Halt finden
Gelebtes Christentum, starkes ehrenamtliches Engagement und die praktizierte Spiritualität
Der katholische Bischof Klaus Krämer unterstrich die Notwendigkeit, bei den anstehenden strukturellen Veränderungen stets auch neue Akzente zu setzen und sich dabei stets zu fragen: „Wo fokussieren wir unseren Dienst als Kirche?“ Für eine zukunftsfähige Kirche seien das gelebte Christentum mit einem starken ehrenamtlichen Engagement und die praktizierte Spiritualität zentral. Der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl räumte ein, dass viele Gemeinden derzeit unter Reformprozessen ermüden würden und stattdessen „endlich mal wieder inhaltlich arbeiten wollen“. Derzeit sei vor allem eine „Selbstvergewisserung“ erforderlich und die Vergegenwärtigung der zentralen Maxime von „Hoffnung statt Zukunftsangst“. Beide Bischöfe zeigten sich beeindruckt vom Engagement der Kirchen vor Ort für Notleidende, zum Beispiel in Gestalt der Vesperkirche.
„Der Bischof muss dann im Grunde genommen auch Streitmanager sein, so wie der Politiker“
Kretschmann empfahl den Kirchen, „richtig und zivilisiert“ zu streiten, im Sinne eines „produktiven Streites“ und hob die notwendige Binnenpluralität von konservativen und liberalen Kräften hervor. „Der Bischof muss dann im Grunde genommen auch Streitmanager sein, so wie der Politiker“, sagte der amtierende Ministerpräsident. Auch Landesbischof Gohl unterstrich die Chance einer Volkskirche, in sich progressive und konservative Kräfte zu bündeln. Dabei bezeichnete er es als „eine Weisheit des Heiligen Geistes, dass es unterschiedliche Konfessionen gibt, so wie die Evangelien in unterschiedlicher Perspektive über Jesus Christus sprechen.“ Wie Gohl betonte auch Bischof Krämer die Notwendigkeit des Dialogs und zeigte sich zugleich zuversichtlich, dass die Kirche auch in kleinerer Gestalt der Gesellschaft dienen werde.
Sakramente als „Werkzeug und Zeichen“
Mehr Mut, grundsätzlich über sich selbst nachzudenken, empfahl der Theologe Michael Seewald den Kirchen. Als zentrale Anliegen des christlichen Glaubens bezeichnete er die „Thematisierung der Nicht-Selbstverständlichkeit der Welt“ und die „Hoffnungsförmigkeit“ – nicht im Sinne einer „Vertröstung, die in fügsame Passivität“ hineinführt“, aber im Sinne des „Wachhaltens, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein könnte“. Seewald warnte vor einer „Instrumentalisierung der Sakramente“ im Sinne einer Klerikalisierung, vielmehr ständen die Sakramente als „Werkzeug und Zeichen“ stets auch für den Dienst an der Gesellschaft. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil plädierte der Theologe für eine „pilgernde Kirche“, für die das „Suchen und Nachsinnen“ konstitutiv seien.
“Schwächer werdende religiöse Bindung und Bildung begünstigt die Radikalisierung”
In politischer Hinsicht konstatierte Seewald die „paradoxale Gleichzeitigkeit von beklagenswerter Schwäche und besorgniserregender Stärke“. So begünstige eine schwächer werdende religiöse Bindung und Bildung die Radikalisierung christlicher Kräfte jenseits der Großkirchen. Deutliches Beispiel für diese Entwicklung sei die Wirksamkeit einzelner „Versatzstücke“ des Christentums durch die MAGA-Bewegung in den USA, einem Land, das weltweit auf Platz 11 der am wenigsten religiösen Länder stehe.
Unter dem Titel „Anschluss verloren? Wie die Zukunft der Kirchen in Gesellschaften der Zukunft gelingt“ bildete das ökumenische Spitzengespräch den Auftakt zum 75-jährigen Akademiejubiläum im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim.