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Frieden wächst, wo Menschen einander begegnen

Bischof Dr. Klaus Krämer besucht Friedens-, Bildungs- und Klimaprojekte in Burundi. In Nyanza Lac eröffnet ein Zentrum für Frieden und Versöhnung.

Rottenburg
Pater Herménégilde im Gespräch mit Bischof Dr. Klaus Krämer. Angelika Sönnichsen

Pater Herménégilde im Gespräch mit Bischof Dr. Klaus Krämer. Foto: DRS/Sönnichsen

Mehr als 1.000 Menschen drängen sich in der Kirche von Nyanza Lac. Farbenfrohe Gewänder, Gesänge und die spürbare Vorfreude prägen den Festgottesdienst. Gemeinsam stehen Bischof Salvator Niciteretse von Bururi und Bischof Dr. Klaus Krämer am Altar. Es ist ein besonderer Moment der Pastoralreise des Bischofs von Rottenburg-Stuttgart: An diesem Tag wird im Süden Burundis ein Ort eröffnet, der dem Frieden Raum geben soll.

Nyanza Lac liegt am Tanganjikasee, nahe der Grenze zu Tansania. Die dicht besiedelte Region ist geprägt von Migration, Landkonflikten und der Rückkehr ehemals Geflüchteter. Menschen unterschiedlicher Herkunft leben hier auf engem Raum. Viele Familien bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft, doch nutzbare Flächen sind knapp. Wo Ressourcen fehlen und unverheilte Erfahrungen fortwirken, können Spannungen schnell wachsen. 

Mitten in dieser Situation öffnet das „Centre pour la Paix et la Réconciliation de Nyanza“ seine Türen. Das neue Friedenszentrum richtet sich an Jugendliche, kirchliche und gesellschaftliche Verantwortliche sowie Friedensinitiativen aus Burundi und den Nachbarländern. 

Verzeihen als Voraussetzung für Zukunft

Bischof Salvator findet im Gottesdienst deutliche Worte: Ohne Vergebung und Frieden gebe es keine Zukunft. Hass erzeuge neuen Hass und könne schließlich in Krieg münden. Dieser Entwicklung müsse entschieden entgegengetreten werden.

Wie notwendig diese Haltung ist, zeigt die erste Podiumsdiskussion im neu eröffneten Zentrum. Auf Einladung der Diözese Bururi sprechen die Teilnehmenden darüber, wie Frieden wachsen kann – zwischen einzelnen Menschen, innerhalb einer Gesellschaft und über Grenzen hinweg.

Bischof Krämer warnt unter Bezug auf Papst Leo XIV. vor einer Kultur, die Konflikte normalisiert und rechtfertigt. Wo Populismus Menschen in Freunde und Feinde einteile, beginne eine gefährliche Entwicklung: Gewalt werde zunehmend als legitimes Mittel der Macht betrachtet. 

Zentrum als Zeichen der Hoffnung

Dieser Logik gelte es eine „Zivilisation der Liebe“ entgegenzusetzen – mit Worten, die entwaffnen, mit Gerechtigkeit und mit der Bereitschaft zum Dialog. „Ein stetiger Dialog zwischen Menschen und Nationen ist das wichtigste Mittel für ein friedvolles Miteinander“, betont Bischof Krämer. Das neue Zentrum sei deshalb ein Zeichen der Hoffnung: ein Ort, an dem eine solche Zivilisation der Liebe wachsen könne. 

Bischof Salvator bringt die gemeinsame Verantwortung mit einem eindringlichen Zitat Martin Luther Kings auf den Punkt: „Wir müssen lernen, als Brüder zusammenzuleben, sonst werden wir als Narren miteinander untergehen.“

Das Zentrum soll weit mehr sein als ein Veranstaltungsgebäude. Geplant sind Workshops und Konferenzen, Fortbildungen, kulturelle und sportliche Begegnungen sowie Angebote zur Traumabegleitung. Eine Friedensbibliothek und eine Ausstellung sollen Wissen vermitteln und dazu anregen, sich mit der Geschichte Burundis auseinanderzusetzen.

Vor allem aber soll hier Begegnung möglich werden. Menschen sollen von ihren Erfahrungen erzählen, einander zuhören und Verletzungen aufarbeiten können. Frieden wird dabei nicht als fertiger Zustand verstanden, sondern als etwas, das immer wieder neu gelernt und gemeinsam eingeübt werden muss. 

Junge Menschen als Friedensstifter

Besonders richtet sich das Zentrum an junge Menschen. Rund 45 Prozent der Bevölkerung Burundis sind jünger als 15 Jahre. Wer ihnen Bildung, Beteiligung und Begegnung ermöglicht, stärkt deshalb zugleich die Zukunft des Landes.

