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„Hass und Hetze machen nicht vor der Tür halt“

Fast 37.000 Anrufe haben die beiden Stuttgarter Telefonseelsorge-Stellen 2019 erhalten. Auf die Mitarbeiter warten dabei immer häufiger wütende Gesprächspartner.

Stuttgart
Jahresbericht der Telefonseelsorge in Stuttgart

Bernd Müller (li.) und Martina Rudolph Zeller (re.) berichteten über Themen und Probleme der katholischen bzw. evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart im Jahr 2019. Bild: Eva Wiedemann

„Hass und Hetze machen nicht vor der Tür der Telefonseelsorge halt“, sagt Martina Rudolph Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge. „Viele Menschen geben ihrer Wut auf Institutionen und Gesellschaft so Ausdruck. Dahinter steckt aber meist eine tiefe Verbitterung.“ Die Lust, Aggressionen auch verbal auszudrücken, nehme stetig zu, ergänzt Bernd Müller, der kommissarische Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat. Für die 183 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die vier hauptamtlichen Fachkräfte sind solche Anrufe eine Herausforderung. „Wir positionieren uns klar gegen menschenfeindliche Aussagen, lassen uns aber auf keine politischen und weltanschaulichen Diskussionen ein. Wir versuchen, an das darunterliegende Thema heranzukommen. Das gelingt uns oft, aber nicht in jedem Fall“, so Müller weiter.

Wer als Ansprechpartner der Telefonseelsorge an den Apparat geht, hat eine einjährige intensive Ausbildung hinter sich. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hochqualifiziert“, erläutert Martina Rudolph Zeller. Im Schnitt rufen 110 Frauen und Männer täglich bei einer der beiden Seelsorgestellen an. Tagsüber sind vier Leitungen geschaltet, nachts zwei. Wie aber mit den frustrierten, verbitterten und wutbeladenen Anrufern umgehen? „In den Gesprächen versuchen wir trotz der ersten Aggressionswelle, die uns entgegenschlägt, empathisch auf die Lebensschicksale der Menschen einzugehen. Wir hören uns in Ruhe die oft schrecklichen Lebenserfahrungen an“, sagt Müller.

Jüngere melden sich per Chat , Ältere nutzen das Telefon

Mehr als 80 Prozent der Anrufer sind 40 Jahre und älter. Die Chatberatung, die beide Telefonseelsorge-Stellen ebenfalls anbieten, nutzen eher die Jüngeren. Hier sind 80 Prozent der Nutzer unter 40 Jahre alt. Insgesamt wurden 2019 rund 1.100 Chatkontakte gezählt. Per Mail wandten sich 1.805 Menschen an die Telefonseelsorge – dieses Angebot gibt es allerdings nur von evangelischer Seite. Hier ist das Gros der Nutzer ebenfalls jünger als 40. Thematisch stehen Ängste, depressive Stimmungen und Selbstmordgedanken im Vordergrund. Auch Einsamkeit ist ein oft genanntes Problem.

Menschen melden sich mit Ängsten zur Virus-Krise

Auch die aktuelle Situation wegen der Ausbreitung des Coronavirus‘ ist bereits bei der Telefonseelsorge angekommen. „Die Angst der Anrufer ist groß. Schließlich handelt es sich um eine Situation, die nicht zu kontrollieren ist“, sagt Martina Rudolph Zeller. Die wirtschaftlichen Konsequenzen seien noch völlig offen und auch die innerfamiliären Konflikte nähmen durch die vielen Menschen, die nun zuhause bleiben müssen, zu. „Wichtig ist, dass die Anrufer über ihre Ängste sprechen können“, erläutert  Müller. Gleichwohl sei die Virus-Krise auch für die Telefonseelsorge-Stellen eine Herausforderung. „Wir möchten unsere Dienste aufrechterhalten. Unter unseren Ehrenamtlichen finden sich aber viele Senioren und diese zählen zur Risikogruppe einer möglichen Infektion.“ Die Anrufe könnten nur in den Diensträumen angenommen werden, allein schon wegen des Datenschutzes und der so genannten Psychohygiene. Aktuell werde auf Supervisions-Gespräche verzichtet, um so viel Distanz unter den Mitarbeiter zu wahren wie möglich. Müller schätzt, dass sich jedes zweite Gespräch derzeit mit dem Coronavirus befasst. Um das künftig besser erfassen zu können, wird dazu nun eine Statistik geführt.

Neue App „KrisenKompass“ zur Suizidprävention

Bundesweit neu ist seit kurzem die App „KrisenKompass“. Sie dient der Suizidprävention und steht kostenlos zum Download zur Verfügung. Zielgruppe sind Menschen, die selbstmordgefährdet sind, deren Angehörige und Menschen, die jemanden durch einen Suizid verloren haben. Bei der App handle es sich um einen Notfallkoffer, der in guten Zeiten bestückt werden muss, beispielsweise mit Musik, Bildern oder aufmunternden Stimmen von Freunden, um in einer Krisensituation zum Einsatz zu kommen, erklärt Martina Rudolph Zeller.

Die Links zum Download gibt es unter www.krisen-kompass.app.

Zur Telefonseelsorge Ruf und Rat der Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Landeshauptstadt Stuttgart: www.ruf-und-rat.de

Zur Evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart: https://telefonseelsorge-stuttgart.de/cms/

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