiel haben sie in ihren Wohnungen meistens eine Klimaanlage.

Wie ist das bei den anderen Frauen im Center?

In den anderen Sprachkursen und Ausbildungsangeboten sind die Teilnehmerinnen generell etwas jünger und ihre Situation ist sehr unterschiedlich. Die Frauen, die aus freien Stücken in Bars arbeiten, verdienen zwar relativ gut. Aber meistens ist es so, dass sie aus dem Isaan, einer Armutsregion im Nordosten Thailands, kommen. Zum Teil werden sie von ihren Familien nach Pattaya geschickt, um diese zu unterstützen – sie schicken mindestens die Hälfte oder manchmal mehr ihres Lohns zu ihrer Familie.

Hintergrund - Sextourismus in Thailand

Thailand gilt international als eines der Hauptziele für Sextourismus, insbesondere in Städten wie Bangkok, Pattaya und Phuket. Diese Entwicklung begann in den 1960er-Jahren, insbesondere durch den Aufenthalt US-amerikanischer Soldaten während des Vietnamkriegs, und wurde durch Armut, wirtschaftliche Ungleichheit und fehlende soziale Sicherungssysteme begünstigt.

Viele Bars, Clubs und Massagesalons fungieren als Orte der kommerziellen sexuellen Dienstleistungen. Auch die Kinderprostitution und der Menschenhandel sind problematische Begleiterscheinungen, obwohl sie illegal sind. Sextourismus wird oft von westlichen Männern betrieben, aber auch der "Romantik-Tourismus" (z. B. alleinreisende Frauen, die Beziehungen zu jüngeren Thai-Männern suchen) ist Teil des Phänomens.

Prostitution ist in Thailand offiziell illegal, wird aber in vielen Bereichen geduldet. Internationale und lokale NGOs kämpfen gegen Ausbeutung, setzen sich für Menschenrechte ein und fordern bessere Regulierung sowie Aufklärung. Thailand arbeitet zunehmend mit internationalen Organisationen zusammen, um den Menschenhandel zu bekämpfen und Opfer zu schützen.

Dennoch bleibt Sextourismus ein vielschichtiges Problem, das tiefgreifende soziale, ökonomische und kulturelle Veränderungen erfordert. Denn Schätzungen zufolge macht der Sextourismussektor bis zu 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Frauen, die im städtischen Sexgewerbe in Thailand arbeiten, überweisen jährlich fast 300 Millionen US-Dollar an Familien auf dem Land.

Die Einnahmen daraus sind entscheidend für den Lebensunterhalt und die Verdienstmöglichkeiten von Millionen Arbeitnehmenden über Prostituierte hinaus, wie die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) schreibt. In Gebieten, in denen die Prostitution floriert, erzielen die staatlichen Behörden ebenfalls beträchtliche Einnahmen, so die IAO - illegal durch Bestechungsgelder und Korruption, aber legal durch Lizenzgebühren und Steuern auf die vielen Hotels, Bars, Restaurants und Spielsalons, die in ihrem Kielwasser florieren.

Unterstützt das Zentrum dann nicht dieses System?

Am Anfang hatte ich das Gefühl, ja. Bevor ich herkam, dachte ich, dass mehr der Frauen Deutsch für Arbeit in Hotels oder Restaurants ernen. Dann war ich geschockt, dass sie fast nur für die Männer herkommen. Mit der Zeit habe ich allerdings gelernt, dass die Sprachkurse nur ein Anreiz sind, damit sie ins Center kommen.

Ein Anreiz?

Sie lernen hier, sich mit den Männern zu verständigen. Sie würden so oder so mit ihnen zusammenbleiben – wir können ihnen beibringen, ihre Bedürfnisse auszudrücken, zu sagen, was sie möchten und was nicht und Nein zu sagen.

Unterstützt das Zentrum die Frauen auch bei anderen Problemen, die durch den Sextourismus auftreten?

