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Pfarrer spricht über Erdbebenkatastrophe in Venezuela

Nach den Erdbeben in Venezuela berichtet ein Pfarrer aus Metzingen von der Not seiner Heimat und den Hilfsaktionen der Kirche.

Metzingen (Württemberg)
Nach einem Erdbeben in Venezuela sind Helfer mit schwerem Gerät im Katastrophengebiet, um nach Verschütteten zu suchen. In der Mitte des Bildes stehen zwei Helfer, die bunten Westen mit dem Zeichen der Caritas Venezuela tragen. Caritas Venezuela / Caritas international

Nach den schweren Erdbeben im Norden Venezuelas ist die katholische Kirche von Beginn an präsent und stellt sich entschieden an die Seite der Leidenden, berichtet der Metzinger Pfarrer Marco Antonio Rodriguez Rivas, der aus dem südamerikanischen Land stammt. Bild: Caritas Venezuela / Caritas international

Marco Antonio Rodriguez Rivas in Metzingen ist leitender Pfarrer der dortigen St. Bonifatiusgemeinde und stammt aus Venezuela. Im Interview spricht er über die Erdbebenkatastrophein seinem Heimatland.   

Herr Rodriguez, Sie stammen aus Venezuela, leben und arbeiten aber als Pfarrer in Deutschland. Wie haben Sie von den Erdbeben erfahren, und was ging Ihnen im ersten Moment durch den Kopf?

Am 25. Juni, gegen 3 Uhr morgens, erhielt ich zahlreiche Anrufe von meinem Cousin Jofre, der in Venezuela lebt. Er schickte mir Videolinksmit Berichtenüber das Erdbeben. Sofort wurde mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst, und mir war klar, dass die Situation die staatlichen Ressourcen und Hilfsangebote bei Weitem überforderte. Es zeigte sich schnell, dass es sich nicht um ein leichtes Erdbeben handelte, wie es dort immer wieder vorkommt. Mit jeder Stunde wurde das wahre Ausmaß der Katastrophe deutlicher.

Haben Sie Familie oder Freunde, die in der betroffenen Region leben und welche Nachrichten bekommen Sie von dort? 

Ja. Das Epizentrum beider Erdbeben lag in der Nähe von San Felipe, dem Sitz des Bistums, in dem ich zum Priester geweiht wurde und bis zu meiner Versetzung nach Deutschland tätig war. Dort leben viele Mitbrüder, Freunde und Bekannte, die unmittelbar von den Folgen der Erdbeben betroffen sind. Die Stromversorgung, der Verkehr sowie die Kommunikationsnetze funktionieren nur eingeschränkt, was die Lage zusätzlich erschwert. Einige von ihnen haben mich bereits kontaktiert und mich eindringlich um Hilfe gebeten.

Wie erleben Sie die Situation aus der großen Distanz heraus und gibt es etwas, das Ihnen besonders Sorge bereitet?

Ich kann sagen, dass diese Situation mein Leben in jeder Hinsicht beeinflusst – besonders meine seelsorgerische Tätigkeit. Am schwersten wiegt für mich die Tatsache, dass ich aus politischen Gründen nicht nach Venezuela zurückkehren kann, um meinen Brüdern und Schwestern in dieser Tragödie beizustehen. Diese Ohnmacht belastet mich sehr. Die Bilder und Berichte, die täglich über die sozialen Medien verbreitet werden, erfüllen mich mit tiefer Trauer. Hinzu kommt, dass ich der einzige venezolanische Priester in dieser Diözese bin und es in meiner Gemeinde nur wenige Venezolaner gibt. Lediglich einige wenige Familien gehören unserer christlichen Gemeinschaft an. Deshalb ist es für mich schwierig, Hilfsaktionen zu organisieren, wie sie in anderen deutschen Städten bereits stattfinden. Meine größte Sorge gilt jedoch meiner Schwester und ihren drei Töchtern, die in Caracas leben. Meine Nichten konnten sich und ihre Familien nur knapp retten. Sie schafften es, die schwer beschädigten Wohngebäude, in denen sie lebten, rechtzeitig zu verlassen. Derzeit sind alle drei Familien vorübergehend im Haus meiner Schwester untergebracht. Die Situation ist äußerst schwierig: Viele Menschen leben auf engstem Raum, ohne zuverlässige Stromversorgung und mit nur eingeschränktem Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie befinden sich in einer wirklich verzweifelten Lage. Ich habe ihnen zwar etwas Geld geschickt, doch das kann den Schmerz über den Verlust ihres Zuhauses und ihrer Lebensgrundlage nicht lindern. Was sie verloren haben, lässt sich nicht allein durch finanzielle Hilfe ersetzen.

