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Gott in der Welt von heute

Symposium zum 25. Jubiläum der Kardinalskreierung von Kardinal Walter Kasper in der Akademie mit vielfältigem Programm und regem Austausch.

Stuttgart

Prof. P. Dr. George Augustin SAC, Kardinal Walter Kasper und Bischof Dr. Klaus Krämer während des Symposiums in der Akademie der Diözese. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

Kardinal Kurt Koch aus Rom referiert zum Thema "Mit Gott in die Zukunft gehen". Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

Unter dem Leitwort „Gott in der Welt von heute“ kamen vom 27. bis 29. Mai zahlreiche Gäste, Theologen, Philosophen und Interessierte in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammen. Anlass war das 25. Jubiläum der Kardinalskreierung von Kardinal Walter Kasper, das gemeinsam mit dem Institut Kardinal Walter Kasper in Vallendar gefeiert wurde. Im Mittelpunkt des Symposiums standen die großen Fragen unserer Zeit: Welche Bedeutung hat Gott heute? Wie verändert sich Kirche im gesellschaftlichen Wandel? Und wie kann christlicher Glaube Menschen auch künftig Orientierung geben?

Nach erfolgreichen Tagungen in Vallendar fand das Symposium im Jubiläumsjahr erstmals in der Diözese Rottenburg-Stuttgart statt. Kardinal Walter Kasper reiste persönlich aus Rom an und wurde von den Teilnehmenden mit großer Wertschätzung empfangen. Der ehemalige Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart prägte die Veranstaltung mit theologischer Tiefe, persönlichen Impulsen und einem offenen Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart.

Kirche im Wandel: Transformationsprozess und neue Perspektiven

Die Tagung widmete sich intensiv dem Transformationsprozess der Kirche und der Frage, wie Kirchenentwicklung heute gelingen kann. Mehr als hundert Gäste erlebten ein vielseitiges Programm mit Vorträgen, Diskussionen und persönlichem Austausch.

Zum Auftakt betonte Bischof Dr. Klaus Krämer die Bedeutung eines Glaubens, der Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit erreicht. Gerade in einer Zeit permanenter Krisen brauche es Orientierung und spirituelle Hoffnung. Der christliche Glaube müsse, so der Bischof, „in der Realität der Menschen anschlussfähig bleiben“. Zugleich unterstrich Bischof Krämer die enge Verbindung zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Institut Kardinal Walter Kasper in Vallendar. Mit Blick auf die gemeinsame Zukunft erklärte er augenzwinkernd: „Nun haben wir dem Standort Vallendar einen weiteren Standort des Kardinal Walter Kasper Instituts hinzugefügt.“

Pallotinerpater Prof. Dr. George Augustin, Gründungsdirektor des Kardinal Walter Kasper Instituts, schloss sich diesem Wunsch an und bezeichnete das Symposium als „eine Sternstunde der Theologie, mit zwei der bekanntesten und begabtesten Christen“. Für Augustin ist klar: Die Heimat von Kardinal Walter Kasper sei die Diözese Rottenburg-Stuttgart – und genau dort müsse auch seine Theologie lebendig bleiben.Mit einem bildhaften Vergleich sagte Augustin: „Ich will den schwäbischen Theologen weltweit bekannt machen, so wie das schwäbische Auto Daimler weltweit bekannt ist.“ Kardinal Kasper habe in Tübingen studiert, promoviert und habilitiert, über Jahrzehnte als Professor gelehrt und die Diözese zehn Jahre lang als Bischof geprägt. Deshalb könne die Diözese stolz darauf sein, „ein Kind der Diözese“ hervorgebracht zu haben.

Gleichzeitig würdigte Prof. Augustin auch Bischof Dr. Klaus Krämer als einen der bedeutendsten Theologen der Gegenwart und als Vorbild für die nächste Generation.

Prof. Dr. Ingo Proft vom Kardinal Walter Kasper Institut in Vallendarhob im Gespräch die enge Verbindung zwischen Kardinal Kasper, Bischof Dr. Krämer und der Diözese Rottenburg-Stuttgart hervor. Er erinnerte daran, dass Bischof Dr. Krämer Mitherausgeber der insgesamt 26 Publikationen des Instituts sei und betonte den besonderen Einfluss der Diözese auf gesellschaftliche und politische Debatten innerhalb der Kirche in Deutschland.

Kardinal Walter Kasper über Gott und den Glauben früher und heute

Mit besonderer Spannung wurde der Vortrag von Kardinal Walter Kasper am zweiten Tag des Symposiums erwartet. Unter dem Titel „Gott in der Welt von heute“ sprach der 93-Jährige über Glauben, gesellschaftliche Veränderungen, über die Geschichte und die Zukunft der Kirche. Dabei machte Kasper deutlich, dass sich die Kirche nicht nur an europäischen Entwicklungen orientieren dürfe. Wörtlich sagte er: „Deutschland ist nur ein ganz kleines Stückchen im Vergleich zur Welt. Deshalb ist es unangemessen, der Welt vorzuschreiben, wo es lang geht.“ Der Kardinal verwies auf das weltweite Wachstum des Christentums: „In Afrika und Asien wächst die Zahl der Christen.“ Trotz vieler Herausforderungen zeigte sich Kardinal Kasper überzeugt, dass die Kirche vor einer neuen Phase der Erneuerung und vor einer Zeit des Aufbruchs steht. Dafür brauche es jedoch einen ehrlichen Transformationsprozess der Kirche.

