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Eine Marienfigur ertasten dürfen

Welche Erfahrungen Sehbehinderte in Kirchen und bei Veranstaltungen machen, darüber spricht Ulrike Rauber aus Baindt im Interview.

Baindt
Auf der linken Seite ist das Porträtfoto von Ulrike Rauber zu sehen. Rechts dunkel und sehr verschwommen die Orgel und das westfenster der Kirche in Baindt.

Ulrike Rauber (Foto: Nikolaus Grünwald) erzählt, wie Sehbehinderte Kirchenräume wahrnehmen - Foto Kirche Baindt und Bearbeitung: DRS/Markus Waggershauser

Betreten sehende Menschen ein Gotteshaus, bekommen sie zuerst einen optischen Eindruck des Raumes. Strahlt er in barocker Pracht oder lenkt die schlichte Moderne den Blick auf die wesentlichen Elemente? Wir haben Ulrike Rauber gefragt, wie Blinde und Sehbehinderte sich in kirchlichen Gebäuden sowie Veranstaltungen zurechtfinden und welche Inklusionsschritte notwendig sind.

Frau Rauber, was nehmen blinde Menschen als Erstes wahr, wenn Sie in eine Kirche kommen?

Wahrnehmbar ist der Klang und der Hall des Raumes, das Leben im Raum, der Geruch. Und natürlich die Größe und das Material, welches verwendet wird, ob Holz oder Marmor. Auch ist es so, dass die allerwenigsten blinden Menschen überhaupt keine Lichtwahrnehmung haben. Somit ist der Lichteinfall durchaus bedeutsam - wenn auch vielleicht nicht das Wichtigste. Ob und wie eine Kirche gestaltet ist, muss ich ertasten.

Wie könnten die Kirchen hierbei für Sie barrierefreier werden?

Das hängt sehr oft von der Kirchengemeinde ab, wie offen sie ist. Hier spielen persönliche Beziehungen eine größere Rolle.
Anonyme Barrierefreiheit ist hier meines Erachtens für blinde Gottesdienstbesucher weniger wichtig. Keine blinde Person traut sich in einer Kirche alleine eine geschnitzte Madonnenfigur oder das barocke Chorgestühl zu ertasten. Aber dies überhaupt einmal im Rahmen einer Führung zu "dürfen" - etwa auch eine Monstranz -, das ist noch nicht selbstverständlich.

Die Übersicht, wann Gottesdienste stattfinden, oder sogar der Hinweis, welche der Kirchentüren geöffnet ist, hängen meist schriftlich aus. Wie können Sie sich da orientieren?

Die meisten blinden Personen, welche regelmäßig zur Kirche gehen, haben hier einen festen Bekanntenkreis. Informationen werden ausgetauscht. Ich selbst würde auch hier in der Gemeinde Bekannte fragen, welche regelmäßig Gottesdienste besuchen. Wenn ich als blinde Person in eine neue Gemeinde ziehe, muss ich mich neu orientieren. Dieser Prozess ist viel schwerer, als dies bei sehenden Kirchgängern der Fall ist. Dazu gehört eine Menge Mut und Durchhaltevermögen.

Haben die Regelungen wegen der Coronapandemie die Situation verändert?

Es ist seit dem letzten Jahr einfach schwerer an Veranstaltungen teilzunehmen. Wenn ich mich irgendwo mit einer App anmelden muss und irgendwo einen Platz mit einer Schwarzschriftnummer versehen finden soll, ist mir der Aufwand zu groß und ich bleibe weg.

Wie kann es gelingen, Menschen mit einer Sehbehinderung im Bereich der Kirche stärker zu integrieren?

Gottesdienste gehören zu einem sehr alten Ritual. Schon mit dem Hineinwachsen der Kinder und Jugendlichen werden die Gemeindemitglieder damit vertraut gemacht. Wichtig empfinde ich dabei, dass es selbstverständlich sein soll, Menschen egal welcher Behinderung in diese Jugendarbeit einzubinden und somit aktive und selbstverständliche "Inklusion" zu schaffen. Kinder und Jugendliche gehen vielfach sehr viel selbstverständlicher mit Behinderung um.

Kennen Sie gelungene Beispiele von Inklusion in der Kirche?

Es gibt einige blinde Personen, welche sich beispielsweise im Kirchenchor engagieren oder auch als Kirchenmusiker und Organist tätig sind. Sie haben ihren Weg gefunden am Gemeindeleben teilzunehmen. Das Visuelle verlagert sich eben mehr zum Akustischen hin.

Zur Person

Ulrike Rauber ist 55 Jahre alt und von Geburt an blind. Sie unterrichtet als Lehrerin am Sonderpädagogischen Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt Sehen in Baindt, welches zur Stiftung St. Franziskus in Heiligenbronn gehört. Bei der Veranstaltung "Seheinschränkungen und Blindheit - Ich seh den Fettnapf" der katholischen Erwachsenenbildung in Ravensburg wirkt sie als Referentin mit.

Seheinschränkungen und Blindheit - "Ich seh den Fettnapf!"

Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) Kreis Ravensburg e.V. in der Reihe "Der Mensch und die Inklusion"

Mittwoch, 30. Juni, 19 Uhr als Videokonferenz

Online-Anmeldung bis 28. Juni - Die Veranstaltung ist kostenfrei

Die Referenten an diesen Abend sind überwiegend Menschen, die von Geburt an mit Sehschwierigkeiten leben oder diese Einschränkung im Laufe ihres Lebens erworben haben. Sie berichten aus ihrem Alltag und erzählen, wie sie durch Barrieren behindert werden. Als Experten in eigener Sache informieren sie über Hilfsmittel, die sie im Alltag nutzen und erklären, warum Blindenführhunde das Leben erleichtern können.

Die keb Ravensburg kooperiert hierbei mit INIOS - Netzwerk für Inklusion in Oberschwaben, mit der Kreisbehindertenbeauftragten des Landkreises Ravensburg, mit Seelsorge bei Menschen mit Behinderung, mit Seelsorge bei Menschen mit Hörschädigung, mit der keb der Dekanate Biberach und Saulgau e.V., mit der Bezirksgruppe Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg e.V. und mit dem Sonderpädagogischen Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt Sehen in Baindt.

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