Herr König, als Zeugin des Lebens und der Auferstehung Jesu ist Maria von Magdalena ebenso bedeutend und verehrungswürdig wie die männlichen Jünger. Welche Bedeutung hat diese bemerkenswerte Frau heute – auch für Sie?
Maria von Magdala hat ihren prominenten Platz im Evangelium am Ostersonntag. Sie ist die erste Augenzeugin und erhält einen Auftrag: „Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte“ (Joh 20, 17f). Ich denke, in vielen Osterpredigten wird bis heute hervorgehoben, dass Christus als erstes den Frauen begegnet.
Ebenso hat Maria von Magdala ihren Gedenktag am 22. Juli, sie wird, wie alle anderen Heiligen, an diesem Tag im Stundengebet und in den anderen Gottesdiensten namentlich geehrt. Seit ihrer Ernennung zur Apostelin der Apostel durch Papst Franziskus 2016 ist dieser Tag ein Festtag, für die Eucharistiefeier gibt es eine eigene Präfation, die hervorhebt, dass sie beim Kreuz dabei war, am Grab weinte und den Auftrag zur Botin erhielt.
Ich finde es immer eine Herausforderung, die besondere und geistliche Beziehung von Maria von Magdala und Christus hervorzuheben, ohne den kitschigen Darstellungen zu folgen, die an eine engere Liebesbeziehung denken, und ohne in alte Klischees zu verfallen, die das Emotionale und Übersinnliche gern der Weiblichkeit zuordnen würden. Beides wird der Maria von Magdala nicht gerecht. Jesus hat sich ein Leben lang besonders denen zugewendet, die in der Gesellschaft benachteiligt und übersehen wurden. Das zeichnet die Botschaft Jesu aus bis hin zum Ostermorgen und damit bis heute.
Herr König, warum stand sie dann in der Kirche so viele Jahrhunderte nicht auf der gleichen Ebene wie die zwölf Apostel?
Die römisch-katholische Kirche legt immer Wert darauf, festzuhalten, dass sie in der Tradition der Apostel stehe und das Erbe der Apostel fortsetze. Bisher war immer an männliche Apostel gedacht, weil die 12 Apostel als Vertreter der 12 Stämme Israels als Männer bekannt sind. Aber andere wurden ebenso von Christus berufen und als Bote und Botin entsandt.
Mit der Reduzierung auf die 12 Apostel wurde lange Zeit begründet, warum es keine Weiheämter für Frauen in der römisch-katholischen Kirche gibt. Die Vorrangstellung der Männer in den Leitungsämtern der Kirche ist aber theologisch nicht begründbar. Das Leben Jesu fordert über seine Auferstehung hinaus dazu auf, alle Menschen gleichermaßen in den Blick und in die Verantwortung zu nehmen. Seine Botschaft gilt allen Menschen und alle Menschen sind berufen, die Botschaft weiterzutragen.
Frau Niggemeyer, wie kam es dazu, dass sie gerade in Ihrer Kirche einen eigenen Gedenkstein bekommen hat?
Die Gruppe Maria 2.0 in Ditzingenhatte eine Zusammenstellung von Themen erarbeitet, die im Kontext des Kirchenrechts umsetzbar wären und dadurch unsere Kirche etwas geschlechtergerechter erscheinen ließen. Diese Ausarbeitung wurde vom 11. Diözesanrat aufgegriffen und inspirierte den Flyer der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur „Geschlechtersensiblen Pastoral“. Bei einer Beratung des Flyers im Kirchengemeinderat im Herbst 2025 fiel der Entschluss, die Apostelsteinreihe in St. Maria Ditzingen um den Apostelinstein „Maria von Magdala" zu ergänzen.
Frau Niggemeyer, wie hat der Kirchengemeinderat, wie hat die Gemeinde reagiert? Gab es Diskussionen?
Selbstverständlich gab es Diskussionen, insbesondere zum Flyer. Doch bei der Konzentration auf das Mögliche und Machbare entwickelte sich die Idee, Maria von Magdala zu ehren und somit ein Zeichen für die vielen zur Verkündigung berufenen Frauen zu setzen, namentlich sei genannt Marta, die als erste Christus bezeugt hat, Junia, die im Römerbrief Apostelin genannt wird oder auch die Diakonin Phoebe. Die Stimmen aus der Gemeinde sind durchweg positiv; bei der Einweihung am Sonntag sind die Menschen scharenweise nach vorn gegangen, um den Stein genauer anzusehen.
Frau Niggemeyer, warum ist dieses kleine Zeichen der Gleichberechtigung dennoch so wichtig?
„Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt“ - weitere dürfen folgen. Der Stein sorgt für das Gespräch miteinander und die Auseinandersetzung darüber, was wir uns als Gemeinde wünschen in Bezug auf weitere Schritte zur Gleichberechtigung. Die Ehrung der Maria von Magdala ist ein deutliches und mahnendes Zeichen dafür, dass die Charismen der Frauen, insbesondere ihre Berufung zum Priestertum beachtet und genutzt werden sollte. Mit Blick auf das Projekt „Kirche der Zukunft“ in unserer Diözese, das Umstrukturierung mit sich bringt, ist es zukunftsdienlich, dass die Gläubigen sich einbringen können und berufene Frauen im pastoralen Dienst ihren Platz haben.