Die diözesane Demokratiekampagne „Politik auf 13 Quadratmetern“ lädt in den kommenden Wochen zum Gespräch auf den Europaplatz am Tübinger Hauptbahnhof. Kampagnenleiterin Dr. Sarah Köhler, Referentin für Gesellschaftspolitik und Demokratieförderung in der Hauptabteilung „Kirche und Gesellschaft“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und Jürgen Rohleder, Leiter der Fachabteilung für Bürgerbeteiligung, Veranstaltungen und zentrale Dienste der Universitätsstadt Tübingen, äußern sich im Interview zu Inhalten und Zielen.
Frau Dr. Köhler, was genau verbirgt sich hinter der Kampagne „Politik auf 13 Quadratmetern“?
Es ist eine Kampagne der Diözese Rottenburg-Stuttgart, bei der wir gemeinsam mit vielen anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammenarbeiten, um Menschen zu erreichen, die sich abgehängt fühlen. Dazu bieten wir einen mobilen Begegnungsraum an, in dem wir ein Gesprächsangebot machen, aus dem sich dann im besten Fall Beteiligung entwickelt.
Weshalb wurde die Kampagne ins Leben gerufen?
Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt uns, dass sich rund ein Drittel der Gesellschaft politisch abgehängt fühlt. Das ist kein Zustand, den wir hinnehmen können, und daraus ergibt sich die Aufgabe für die Zivilgesellschaft, diese Menschen wieder einzubinden. Wir als katholische Kirche und Diözese Rottenburg-Stuttgart sind Teil dieser Zivilgesellschaft und deshalb wollen wir mit unserer Kampagne dazu einen Beitrag leisten.
Diesen Juni gastieren Sie mit der Kampagne auf dem Tübinger Europaplatz. Wie funktioniert Ihr Gesprächsangebot dort?
Wir laden an einem zentralen Ort zu einem Getränk und einem Snack in unseren Begegnungsort ein. Wir gehen aktiv auf die Passantinnen und Passanten zu, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und dann hören wir ihnen zu, wenn sie in Ruhe erzählen können, was sie beschäftigt, und uns mitteilen, was aus ihrer Sicht geändert werden müsste. Man kann aber auch einfach nur mit dabei sein, die Gemeinschaft genießen und einen Kaffee miteinander trinken. In unserem Team sind Vertreter:innen der unterschiedlichsten Initiativen, die sich an der Kampagne beteiligen und abwechselnd vor Ort sind. Den ganzen Monat Juni sind wir durchgängig vor dem Hauptbahnhof anzutreffen: von montags bis freitags in der Zeit von 11 bis 18 Uhr.
Herr Rohleder, Sie sagen, dass Sie vor allem zuhören möchten. Warum ist das Zuhören aus Ihrer Sicht ein wichtiger Auftrag?
Weil wir das Zuhören in unserer Gesellschaft verlernt haben. Um aber Vertrauen wieder aufzubauen, müssen wir auf das hören, was unsere Mitmenschen sagen und ihnen nicht gleich fertige Lösungen präsentieren. Aus diesem Grund ist es ganz besonders wichtig, als erstes den Menschen zuzuhören, die wir erreichen wollen.
Frau Dr. Köhler, können Sie uns sagen, welche Themen bei Ihren bisherigen Veranstaltungen am häufigsten zur Sprache brachten?
An erster Stelle steht der Vertrauensverlust in die Politik. Da gibt es einen wirklichen Beziehungsschaden. Ganz viele unserer Gäste sprechen auch soziale Themen an. Es geht um die hohen Lebensmittelkosten, Mieten und allgemein darum, sich das Leben nicht mehr leisten zu können. Drittens leiden viele unserer Gäste auch darunter, dass es keinen respektvollen Umgang mehr miteinander gibt, keine Gesprächskultur, die uns verbindet. Das Trennende überwiegt, und die Vereinsamung der Menschen ist daher auch ein großes Thema, mit dem wir immer wieder in Berührung kommen.
Herr Rohleder, das Projekt richtet sich auch an Menschen, die sich von Politik oder gesellschaftlichen Institutionen nicht mehr angesprochen und abgeholt fühlen. Gelingt es Ihnen, diese Zielgruppe zu erreichen?
