Zum Inhalt springen

„Erste Hilfe für die Seele“

Was leistet die Notfallseelsorge? Wolfram Rösch spricht im Interview über den Einsatz in Rot am See.

Notfallseelsorger Wolfram Rösch

Als Notfallseelsorger gehört Wolfram Rösch zum Kriseninterventionsteam im Landkreis Schwäbisch Hall. Foto: drs/Guzy

Wolfram Rösch ist es wichtig, dass die Kirche gerade in schwierigen Situationen präsent ist, um die Menschen nicht allein zu lassen. Daher ist der Pastoralreferent der Kirchengemeinde St. Markus in Schwäbisch Hall seit 1999 als Notfallseelsorger im Einsatz. So wurde er nach dem Vorfall in Rot am See alarmiert. Der 56-Jährige, der auch eine Ausbildung zum Feuerwehrmann vorweisen kann, spricht im Interview von der Arbeit des Betreuungsteams.

Welche Aufgabe hatten Sie beim Einsatzfall in Rot am See?
Ich war der leitende Notfallseelsorger. Der leitende Notfallseelsorger ist in den Krisenstab eingebunden. Er koordiniert den Einsatz und ist Ansprechpartner vor Ort. Er nimmt Rückmeldungen und Anfragen auf, leitet sie weiter an den Kopf des Kriseninterventionsteams, verteilt neue Aufgaben und hält Kontakt zu den Einsatzkräften.

Wie ist die Notfallseelsorge organisiert?
Im Landkreis Schwäbisch Hall gibt es ein Kriseninterventionsteam. Es besteht aus Notfallseelsorgern von hauptamtlicher katholischer und evangelischer Seite und aus ausgebildeten Ehrenamtlichen, die sich aus den Rettungsdiensten rekrutieren.

Wer schaltet sie ein?
Das Kriseninterventionsteam hat einen sogenannten Kopf, der 24 Stunden an 365 Tagen garantiert ansprechbar ist. Er wird von der Leitstelle alarmiert und verständigt dann die einzelnen Notfallseelsorger, um sie vor Ort zu schicken.

Wie halfen die Mitglieder des Kriseninterventionsteams, die Sie leiteten?
Es waren anfangs sechs Helfer im Einsatz. Die wurden aufgeteilt: zwei haben zum Beispiel die Schwerverletzten betreut, andere die Zeugen. Später kamen noch zwei weitere Kräfte zur Unterstützung und Ablösung dazu.

Wie sieht diese Betreuung konkret aus?
Es geht darum, einfach da zu sein - dass jemand da ist, der auch die Ohnmacht mit einem aushält. Wir können Abflüsse schaffen, zum Beispiel indem jemand einfach seine Wut äußern kann, Stabilität vermitteln, Kontakt anbieten.

Ist mit dem Einsatz der Fall für die Notfallseelsorge abgeschlossen?
Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele. Mit dem Einsatz ist die Aufgabe abgeschlossen. Das wird auch dokumentiert. Die Nachsorge ist nicht die Aufgabe der Notfallseelsorge. Weitere Formen der Nachbetreuung sind aber wichtig. Oft hilft eine gemeinsame Trauerfeier.

Was ist das Schwierige an der Arbeit als Notfallseelsorger?
Es ist die Spannung zwischen Distanz und Nähe: Ich muss bedenken, es sind nicht meine Angehörigen, aber dennoch genug Einfüllungsvermögen aufbringen. Man muss als Mensch stabil sein.

Gibt es für die Notfallseelsorger selbst eine Betreuung?
Wir machen eine Einsatznachbesprechung, wie es bei allen Rettungsorganisationen üblich ist. Über seinen Rettungsdienst kann jeder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Als Notfallseelsorger hat man Anspruch auf Supervision.

Was hilft Ihnen, mit den Erlebnissen umzugehen?
Mir tut ein Gebet gut. Es hilft, als Theologe ein Repertoire zu haben. Das gute am Christentum ist, dass man auch seine Ohnmacht und Wut vor Gott bringen kann, ohne dass er gleich Blitze auf einen schleudert.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung als Notfallseelsorger jemandem empfehlen, der von einem schweren Unglücksfall betroffen ist?
Er sollte überlegen, wo er Sicherheit findet, was ihm Halt gibt. Jemand hat mir zum Beispiel erzählt, dass er abends wieder seine Benjamin-Blümchen-Kassetten von früher hört. An so etwas kann man sich festhalten. Das Gespräch in einer Gruppe kann helfen. Oft gibt es da aber zunächst eine persönliche Hürde. Abschied nehmen zu können, ist wichtig. Daher ist auch die Beerdigung so wichtig.
 

Notfallseelsorge

Die Notfallseelsorge ist grundsätzlich ein ökumenisches Angebot. Auf dem Gebiet der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist sie unterschiedlich organisiert. Es gibt Landkreise ohne ein kirchlich verantwortetes Angebot und solche mit einem kirchlich verantworteten Angebot. Daneben gibt es Regionen mit einem gemeinsamen Angebot der kirchlichen Notfallseelsorge und der Krisenintervention durch eine rettungsdienstliche Organisation. Dieses Modell findet sich in 14 Landkreisen und überwiegt damit. 


Pro Jahr gibt es insgesamt ungefähr 2000 Einsätze für die Notfallseelsorge. Etwa 600 Menschen engagieren sich in den württembergischen Landkreisen haupt- und ehrenamtlich in der kirchlichen Notfallseelsorge, darunter sind rund ein Sechstel katholische, hauptberufliche Seelsorgerinnen und Seelsorger.
 

Mehr zum Autor

Aktuelles

zum Thema

Anja Zeller

Ein Euro pro Katholik:in

Ludwigsburg (Württemberg)

Kirchengemeinden im Dekanat Ludwigsburg spenden gemeinsam 46.737,72 Euro. Spendenübergabe an die Kinderstiftung Springinsfeld.

Arkadius Guzy

Spiritueller Feingeist mitten in der Stadt

Heilbronn

Pfarrer Roland Rossnagel, Dekan des Dekanats Heilbronn-Neckarsulm, verabschiedet sich am kommenden Sonntag in den Ruhestand.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Lothar Schubert neu im Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung

Rottenburg

Lothar Schubert gehört seit dem Sommer dem Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung an. Diese fördert die pastoralen Dienste innerhalb der Diözese.

Franziska Deubel

Diese Orgel schwebt von A nach B

Wer am Tag des Offenen Denkmals am 13. September etwas Besonderes sehen möchte, für den kommt vielleicht die schwebende Orgel in Alpirsbach in Frage.

Bild: picture alliance SZ Photo Alessandra Schellnegger

Christliche Kirchen gratulieren zum jüdischen Neujahrsfest

Rottenburg am Neckar

Bischöfe und Bischöfin aus Baden-Württemberg übermitteln ihre gemeinsamen Glück- und Segenswünsche und äußern ihre Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Christian Turrey

War der 11. September vorhergesagt?

Ein New Yorker Künstler gestaltet in den 90er Jahren einstürzende Brücken und fallende Twin Towers aus Stein. Eine Prophezeiung für den Anschlag 2001?

Matthias Zahner

Beeindruckende Wegmarken des Glaubens

Rottenburg am Neckar

Der emeritierte Bischof Dr. Fürst und Weihbischof Dr. Schneider segnen den nun vollständig restaurierten Prozessionsweg im Weggental in Rottenburg.