Ja, genau - der Sinn des Centers ist, den Frauen wichtige Informationen zu vermitteln, ihnen ihren eigenen Wert aufzuzeigen und mehr Selbstvertrauen beizubringen. Einmal war zum Beispiel der Polizeichef da und hat einen Kurs zur Selbstverteidigung gegeben. Einmal pro Monat wird ein kostenloser Bluttest auf HIV angeboten, der normalerweise sehr teuer ist. Da wird ihnen auf Thai erklärt, wie sie sich schützen können. Außerdem werden die Frauen im Center über ihre Rechte und Menschenhandel aufgeklärt und es gibt eine Therapeutin, mit der die Frauen über seelische Belastungen sprechen können.

Viele der Touristen, die für Sex nach Thailand kommen, sind aus Deutschland. Ist es für die Schülerinnen komisch, dass du aus Deutschland kommst?

Die Schülerinnen differenzieren das denke ich gut, weil ich viel jünger und eine Frau bin. Manche haben schlechte Erfahrungen mit Deutschen gemacht, sodass es ihnen schwerfällt, Deutschen zu vertrauen. Sie rufen sich aber ins Gedächtnis, dass wir in einer anderen Position und da sind, um ihnen zu helfen. Und manche haben mit ihren Freunden keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Die meisten Frauen betrachten das System nicht als schlimm, es ist für sie normal. Für uns ist das fast unangenehmer, an Bars vorbeizulaufen und die deutschen Männer zu hören.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Montags haben wir ein Meeting mit Schwester Piyachat, bei dem sie uns das Projekt näherbringt und wir mit ihr über Probleme oder Schwierigkeiten sprechen können. Von 9.30 - 11.30 Uhr gebe ich Deutschunterricht. Dann ist eine Stunde Mittagspause, in der wir Freiwilligen zusammen mit den Schülerinnen essen. Von 12.30 - 14.30 Uhr ist nochmal ein Unterrichtsblock. Danach ist es tagesabhängig: Am Anfang habe ich mehr Zeit für die Unterrichtsvorbereitung gebraucht, aber da die Kurse einen Zyklus von 6 Wochen haben und dann neu anfangen, dauert das jetzt nicht mehr so lang. In unserer Freizeit gehen wir in die Stadt, zum Sport, oder ins Shoppingcenter. Die Wochenenden haben wir frei, da haben wir schon ein paar Mal Ausflüge nach Bangkok gemacht, das sind etwa zwei bis drei Stunden mit dem Bus, oder waren auf ein paar Inseln und Städten rund um Pattaya.

Konntest du das Land auch außerhalb von Pattaya und Bangkok kennenlernen?

Schönerweise ja – die anderen vier Freiwilligen und ich hatten insgesamt fünf Wochen frei. Wir sind in den Süden und Norden Thailands gereist und haben viel vom Land gesehen. Es hat sehr gutgetan, festzustellen, dass der Großteil von Thailand ganz anders als Pattaya ist: Die Menschen sind sehr herzlich, vor allem in weniger touristischen Orten – dort haben sie sich sehr gefreut, uns zu sehen. Und die Landschaft mit den Stränden ist wunderschön.  

Was war eine besonders herausfordernde Erfahrung, die du gemacht hast?  

Ich habe mich mit einer meiner Schülerinnen angefreundet, wir haben dann auch außerhalb des Unterrichts relativ viel Zeit miteinander verbracht. Sie leidet unter starken Depressionen, die wohl aus ihrer schwierigen Kindheit, aber auch aus einer ehemaligen Beziehung zu einem deutschen Mann herrühren. Sie haben sich vor längerer Zeit getrennt, aber er schickt ihr immer noch Drohnachrichten, die auch ihren gemeinsamen kleinen Sohn betreffen. Sie hat mir gesagt, dass sie Selbstmordgedanken hat und mich gebeten, auf ihren Sohn aufzupassen, weil sie sich nicht mehr selbst um ihn kümmern kann. Die Situation hat mich komplett überfordert. Ich habe dann meinen Papa angerufen – er arbeitet bei der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese und ist mein Betreuer für den Freiwilligendienst. Er hat sich mit Schwester Piyachat in Verbindung gesetzt und ich war sehr dankbar, dass sie die Sache übernommen hat. Sie hat meine Freundin an die Therapeutin des Centers vermittelt und auch die anderen Schülerinnern nochmal auf das Angebot aufmerksam gemacht.  

