Mit einem Festgottesdienst im Dom St. Martin und einer Feier im Park beim Bischofshaus in Rottenburg wurde am vergangenen Samstag das Jubiläum „100 Jahre Gemeindereferent:innen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ gefeiert.
Bischof Dr. Klaus Krämer hielt in seiner Predigt mit Blick auf das Leitwort des Jubiläums „100 Jahre Vielfalt“ fest, dass das Berufsbild der Gemeindereferent:innen in den zurückliegenden 100 Jahren eine eindrucksvolle Entwicklung genommen hat: „Von Helfer:innen zu Allrounder:innen in der Seelsorge mit einem eigenen Profil und einer hochqualifizierten Ausbildung – das, was wir heute feiern dürfen, kann man sehr zu Recht als eine ‚Erfolgsgeschichte‘ bezeichnen“, sagte der Bischof während des Festgottesdiensts. So sei er an diesem Tag dankbar und zuversichtlich zugleich: „Dankbar bin ich für die 100 Jahre und für den Dienst, den jede und jeder von Ihnen an den unterschiedlichen Orten des kirchlichen Lebens in unserer Diözese tut. Und ich bin voll Zuversicht, dass es uns gemeinsam gelingen wird, ein Profil zu entwickeln, mit dem dieser Dienst auch in Zukunft zum Segen werden kann.“
Kirche der Zukunft
Angesichts der Veränderungsprozesse in der Diözese betonte Dr. Krämer, dass das künftige Profil der Gemeindereferent:innen Antwort auf die Herausforderungen einer Seelsorge der Zukunft geben müsse. Um diese Antwort zu ringen, das sei eine Fragestellung, die ganz oben auf der Agenda des Prozesses „Kirche der Zukunft“ steht und stehen muss. Auch wenn es in Zukunft größere Kirchengemeinden gibt, müsse Kirche „nahe bei den Menschen“ bleiben. So würden die Netzwerke der Solidarität und des gelebten Glaubens in den Kirchengemeinden der Diözese künftig vielleicht sogar noch an Bedeutung gewinnen, sagte der Bischof in dem Zusammenhang. „Hier gilt es immer wieder, Menschen zu gewinnen, sich in das Leben unserer Gemeinden mit ihren Gaben und Begabungen, mit ihren Ideen und ihren Vorstellungen einzubringen – sie zu begleiten, sie für ihren Dienst zuzurüsten – und verlässliche und hilfreiche Ansprechpartner und Impulsgeber zu sein.“
Hilfreich zur Seite stehen
Und er fuhr fort: „Lebensorte sind aber nicht nur die Gemeinden vor Ort. Es gibt viele Orte und Kontexte, in denen wir Menschen hilfreich zur Seite stehen können: im Betrieb, in der Schule, in unseren sozialen Einrichtungen.“ Und es gebe Situationen, in denen Menschen dankbar sind, wenn sie nicht allein gelassen werden, sondern Nähe, Empathie und Aufmerksamkeit erfahren: in Krankheit und Tod, in Notfallsituationen oder an Orten, an denen sie mit dem Scheitern und Zerbrechen von Lebensplänen zurechtkommen müssen. „Als schützende und stützende Kirche schaffen wir Räume, in denen sich Leben entfalten kann, in denen Menschen unterstützt und gefördert werden“, sagte Bischof Dr. Krämer in seiner Predigt.
Dank des Diözesanrats
Marita Walz, Präsidiumsmitglied des Diözesanrats, zeigte sich während der sich an den Festgottesdienst anschließenden Jubiläumsfeier angetan von dem – wie sie anerkennend festhielt – „fröhlichen Miteinander“. Im Namen des Diözesanrats sagte sie in ihrem Grußwort: „100 Jahre Gemeindereferent:innen – das ist wahrlich ein Grund zum Feiern. Sie sind ein Gesicht für Kirche, bunt und unterschiedlich, vernetzt und geübt im Miteinander. Sie öffnen Räume, verbinden das Alltägliche an allen Orten mit Spiritualität und Gottesbezug. Sie hören zu und können unterscheiden. Kurz: Sie sind wichtig. Dafür sagen wir, der gesamte Diözesanrat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, herzlichen Dank für Ihr Wirken."
Wertvoller Beitrag in der Welt von heute
Regina Seneca, die im Tandem mit Domkapitular Holger Winterholder die Hauptabteilung „Pastorales Personal“ im Bischöflichen Ordinariat der Diözese leitet, dankte den Gemeindereferent:innen ebenfalls für ihren Dienst und sagte: „Sie leisten einen wertvollen Beitrag, dass die Kirche in der Welt von heute glaubwürdiges Zeichen jenes Heiles ist, um dessentwillen Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist.“
In allen Felder der Seelsorge tätig
In ihrer Würdigung hob sie hervor, dass Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten – anders als es ihre Berufsbezeichnung vermuten lasse – nicht ausschließlich in den Kirchengemeinden tätig sind, sondern in allen Feldern der Seelsorge. „Klinikseelsorge, Gehörlosenseelsorge, Notfallseelsorge, Cityseelsorge, Betriebsseelsorge, Gefängnisseelsorge, Schulseelsorge, Jugendseelsorge, Militärseelsorge und Trauerseelsorge: In unserer Diözese sind das alles Bereiche, in denen Gemeindereferent:innen und Pastoralreferent:innen gleichermaßen tätig sein können und dürfen und sollen“, betonte Seneca und hielt fest, dass ̶ anders als dies in anderen Diözesen der Fall sei – das Tätigkeitsfeld der Gemeindereferent:innen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart nicht auf einen kleinen Bereich beschränkt ist. „Wir sehen und schätzen die Kompetenzen und Charismen der Gemeindereferent:innen in allen Bereichen von Seelsorge und auf allen Ebenen: in den Kirchengemeinden, auf Dekanatsebene und auf diözesaner Ebene.“
Theologie verständlich ins Wort bringen
Gerade durch das Studium der „Angewandten Theologie“ hätten die Gemeindereferent:innen eine Praxisnähe, die auf der operativen Ebene schnell zum Ziel kommt: Nah bei den Menschen sein. „Diese Berufsgruppe hat einen Sensus dafür, schnell zu erkennen, was Menschen benötigen, wo die Bedarfe liegen, und findet dann Ansätze und Gestaltungsmöglichkeiten, pragmatisch, lösungsorientiert. Ein großes Plus von Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten ist, dass sie komplexe theologische Sachverhalte verständlich ins Wort zu bringen wissen. Sie finden eine Sprache, die Resonanzräume eröffnet“, hielt Seneca fest und setzte hinzu, dass diese Praxisnähe von Vernetzung lebt. Dieses Sich-vernetzen-Können, werde auch künftig eine wichtige Kompetenz bleiben. „Und das können Sie, und das tun Sie“, sagte die Hauptabteilungsleiterin an die anwesenden Gemeindereferent:innen gewandt.
Chance zum Gestalten in der Diözese
In ihrem Ausblick auf die Zeit bevorstehender Veränderungen in der Diözese hielt Seneca auch fest, dass sich die Herausforderung darin zeigen werde, immer wieder aufs Neue Worte und Wege zu finden, die Resonanz in den Menschen erzeugen. „Algorithmen und KI können zwar kluge Antworten geben, aber sie können nicht wirklich zuhören, kein Mitgefühl erzeugen, und sie verweisen auch nicht auf den, von dem alles Leben kommt. Genau das aber tun Sie, genau das ist Ihr Auftrag auch in Zukunft“, sagte Seneca und schloss mit einer Ermutigung: „Ergreifen Sie weiterhin die Chance zum Gestalten. Bringen Sie Ihre 100 Jahre alte und junggebliebene, kreative, geerdete und menschennahe Profession ein ins Praxisfeld vielfältiger Seelsorge. Seien Sie weiterhin ein wichtiger Teil bei der Neugestaltung unserer Diözese. Wir brauchen Sie.“
Not anderer Menschen sehen
Für den Bundesvorstand des Berufsverbands der Gemeindereferent:innen Deutschlands gratulierte Cornelia Strobel, Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Leintal, der Festgemeinde und einer, wie sie festhielt, „ganz wunderbaren Berufsgruppe“. In den zurückliegenden 100 Jahren sei es stets darum gegangen, die Not anderer Menschen zu sehen und zu handeln. „Es geht um die Geschichte von Menschen. Von Menschen, die da sind. Von Menschen, die zuhören, wenn Worte fehlen. Von Menschen, die aushalten, wenn Fragen schwieriger werden. Von Menschen, die Glauben nicht nur erklären, sondern leben und weitergeben. Kurz gesagt: von Menschen, die Kirche an vielen verschiedenen Orten erlebbar machen“, sagte sie mit Blick auf die Gemeinderererent:innen.
Notwendige Veränderungen
Auch Strobel sprach dabei die Notwendigkeit an, dass sich das Berufsbild weiterentwickeln müsse und hob hervor, dass Veränderungsprozesse nur dann zielführend seien, wenn sie in den Kirchengemeinden als Chance zur positiven Veränderung erlebt werden. „Dazu braucht es Kreativität, eine gute Portion Improvisationstalent und uns. Gemeindereferent:innen haben in den vergangenen 100 Jahren Kirche mitgestaltet und manchmal auch sanft in Bewegung gebracht“, stellte Strobel fest und schloss an, dass sie sich für die kommenden Jahre wünsche, dass der Beruf der Gemeindereferentin und des Gemeindereferenten ein Beruf bleibt, in dem Frauen und Männer gerne arbeiten und abschließend wünschte sie den Gemeindereferent:innen „Offenheit für die Zeichen der Zeit“ sowie Freude an den notwendigen Veränderungen.