 

 

Wie lässt sich die momentane Lage der Menschen in dem Katastrophengebiet aus Ihrer Sicht am besten beschreiben und was sind im Moment die größten Sorgen der Bevölkerung dort?

Nach den Berichten meiner Familie empfindet ein großer Teil der Bevölkerung die Erdbeben als den traurigen Höhepunkt einer langen Kette von Tragödien, die unser Land seit Jahren erschüttern. Das unermessliche Leid unter der kommunistischen Diktatur, die Massenabwanderung von Millionen Venezolanern in andere Länder Amerikas und Europas, die weit verbreitete Kriminalität und Korruption sowie der Verlust von Sicherheit und Stabilität haben das Land bereits tief gezeichnet. Mit den verheerenden Erdbeben scheint dieses Leid für viele Menschen nun seinen schmerzhaften Höhepunkt erreicht zu haben. Viele Venezolaner haben das Gefühl, dass mit dieser Katastrophe auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und auf ein Leben in Freiheit, die sie über Jahre hinweg trotz aller Schwierigkeiten bewahrt haben, endgültig zerbrochen ist.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die katholische Kirche in Venezuela in einer Notsituation wie dieser? 

In Venezuela hat die katholische Kirche seit vielen Jahren eine führende Rolle im gesellschaftlichen Leben übernommen. Angesichts von Unterdrückung, Korruption und den zahlreichen Missständen unter der Diktatur haben Bischöfe, Priester, Ordensgemeinschaften und engagierte Laien stets den Mut bewiesen, Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten öffentlich anzuprangern. Dabei ist es der Kirche gelungen, ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung zu bewahren. Über Caritas und ihre Menschenrechtsarbeit hat sie den Verfolgten, den Bedürftigen und den Tausenden zu Unrecht Inhaftierten eine Stimme gegeben und ihnen konkrete Hilfe geleistet. Auch in diesen tragischen Tagen stehen Pfarreien, Ordensgemeinschaften und kirchliche Hilfswerke an vorderster Front. Innerhalb kürzester Zeit wurden im ganzen Land Tausende von Sammelstellen eingerichtet und Hilfsaktionen organisiert, um den Betroffenen beizustehen. Die staatlichen Stellen waren nicht in der Lage, den dringendsten Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden. Die Kirche hingegen war von Beginn dieser Tragödie an präsent und hat sich entschieden an die Seite der Leidenden gestellt.

Wissen Sie, in welchen Bereichen die Kirche vor Ort konkret Hilfe leistet?

Ja. Die Kirche sammelt und verteilt Hilfsgüter wie Lebensmittel, Kleidung und finanzielle Unterstützung für die Betroffenen. Darüber hinaus bietet Caritas psychologische und seelsorgliche Begleitung an, um Menschen in ihrer Not beizustehen und ihnen neue Hoffnung zu schenken. Zugleich unterstützt sie die Kommunikation mit den Familien der Opfer und Betroffenen, die außerhalb Venezuelas leben, und informiert sie über die aktuelle Lage ihrer Angehörigen.

Und haben Sie von Reaktionen der Menschen darauf mitbekommen?

Ich habe aus erster Hand zahlreiche Berichte über die Reaktionen der Menschen erhalten. Sie sprechen von tiefem Schmerz, großer Enttäuschung und anhaltender Unsicherheit. Zugleich herrscht eine große Dankbarkeit gegenüber der Kirche und den internationalen Rettungsteams, die aus verschiedenen Ländern nach Venezuela gekommen sind. Ihnen ist es in den vergangenen Tagen gelungen, Tausende von Menschenleben zu retten. Ebenso deutlich ist jedoch die Kritik an der unzureichenden Reaktion der Regierung. Viele Menschen empfinden es als unverständlich und in dieser Notsituation sogar als unverantwortlich, dass einigen internationalen Rettungsbrigaden die Einreise verweigert wurde – offenbar allein deshalb, weil sie aus Ländern stammen, deren Regierungen die politischen Positionen Venezuelas nicht teilen.

Erleben Sie auch, wie Menschen in Ihrer Gemeinde in Metzingen Anteil nehmen?

Derzeit finden in Metzingen keine organisierten Hilfsaktionen für die Erdbebenopfer in Venezuela statt. Ich selbst konnte lediglich einen kleinen Geldbetrag durch die Unterstützung von Freunden und Bekannten sammeln, um einigen besonders bedürftigen Menschen in Venezuela unmittelbar helfen zu können.

Und haben Sie vor Ort etwas organisiert, um Betroffenen in Venezuela zu unterstützen oder planen Sie etwas in dieser Richtung?

Da es mir leider nicht möglich ist, Hilfsgüter oder andere Sachspenden nach Venezuela zu schicken, kann ich derzeit auch keine entsprechenden Hilfslieferungen organisieren. Deshalb konzentriere ich mich darauf, im Kreis der Lateinamerikaner, die ich kenne, Geldspenden zu sammeln und diese direkt an Menschen in akuten Notlagen weiterzuleiten. Die ersten Hilfen sind bereits auf dem Weg zu den betroffenen Familien. Ich hoffe sehr, dass wir in den kommenden Wochen weitere finanzielle Unterstützung erhalten, um den Menschen helfen zu können, mit denen ich bereits in Kontakt stehe und die dringend auf Hilfe angewiesen sind.

 

Zur Person:

Geboren ist Marco Antonio Rodriguez Rivas in Venezuelas Hauptstadt Caracas, wo er 1992 an der Jesuitenuniversität das Lizenziat in Katholischer Theologie erwarb. 1989 erhielt er im Dom von San Felipe die Priesterweihe und wirkte dort auch als Vikar und Pfarrer. Nach seinem Weiterstudium am Bibelinstitut der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, während dessen er auch in Kirchengemeinden als Priester mitarbeitete, kehrte er 1997 als Polizeiseelsorger, Pfarrer und Dekan in seine Heimatdiözese San Felipe zurück, übernahm diözesane Aufgaben und lehrte als Exeget im Priesterseminar von Caracas. Im Jahr 2014 kam Rodriguez Rivas nach Oberschwaben und wirkte als Pfarrvikar zunächst in Baienfurt und seit 2019 an der Basilika in Weingarten. 2020 nahm ihn Bischof Dr. Gebhard Fürst in den Klerus der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf.

Zum Hintergrund

Nach Einschätzung der zuständigen Regionalreferentin der Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Hauptabteilung „Weltkirche“ ist derzeit noch nicht absehbar, welche Auswirkungen die jüngste schwere Erdbebenkatastrophe in Venezuela auf die Fluchtbewegungen im Land haben wird. Bereits vor den Beben sei jedoch eine stete Zahl an Venezolaner:innen vor den immer schwieriger werdenden Verhältnissen aus dem Land geflohen. Um diesen Geflüchteten zu helfen, engagiert sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart in insgesamt 18 Hilfsprojekten in Kolumbien, Peru und Brasilien, und hat während der vergangenen neun Jahre rund drei Millionen Euro aus Kirchensteuermitteln dafür bereitgestellt. Dank dieser Hilfsprojekte erhalten die aus Venezuela Geflüchteten beispielsweise Nahrungsmittel und sichere Unterkünfte sowie Transport, Rechtsberatung, Miethilfen und Unterstützung beim Aufbau einer neuen wirtschaftlichen Existenz.  

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