Das klingt nach einer schwierigen Situation. Gibt es auch Dinge, die dich an deinem Aufenthalt bereichern?

Auch die Freundschaft mit meiner Schülerin. Wir sind einerseits sehr unterschiedlich, andererseits überwiegen aber die Gemeinsamkeiten. Wir gehen oft zusammen essen oder machen Ausflüge mit ihrem Sohn. Dank ihr habe ich Kontakte zu Einheimischen außerhalb des Centers und kann noch mehr in die Kultur hier eintauchen.

Den Kontakt mit den Schülerinnen hier finde ich insgesamt bereichernd – wenn sie etwas auf Deutsch sagen können oder ich sehe, dass ihnen der Unterricht Spaß macht. Und es sind viele kleine Momente – zum Beispiel wenn wir alle zu Just Dance tanzen – von denen ich sehr viel mitnehmen kann.  

Ende Juli geht es wieder zurück nach Deutschland. Hast du das Gefühl, in deiner Zeit in Thailand gewachsen zu sein?

Ich habe an mir selbst bemerkt, dass ich selbstbewusster und selbstständiger geworden bin. Das liegt sicher daran, dass ich ohne meine Eltern wohne und für mich selbst koche. Mein Weltbild hat sich erweitert und ich konnte tiefer in die Kultur eintauchen, als es während einer Urlaubsreise möglich gewesen wäre. Ich habe auch gelernt, dem ersten Schein nicht zu trauen und dass es überall schöne und nicht so schöne Orte gibt. Meine Eltern meinen außerdem, dass ich jetzt mehr aus mir herauskomme.

Freust du dich auf zu Hause?

Ich glaube, der umgekehrte Kulturschock wird vielleicht noch schlimmer (lacht). Ich bin zwiegespalten – ich finde es hier richtig schön und werde vieles vermissen: vor allem die Mentalität, denn Thais sind viel entspannter, zum Beispiel wenn es darum geht, etwas zu planen. Außerdem sind meine Tage nach dem Unterricht sehr frei und diese Freiheit wird mir sicher fehlen. Und ein paar Leute, wie Schwester Piyachat und die Köchin, werde ich vermissen. Gleichzeitig freue ich mich sehr darauf, meine Freunde und meine Familie wiederzusehen.

Welche Erkenntnisse nimmst du für dich mit?

Auch wenn die Arbeit hier viel Spaß gemacht hat, habe ich gemerkt, dass ich keine Lehrerin werden möchte – es fühlt sich richtig an, nach diesem Jahr wieder etwas Neues zu lernen. Ich möchte Psychologie studieren und Therapeutin werden. Dabei hat mir die schwierige Situation mit meiner Schülerin auch geholfen – es hat mich mitgenommen, aber nach einer Nacht bin ich damit klargekommen. Das war ein guter Test für mich und hat mir gezeigt, dass ich mir das zutrauen kann.  

Würdest du anderen jungen Menschen empfehlen, einen Weltkirchlichen Friedensdienst zu machen?

Ins Ausland zu gehen, ist nicht für jeden das Richtige. Aber wenn der Wunsch da ist, es zu tun und eine Weile da zu bleiben, ist es richtig gut, weil man so viel daran wächst. Die Möglichkeit, eine neue Kultur kennenzulernen, hat man in dem Maß später als Tourist nicht mehr. Es ist eine einmalige Chance und ich würde allen Interessierten empfehlen, sie zu ergreifen. 

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