Bereits seit mehreren Jahren engagieren sich Jugendliche in regionalen Friedensgruppen. Sie lernen, Konflikte frühzeitig wahrzunehmen, miteinander im Gespräch zu bleiben und Verantwortung in ihren Gemeinden zu übernehmen. Jugendtreffen, Schulungen und grenzüberschreitende Konferenzen verbinden Friedensakteurinnen und Friedensakteure aus Burundi, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. 

Länderpartnerschaft Baden-Württemberg–Burundi

Diese Arbeit ist Teil des Schwerpunkts „Friedens- und Versöhnungsarbeit“ innerhalb der Länderpartnerschaft Baden-Württemberg–Burundi. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat das Gebäude des Friedenszentrums finanziell gefördert. Im „Projet Paix et Réconciliation au Burundi et dans la Région des Grands Lacs“ arbeiten sie gemeinsam an Friedensbildung, Vergangenheitsbewältigung, psychosozialer Begleitung und praxisbezogener Forschung.

Beteiligt sind kirchliche, staatliche, wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Partner aus Baden-Württemberg, Burundi und der Region der Großen Seen. Das neue Zentrum in Nyanza Lac gibt dieser Arbeit nun einen sichtbaren Ort. Einen Ort, an dem Menschen einander nicht als Gegner begegnen, sondern als Nachbarn. Und an dem aus Zuhören, Lernen und Versöhnung Schritt für Schritt Frieden und Versöhnung entstehen kann.

Pastoralreise zu Projekten

Wie kann Frieden gelingen, wenn Gewalt, Flucht und Konflikte tiefe Spuren hinterlassen haben? In Burundi begegnet Bischof Dr. Klaus Krämer Menschen, die darauf ihre eigene Antwort geben: Sie schaffen Orte der Versöhnung, eröffnen Kindern Bildungschancen und entwickeln einen Kaffeeanbau, der Familien stärkt und die Umwelt schützt. Ihre Arbeit zeigt, was eine Partnerschaft bewirken kann, die über Jahrzehnte trägt. Auf der Pastoralreise begleiten Domkapitular Dr. Heinz-Detlef Stäps, Leiter der Abteilung Weltkirche, Eva Binder-Aklender, weltkirchliche Referentin, und Angelika Sönnichsen von der Stabsstelle Mediale Kommunikation den Bischof.

Frieden beginnt nicht erst am Verhandlungstisch. Er beginnt dort, wo Menschen einander zuhören. Wo Kinder gemeinsam lernen. Wo junge Menschen erfahren, dass Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können. Und wo diejenigen Unterstützung finden, die Krieg, Vertreibung oder den Verlust ihrer Heimat erlebt haben.

Reise zu Glaubensgemeinschaften, sozialen Einrichtungen, Kaffeeplantagen

Unter dem Leitgedanken „Friede und Versöhnung“ besucht Bischof Dr. Klaus Krämer gemeinsam mit der Delegation, Partner:innen und Projekte in Burundi, mit denen die Diözese Rottenburg-Stuttgart seit vielen Jahren verbunden ist. Die Reise führt zu Glaubensgemeinschaften, sozialen Einrichtungen, Kaffeeplantagen und Orten der Friedensarbeit. Sie macht sichtbar, wie aus verlässlichen Beziehungen neue Perspektiven entstehen.

Der Themenkomplex Frieden und Versöhnung bestimmte die Gespräche des ersten Tages der Reise. Während Père Émile Ndayizigiye von der Commission Episcopale Justice et Paix (CEJP) die Bedeutung des Respektes der Menschenrechte und die prekäre wirtschaftliche Situation des Landes betonte, fand der Nuntius EB Dieudonné Datonou deutliche Worte: Die Menschen seien so an die Konflikte und Krisen gewöhnt, dass sie nicht für die Zukunft planten, sondern von einem Tag auf den anderen. Es fehle den Menschen die Perspektive auf eine bessere Zukunft, so der Nuntius.

Mut mache ihm jedoch die tiefe Gläubigkeit der Bevölkerung: 95 Prozent der jungen Menschen würden kirchlich heiraten, für Gottesdienste müssten Lautsprecher, Leinwände und Zelte vor den Kirchen aufgebaut werden, damit alle Gläubigen dem Gottesdienst folgen könnten. Dies erfülle ihn mit großer Freude, so der Nuntius.

Wie Friede und Versöhnung gelingen können, stellten Oberer Pater Herménégilde und Dr. Alyos Misago in den Mittelpunkt ihrer Information am ersten Tag des Besuches. Das Wichtigste sei, so Dr. Misago, Traumaheilung. Nur wenn die Menschen selbst erkennen würden, dass sie Hilfe bei der Bewältigung des Erlebten hätten, könnten sie auch heilen. Dafür benötigen sie jedoch den richtigen Ort und ausgebildete Fachleute – so wie für das Friedenszentrum Nyanza-Lac.

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