Kathrin Becker Gemeinsames Singen ist eine friedensbewegende Kraft
Tobias Tropper Helge Burggrabe animiert beim HAGIOS Friedenskonzert in der Martinskirche in Kirchheim/Teck zum Mitsingen. Foto: Tobias Tropper
Der Künstler kommt auf die Bühne, verneigt sich und spielt sein Konzert. Nach Applaus und Zugabe tritt er wieder ab. Das ist nicht Helge Burggrabe. Seine Konzertprojekte beziehen Vertreter:innen verschiedener Kunststile, ja sogar das ganze Publikum mit ein. Was ihn selbst bewegt, was er bei den Menschen in Bewegung bringen möchte und wie er seine Ideen lebendig werden lässt, verrät der Komponist, Flötist und Seminarleiter im Interview. Am 20. September lädt er bei seinem HAGIOS-Friedenskonzert in Ravensburg zum Mitsingen, Innehalten und Kraftschöpfen ein.
Herr Burggrabe, die Verantwortlichen der Kriege weltweit werden sich Ihre Konzerte vermutlich nicht anhören. Kann Ihre Musik dennoch etwas zum Frieden beitragen?
Äußerer Friede setzt ja inneren Frieden voraus. Wer inneren Frieden erlebt, kann anders in die Welt treten: offener, aufmerksamer, widerstandsfähiger gegen Hass und Verhärtung. Er kann sich authentisch für Versöhnung und Frieden engagieren. Für mich als Komponisten ist Musik, vor allem geistliche Musik, wie ein Türöffner zu einem Raum, der in eine innere Klarheit führt. Wenn viele sich bei den Konzerten innerlich stärken, zieht dies Kreise für ein anderes, ein friedlicheres Miteinander. Davon bin ich fest überzeugt.
Wie kann das gelingen, Menschen in der heutigen Zeit mit Musik innerlich zu stärken?
Mit meinen geistlichen Werken für Chöre und Orchester und den Friedens-Mitsingkonzerten lade ich ein, innezuhalten und sich von einer größeren Wirklichkeit berühren zu lassen. Mit der Sprache der Musik, Literatur und Lichtkunst möchte ich dazu beitragen, Dimensionen einer friedlicheren Welt anklingen und aufscheinen zu lassen. In meinem Tun sind Musik, Spiritualität und gesellschaftliche Fragen daher aufs engste miteinander verknüpft.
Sie bevorzugen für Ihre Oratorien und Konzerte Kirchenräume. Weshalb?
Kirchen sind mit ihrer Architektur wunderbare Räume für eine innere Ausrichtung und Anbindung an lebensfördernde Quellen. Wenn wir uns in einem solchen durchbeteten Raum beispielsweise zu einem Friedenskonzert treffen, um gemeinsam zu singen und in die Stille zu gehen, entsteht eine großartige Resonanz zwischen dem gebauten Klangraum, einer größeren Wirklichkeit und uns selbst.
Sie haben die Friedenskonzerte erwähnt, die Sie mit „HAGIOS“ überschreiben. Was steckt hinter dieser Bezeichnung?
Das griechische Wort HAGIOS meint das Heilige, das nicht Nennbare, auf das alle Religionen und Kulturen letztlich ausgerichtet sind. In diesem Sinne lade ich mit den HAGIOS Friedenskonzerten jede und jeden ein, sich von einer größeren Wirklichkeit durchtönen und als Instrument stimmen zu lassen. Wer mit vielen Menschen singt, erlebt ein Gefühl von Harmonie in Vielstimmigkeit, das weit über die Summe der Töne hinausweist. Gemeinsam zu singen, ist eine nicht zu unterschätzende friedensbewegende Kraft.
Kathrin Becker Wie wählen Sie die Texte und Inhalte Ihrer Werke aus?
Bei den großen geistlichen Auftragswerken wie dem Friedensoratorium „Lux in tenebris“, dem „Dreikönigsoratorium“ oder „Katharina/Genesis“ und auch für den HAGIOS Liederzyklus habe ich Gedanken und Texte aus der jüdisch-christlichen Tradition und Mystik ebenso ausgewählt wie aus dem Lyrikschatz von Rumi, Hilde Domin, Andreas Knapp oder Rose Ausländer. Denn in ihnen klingen viele Dimensionen existenzieller Sehnsuchtsfragen an, die uns heute bewegen.