Ob uns das gelingt, können wir natürlich erst in vier Wochen beantworten. Der Europaplatz, inmitten von Tübingen, erscheint uns ein guter Ort zu sein, um nicht nur diejenigen zu erreichen, die wir sonst bei Beteiligungsmaßnahmen begrüßen können. Ein Ort, an dem wir vorher noch nicht waren, und wir setzen auch darauf, dass die Verbreitung des Kampagnenangebots über die beteiligten Initiativen und deren Netzwerke die Werbetrommel für uns rührt.
Was, denken Sie, können die Besucherinnen und Besucher von ihren Gesprächen bei „Politik auf 13 Quadratmetern“ für sich mitnehmen?
Das Gefühl, da gibt es Leute, die mir zuhören. Da ist jemand, der meine Anliegen an die Menschen in Verantwortung weitergibt und sich verlässlich darum kümmert.
Und wie gehen Sie mit den gesammelten Meinungen um – was möchte die Kampagne bewirken?
Alle Karten, die wir anbieten, um uns Anliegen anonym mitzuteilen, werden täglich gesammelt und gesichert. So entsteht ein lückenloses Bild der gesammelten Stimmen über die vier Wochen hinweg. Nach Abschluss der Aktion am 3. Juli sichten Vertreter:innen aller beteiligten Organisationen dann gemeinsam den gesamten Kartenbestand. Anliegen werden gebündelt und nach Themen und Zuständigkeiten geordnet, und die Themen werden auch den jeweils zuständigen Organisationen zugeordnet, die ein Anliegen dann aktiv weiterverfolgen möchten. So erhalten die gesammelten Anliegen eine Adresse – Gemeinderat, Verwaltung oder zivilgesellschaftliche Träger. Relevante Themen werden in Gemeinderatssitzungen, Fachausschüssen und weiteren Entscheidungsgremien eingebracht. Alle Anliegen werden auch dahingehend geprüft, ob Bürgerbeteiligungsformate aus ihnen entstehen können. Unsere Botschaft an die Menschen, die sich uns mitteilen, ist also klar und deutlich: Ihr Anliegen endet nicht mit dem Abgeben der Karte. Ihre Stimme zählt – und wir machen transparent, wie es weitergeht. Die Fragekarten können übrigens auch online ausgefüllt werden unter www.politikauf13qm.de.
Wie werden die Menschen ab Juli vom weiteren Vorgehen erfahren?
Zunächst wird es von Juli bis August im Tübinger Rathaus eine Ausstellung aller eingegangenen Karten und Stimmen geben. Eine Zusammenfassung der Themen, deren Häufigkeiten und Zuordnungen wird außerdem auf den Webseiten der Kampagne und der Stadt veröffentlicht – transparent und öffentlich zugänglich für alle Beteiligten. Schließlich bieten wir hier auf dem Europaplatz allen die Teilnahme an einer Telefonaktion an, bei der datenschutzrechtlich konform die Telefonnummer erfasst wird und wir so die Möglichkeit einer direkten Rückmeldung geben. Wer sich hier einträgt, den rufen wir an und informieren darüber, welche seiner Themen weiterverfolgt werden, welche Organisation sich darum kümmert und was konkret als Nächstes passiert. Das schafft Verbindlichkeit.
Frau Dr. Köhler, die Pilotphase des Projekts endete mit der Landtagswahl. Welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewonnen?
Wir haben viele Erkenntnisse über unser Angebot gewonnen und darüber, was es braucht, damit Menschen sich wohlfühlen: Eine sehr offene Gesprächshaltung und ein Zuhören, um des Verstehens willen. Der mobile Raum unserer Kampagne mit seinen bunten Möbeln und den Sonnenschirmen ist natürlich auch ein Hingucker, der anzieht. Außerdem gibt es bei uns etwas zu essen und zu trinken. Eine Erkenntnis unserer bisherigen Kampagnenzeit ist aber auch, dass die Information darüber, was mit den Karten passiert und wie sie ausgewertet werden, eine hohe Priorität hat und so legen wir darauf unseren Fokus.
Ende September werden Sie mit „Politik auf 13 Quadratmetern“ für mehrere Wochen in Nürtingen sein. Wie geht es danach weiter?
In Nürtingen dient unsere Präsenz der Vorbereitung für die geplante Quartiersarbeit im Stadtteil Roßdorf. Das ist dort also ein ganz eigenständiger Ansatz. Weitergehen wird die Kampagne dann 2027 mit längeren Verweildauern an zwei oder drei Standorten in der Diözese.