Um seine These zu erklären, nahm Kardinal Kasper die Teilnehmenden der Tagung mit auf eine philosophische Reise durch die Jahrhunderte, beginnend mit der Aufklärung und der anschließenden Zeit des Säkularismus, hin zum Zeitalter der Bildung, Technik und Wissenschaft. Nach den beiden Weltkriegen sei die Theorie des sich immer fortsetzenden Fortschritts jedoch nicht aufgegangen. Besonders eindrücklich analysierte Kasper die religiöse Situation der Gegenwart. Das größte Problem sei heute nicht der Atheismus, sondern die Gleichgültigkeit vieler Menschen. Diese Haltung beschrieb er mit den Worten: „Ich glaub nichts, mir fehlt nichts.“

Dennoch spüre er weltweit eine tiefe Sehnsucht nach Sinn, Frieden und Gerechtigkeit. Er sei sicher, etwa 80% der heutigen Menschheit sei von der Existenz einer Übermacht überzeugt. Doch auch die Bibel beginne nicht mit Gottesbeweisen, sondern mit erzählten Geschichten aus den gelebten Realitäten der Menschen. Gott bleibe für ihn auch heute erfahrbar – nicht als theoretischer Beweis, sondern im Leben der Menschen selbst. Besonders bewegend formulierte Kasper: „Er ist da, aber unfassbar und unbegreiflich.“

Zum Abschluss seines Vortrags zeichnete der Kardinal ein hoffnungsvolles Bild von Gott und Kirche. Er beschreibt Gott als Geist, als Hauch, den man nicht greifen könne und dennoch jede Erneuerungsbewegung anstoße. Gott sei wie ein Licht, „das selbst nicht sichtbar ist, aber alles sichtbar macht“, uns also erleuchte und den Weg zeige. Ebenso beschrieb er Gott als sich selbst schenkende Liebe und als lebendigen Geist, der Erneuerung ermögliche.

Bedeutende Stimmen aus Theologie und Gesellschaft

Kardinal Kurt Koch führte die Gedanken Kaspers weiter und sprach über die spirituelle Sehnsucht des modernen Menschen. Er bezeichnete den Menschen als „Wesen der Sehnsucht“ und sagte: „Die Suche des Menschen bleibt unbefriedigt, wenn die Suche nicht Gott beinhaltet.“

Mit Blick auf die heutige Leistungsgesellschaft warnte Koch davor, dass Menschen Gefahr liefen, „sich zu Tode zu arbeiten, zu Tode zu amüsieren oder sogar zu Tode zu lieben“. Er sagte: „Der Mensch steht vor den Alternativen, entweder in der Hoffnung auf das ewige Leben zu leben oder sich mit dem real existierenden Leben abzufinden. Faktisch lebten die Menschen heute kürzer als früher: „Früher lebten die Menschen 40 Jahre und ewig. Heute leben sie nur 90 Jahre.

Auch forderten, so Kardinal Koch, die Menschen mehr Gerechtigkeit in der Welt. Nicht nur Bestehendes dürfe aber Gerechtigkeit erfahren. Gerechtigkeit beinhalte auch Gerechtigkeit für die Toten. Ohne Gericht und ewiges Leben könne es keine Gerechtigkeit geben. Die Frage der Gerechtigkeit sei das stärkste Argument für das ewige Leben. Der Glaube an Gott sei wesentlich für die Würde des Menschen.

Auch Prof. Dr. Johannes Frühbauer, Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, setzte wichtige Impulse. In seinem Vortrag über Moral im Zeitalter der Gottvergessenheit stellte er die Frage, welche Rolle der Glaube an Gott für moralisches Handeln spielt. Seine zentrale Botschaft: Die religiöse Identität eines Menschen prägt auch dessen Verständnis von Verantwortung, Ethik und gesellschaftlichem Zusammenleben.

Akademie der Diözese als Ort des Dialogs

Die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde während des Symposiums zu einem lebendigen Ort theologischer Debatten, persönlicher Begegnungen und gemeinsamer Reflexion über Kirche und Gesellschaft. Das vielseitige Programm zeigte, wie wichtig der offene Dialog über Glauben, Kirchenentwicklung und gesellschaftliche Verantwortung heute ist. Der feierliche Abschluss mit einem Pontifikalamt in der St. Antoniuskirche Stuttgart-Hohenheim setzte dabei einen spirituellen Höhepunkt und unterstrich die Bedeutung von Gemeinschaft und Hoffnung.

Das Institut Kardinal Walter Kasper in Vallendar

Das Institut Kardinal Walter Kasper in Vallendar wurde 2005 an der Vinzenz Pallotti University gegründet. Ziel des Instituts ist die Erforschung und Bewahrung der Theologie sowie des kirchlichen Wirkens von Kardinal Walter Kasper. Internationale Symposien, wissenschaftliche Publikationen und Vorträge fördern den theologischen Dialog und stärken die Auseinandersetzung mit Themen wie Ökumene, Spiritualität, Kirchenentwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung der Kirche in der Welt von heute.

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