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Im Storchengang durchs kalte Wasser

Wassertreten im Kneippbecken ist gut für die Gesundheit und erfrischt im Biberacher Jordanbad und anderswo Körper und Seele - nicht nur im Sommer.

Jordanbad
Die Seelsorgerin schreitet in beiger, knielanger Hose und Jeans-Bluse im Storchengang mit angehobenem Bein durch den Wasserkanal und hält sich am Geländer fest. Markus Waggershauser

Seelsorgerin Isabell Hagenmaier durchschreitet im Storchengang den Kneipp-Kanal im Reichenbach beim Jordanbad. Foto: DRS/Waggershauser

Vorsichtig streckt sie den großen Zeh ins Wasser. Isabell Hagenmaier atmet einmal tief durch und verzieht nur leicht das Gesicht, während sie beherzt nach dem rechten auch den linken Fuß ins kalte Nass setzt. Dann schreitet sie langsam durch den offenen Kanal des Reichenbachs beim Jordanbad. „Die Füße müssen aus dem Wasser“, erklärt die Theologin den sogenannten Storchengang. „Und wenn der Kältereiz eintritt, muss man aufhören und die Füße in Bewegung lufttrocknen lassen“, ergänzt die 35-Jährige. Diese Anleitung stammt von Pfarrer Sebastian Kneipp, der Ende des 19. Jahrhunderts die Kuranstalt zwischen Biberach und Ummendorf dreimal höchstpersönlich besuchte.

Isabell Hagenmaier schreitet auch durch die eigentliche Kneippanlage neben dem Bachkanal, ein grau-blau gestrichenes rechteckiges Becken mit Treppeneinstieg und Edelstahlgeländer. Anschließend hält sie ihre Arme abwechselnd unter den frischen Wasserstrahl aus dem Hahn. Kneippen setzte auf Kontraste, weiß sie, auf kalt und warm, auf Anspannung und Entspannung. „Es geht bei allem darum, innen seinem Körper nachzuspüren“, sagt sie und schlägt die Brücke zur Achtsamkeit für die Seele. In der „Sinnsuche Jordanbad“ macht sie unter anderem spirituelle Angebote für die Gäste wie die wöchentlichen Klangmeditationen im Saunabereich, aber auch für Mitarbeitende der St. Elisabeth-Stiftung, die das Jordanbad betreibt.

Ummendorfer Pfarrer rettet das Jordanbad

Kneippbecken gibt es in Oberschwaben, im Allgäu und am Bodensee jede Menge - mal eher versteckt wie im Naturschutzgebiet Schächele bei Isny, mal prominent wie im Kressbronner Schlösslepark. Im Jordanbad liegt die Anlage jedoch auf dem Gelände der ersten ärztlich geleiteten Kneipp’schen Wasserheilanstalt. Bereits 1470 als Bad des Biberacher Spitals erwähnt, drohte im Jahr 1887 die Umwandlung in eine Fabrik. „Der Ummendorfer Pfarrer Engelbert Hofele hat das Gelände dann kurzerhand selbst gekauft“, bemerkt Isabell Hagenmaier. „Und er hat 1888 das Kloster Reute dazu gebracht, es zu erwerben.“ In Dr. Johann Nepomuk Stützle fand sich der ideale Arzt, so dass das Heilbad am 1. Mai 1889 den Betrieb aufnehmen konnte.

Von den einen als Wasserdoktor hoch verehrt, von den anderen als Kurpfuscher verschrien. Das erlebten Pfarrer Kneipp und Stützle, der Mediziner. Am eigenen Leib erfuhren beide aber Linderung durch die Wasseranwendungen. „Kneipp hatte Lungenprobleme während des Studiums“, erklärt Isabell Hagenmaier. „Er hat die Wirkung des kalten Wassers an sich selbst ausgetestet.“ Stützle litt bereits in jungen Jahren an Herzmuskelschwäche und Problemen mit den Bronchien, wie Max Flad in einem Beitrag zum Jubiläum 1989 schreibt. Die Heilkunst Kneipps schien Stützle in Bad Wörishofen geholfen zu haben, so dass er diese dort selbst erlernte. „Ihre Säulen sind Wasser, Ernährung, Kräuter, Bewegung und mentale Gesundheit“, erläutert Hagenmaier.

Wechselbad geht auch umgekehrt

Lange Jahre nutzen Priester und Ordensleute für sie reservierte Badezeiten im Jordanbad abseits der Öffentlichkeit. Die letzten Reutener Schwestern verließen die Einrichtung 2018. Kneipps und Stützles ganzheitlicher Ansatz prägt sie jedoch bis heute mit Physio- und Arztpraxis, Fitness und Wellness, Wohnpark, Hotel und Gastronomie. Nicht zu vergessen die Kirchenführungen und spirituellen Angebote der Seelsorgenden. Nur eines hat sich verändert. Neben dem kalten Wasser in der klassischen Tretanlage füllt heute schwefel- und fluoridhaltiges Thermalwasser die Becken des Bades. Es wurde 1982 bei Bohrungen entdeckt. So kann Isabell Hagenmaier an kühlen Tagen ihre Zehen und Füße in warmes Wasser tauchen - ganz im Sinne der Kneipp'schen Kontrastlehre.

Eine Auswahl an Kneippbecken in der Region Bodensee-Oberschwaben

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