Den Stein ins Rollen gebracht hatte übrigens die Ulmer Münsterbauhütte, vertreten durch den Dekan der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm, Ernst-Wilhelm Gohl: Im Rahmen eines dreigliedrigen Verfahrens stellte sie 2015 beim baden-württembergischen Kultusministerium den Antrag auf Eintragung in das Register Guter Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes, dem sich zwei Jahre später ein um die Bauhütten Freiburg und Köln erweiterter Antrag in das bundesweite Register anschloss. Großen Anteil an diesen Bemühungen hatte auch der im April 2020 verstorbene Ulmer Münsterarchitekt Michael Hilbert. Dem 2019 bei der Unesco eingereichten internationalen Antrag schlossen sich 18 Bauhütten an. Der volle Name der Bewerbung lautete: „Das Bauhüttenwesen der Großkirchen Europas – Weitergabe, Dokumentation, Bewahrung und Förderung von Handwerkstechniken und -wissen“.
Gerade in dieser Kontinuität, einem „nachhaltigen, langfristigen Blick auf das Bauwerk“ liege der besondere Wert der Bauhütten, erklärt die Gmünder Bauhütten-Leiterin Adelheid Maria Weber: „altes Wissen erhalten und die Tradition fortführen und dabei neue Technologien einfließen lassen“. Ohne das von Generation zu Generation weitergetragene Bauhüttenwissen wäre es über die Jahrhunderte wohl kaum gelungen, die kulturprägenden Bauwerke in so gutem Zustand zu erhalten.
Identitätsstiftende Komponente
Ein wichtiges Kriterium für die Unesco-Anerkennung als Gutes Praxisbeispiel sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente. „Die Münsterbauhütte ist über die Kirchengemeinde in der Gesellschaft vernetzt, so mit dem Münsterbauverein, den Salvatorfreunden e.V., der Volkshochschule, dem Arbeitskreis Alt-Gmünd, dem Geschichtsverein und der europäischen Kirchenmusik“, schreibt Münsterarchitekt Paul Philipp Waldenmaier in dem kürzlich erschienenen Buch „Europäische Bauhütten: Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“. Darin sind die einzelnen Bauhütten vorgestellt. Es ist unter anderem beim Münsterpfarramt am Münsterplatz 5 erhältlich.
Vernetzung gibt es aber auch in Bezug zu benachbarten Gewerken und durch länderübergreifenden Austausch, etwa im Rahmen der jährlich stattfindenden Internationalen Tagung der Dombau-, Münsterbau- und Hüttenmeister. Eva-Maria Seng, Professorin für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Universität Paderborn, resümiert in dem Buch "Europäische Bauhütten": "Das Hüttenwesen kann so auch als ideale europäische Idee gesehen werden, weil es regional verortet ist, überregional ausstrahlt und international modellhaft in der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister vernetzt ist."
Das Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd ist die erste große Hallenkirche Süddeutschlands und das Ausgangswerk der Baumeisterfamilie Parler. Dieses Kulturdenkmal von europäischem Rang zu erhalten und zu pflegen, ist Aufgabe der Münsterbauhütte.