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Hilferuf per Mail für junge Menschen

Gleichaltrige Peers haben bei [U25] ein offenes Ohr für Jugendliche und junge Erwachsene in Lebenskrisen und mit Suizidgedanken.

Biberach
Die Kamera schaut Elisa Brancato über die linke Schulter auf den PC-Bildschirm mit der Startseite von U25 Biberach. Linkes neben der Tastatur und vor dem Telefon liegt ein Flyer von "Du bist mir wichtig".

Elisa Brancato leitet bei [U25] in Biberach die Helpmails junger Menschen an Gleichaltrige weiter, die ihnen antworten - Foto: [U25] - Caritas Biberach-Saulgau

Da sind sie wieder, diese dunklen Gedanken. "Das macht doch alles keinen Sinn mehr", geht es Sophie durch den Kopf. Es ist nicht das erste Mal, dass die 19-Jährige sich vorstellt, wie es wäre ihr Leben zu beenden. Erst letztes Jahr hat sie die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen. Eigentlich liebt sie ihren Beruf. Aber durch die ganzen Hygienemaßnahmen wegen Corona bleibt noch weniger Zeit für die Patienten. Und das Überstundenkonto wächst ins Unendliche.

Als im Januar dann noch Paul mit ihr Schluss machte und alle ihre Freundinnen und Freunde gegen sie aufwiegelte, war Sophie in ihrer wenigen Freizeit die meiste Zeit allein. Wo hätte sie auch unter den Kontaktbeschränkungen neue Leute kennenlernen sollen? "Ich kann nicht mehr", seufzt sie. Auf Instagram entdeckt Sophie das Profil einer Bekannten, mit der sie einmal in der kirchlichen Jugendgruppe war. Diese hatte unter #DuBistMirWichtig einen Post von [U25] geteilt.

Keinen Sinn mehr im Leben

Sophie ist eine fiktive Person. Sie entspricht jedoch den typischen Ratsuchenden von [U25] in Biberach. Von den knapp 170 Menschen, die sich im vergangenen Jahr an die von der Caritas Biberach-Saulgau getragene Stelle wendeten, waren alle jünger als 25 Jahre alt und 70 Prozent weiblich. Eine allgemeines Gefühl von Sinnlosigkeit, Überforderung, psychische Erkrankungen und selbstverletzendes Verhalten gehören laut einer internen Statistik zu den Themen, die am häufigsten genannt wurden.

Seit Beginn der Pandemie hätten die Anfragen insgesamt deutlich zugenommen, berichten Nelli Wilhelm, Daniela Fiedler oder Elisa Brancato, die in Biberach hauptamtlich für [U25] arbeiten. Besonders Einsamkeit, der Wegfall von Vertrauenspersonen und Zukunftsängste würden stärker thematisiert als vorher. Außerdem hätten sich frühere Ratsuchende erneut gemeldet, deren Situation sich durch Corona wieder zugespitzt habe.

Anonymität macht es leichter

Die bundesweit zehn [U25]-Standorte beraten in Lebenskrisen ausschließlich online. Sophie gab sich bei der anonymen Registrierung einen erfundenen Usernamen und wählte ein  Passwort. Sie schrieb alles, was sie beschäftigt, die Geschichte mit Paul und die berufliche Überforderung in eine Helpmail. Wilhelm, Fiedler und Brancato leiten diese Mails dann an eine der etwa 20 sogenannten Peers weiter, die innerhalb von sieben Tagen antworten.

Die Peers sind selbst zwischen 16 und 25 Jahre alt und durchliefen für diese ehrenamtliche Aufgabe eine spezielle Schulung. "Wichtig ist Beratung auf Augenhöhe, bei der durch das ähnliche Alter ein großes Verständnis für die Probleme dieser Lebensphase besteht", erklärt Daniela Fiedler. Unter den Peers, die ebenfalls anonym bleiben, sind häufig Schülerinnen und Schüler sowie Studierende. Derzeit befinden sich vier neue in der meist digitalen Ausbildung. Der nächste Kurs startet im September.

Junge Männer schwerer erreichbar

Warum Peers und Hilfesuchende in Biberach überwiegend weiblich sind, obwohl die Suizidstatistik deutlich mehr Jungen und Männer aufweist, dafür fand Daniela Fiedler bisher noch keine schlüssige Erklärung. Sie weiß aber, dass das Thema immer noch mit Vorurteilen besetzt ist, obwohl es sich um die zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe handelt. In der Beratung gehe es darum, das Gegenüber in einem geschützten Rahmen ernst zu nehmen und wertzuschätzen. Manchmal helfe in einer Krise schon allein das Aufschreiben, um die Gedanken wieder zu sortieren.

Die Mailkontakte entwickeln sich nach dem Erstkontakt unterschiedlich. Den einen genügt eine einzige Antwort, mit anderen ergibt sich eine längere Begleitung. Die Peers sind untereinander gut vernetzt. Sie tauschen sich regelmäßig mit den Hauptamtlichen aus und holen sich bei schwierigen Themen schon auch mal das Feedback eines Experten. Und sie haben nach Absenden der Mail an Sophie und die anderen gelernt, deren "Leben" hinter sich zu lassen und wieder in ihr eigenes einzutauchen.

Infos

[U25] Deutschland hat sich 2002 aus dem Arbeitskreis Leben in Freiburg gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sich aufhalten, nämlich im Internet. Hinter jedem der zehn [U25]-Standorte stehen 1-2 Sozialarbeiterstellen und deutschlandweit über 220 ehrenamtliche Peerberaterinnen und -berater. Am Standort Biberach-Saulgau arbeiten 3 Hauptamtliche auf einer Stelle und 20 aktive Peers.

In der Coronapandemie hat [U25]-Deutschland in Kooperation mit JugendNotmail eine themenoffene psycho-soziale Onlineberatung für junge Menschen bis 26 Jahre unter dem Hashtag #gemeinsamstatteinsam gestartet. Das Prinzip der Mailberatung ist das gleiche wie bei [U25]. Jedoch ist hier die Thematik völlig offen.

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