Der HAGIOS Liederzyklus, worum geht es da?
Die HAGIOS Gesänge bewegen und umkreisen die existentielle Frage, wie wir in aller Unterschiedlichkeit friedlich miteinander und mit unserer Mitwelt leben können. Sie tragen Titel wie „Shalom. Salam“, „Talita kum – steh auf“, „In terra pax“ (Friede auf Erden), „Je suis en instrument de ta paix“ (Ich bin ein Werkzeug deines Friedens) oder die Überzeugung von Albert Schweitzer „Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will“.
Bei den HAGIOS Friedenskonzerten ermutigen Sie alle zum Mitsingen. Was ist mit denen, die nicht singen können?
Jede und jeder hat eine Stimme. Wir alle können unsere Stimme als „Instrument für den Frieden“ erheben. Daher sind die mehrstimmigen HAGIOS Gesänge bewusst leicht konzipiert. Jede und jeder kann sofort mitsingen, denn man lernt übers Hören und findet durch mehrmaliges Wiederholen in eine Form des Gebets. Im gemeinsamen Gesang vieler öffnet sich so ein großer bewegender Friedens-Klangraum, der in die Welt ausstrahlt.
Sie sagten am Anfang, dass äußerer Friede den inneren Frieden voraussetzt. Wo finden Sie ganz persönlich diesen inneren Frieden?
Natürlich vor allem in der Musik und in der Stille. Aber auch in der Natur und an inspirierenden Orten. Ein ganz besonderer Ort ist für mich die gotische Kathedrale von Chartres, die ich vor 30 Jahren für mich entdeckte. Mit ihrer himmelstrebenden Architektur, ihren berühmten Glasfenstern und großartigen Skulpturen bündelt sie in einzigartiger Weise Wissen und Kunst, Weisheit und Spiritualität. Das weltberühmte Labyrinth zeigt: Es ist ein tiefer Sinn in allen Wegen. Auch scheinbare Umwege führen in die Mitte. Eine solche Zusage gibt mir inneren Frieden und Zuversicht.
Weitere Informationen
Am Sonntag, 20. September, kommt Helge Burggrabe um 19 Uhr mit seinem HAGIOS Friedenskonzert in die Kirche St. Jodok in Ravensburg, Eisenbahnstraße 20. Hier die Einladung als PDF.
Weitere HAGIOS Friedenskonzerte laden in unterschiedlichen Formen und mit verschiedenen Akteuren im ganzen deutschsprachigen Raum zum Mitsingen ein. Informationen dazu, Hörbeispiele sowie sämtliche Materialien finden sich auf der Webseite des internationalen HAGIOS Netzwerks und auf YouTube. An vielen Orten gibt es lokale HAGIOS Initiativen, denen sich jede und jeder anschließen kann.
Zur Person
Andrea Friederichs-du Maire Helge Burggrabe (53) ist Komponist, Flötist und Seminarleiter. Geboren im schwäbischen Magstadt lebt er heute in Fischerhude bei Bremen. Seit seinem Diplomstudium an der Musikhochschule Hamburg in Blockflöte und Komposition initiiert er eigene Konzertreihen mit dem Anliegen, unterschiedliche Kunstrichtungen zu verbinden. Als Flötist gab er mehr als 400 Konzerte europaweit. Initiationsort seiner Arbeit war und ist die Kathedrale in Chartres mit ihrer unvergleichlichen Verbindung von Wissen, Kunst und Spiritualität. Neben seiner Kompositions- und Konzerttätigkeit leitet Helge Burggrabe seit 1998 zahlreiche Studienwochen und Seminare in Chartres und in anderen Kirchen, Klöstern und Akademien in Deutschland und dem angrenzenden Ausland. Dabei spielt das Entdecken und Entfalten der Stimme und die Möglichkeit, mit Gesang äußere und innere Räume zu öffnen, eine große Rolle. Hierfür komponiert er unter dem Titel HAGIOS ein stetig wachsendes Repertoire an Friedensgesängen, die auch international immer weitere Kreise ziehen.