Bis zum September letzten Jahres sei Kilian ein sehr fitter und aktiver Junge gewesen, erzählt Julia – erst im Italienurlaub zeigte sich, dass etwas nicht stimmte: „Ich habe auf der Fahrt ganz arg Kopfschmerzen bekommen“, erinnert sich Kilian. Der Arzt vor Ort vermutete zunächst einen Sonnenstich. Zurück in Deutschland verschlechterte sich Kilians Zustand jedoch rapide – nach einer Computertomografie (CT) stellte sich heraus, dass er eine Wucherung im Kopf hat.
„Als die Ärztin mich gerufen und die Helferin mir ein Glas Wasser angeboten hat, habe ich schon gespürt, dass es etwas Schlimmes sein muss“, sagt Julia bedrückt. Kilian wurde dann sofort in die Uniklinik nach Tübingen überwiesen und dort operiert, weil der Tumor sein Hirnwasser abgeklemmt hatte. Er habe deswegen sogar vergessen, Luft zu holen. Julia sieht die Situation noch vor sich: „Ich habe ihm gesagt: ‚Atme jetzt!‘ Und das hat er dann gemacht. Ich glaube, er wollte noch dableiben.“ Kilian stand auf der Kippe – doch er schaffte es: Nach einer Woche im künstlichen Koma und einer weiteren Operation durfte er wieder nach Hause. Er und seine Mutter nahmen danach für einige Wochen täglich den fast eineinhalb-stündigen Weg zur Bestrahlung nach Tübingen auf sich.
Die Behandlung verbesserte seinen Zustand. Er nahm zwar an Gewicht zu, zittert jetzt etwas und tritt unsicherer auf, beim Spazierengehen wählt Julia ebene Wege. Aber das Wichtigste ist: „Ich habe jetzt keine Schmerzen mehr“, freut sich Kilian. „Das liegt auch an der Maschine in meinem Kopf.“ Ein sogenannter Shunt ermöglicht ihm ein schmerzfreies Leben: ein Schlauch-Ventil-System, das die Gehirnflüssigkeit aus den Hirnkammern in andere Körperteile ableitet.
„Als ich erfahren habe, dass ich so krank bin, war das natürlich nicht so schön“, sagt Kilian, kurz zeigt sich Schmerz auf seinem sommersprossigen Gesicht. „Weil ich weniger Lebenszeit habe. Aber ich hatte ja auch Glück, dass ich diese Nacht überlebt habe.“ Für Kilians Mutter war klar, dass sie ihrem Sohn die Wahrheit über seinen Zustand erzählen musste. „Das ging für mich gar nicht anders. Er hat mich ja auch gefragt, warum er jetzt nicht mehr in die Schule gehen muss.“
Wie lange Kilian noch zu leben hat, ist unklar. „Wir hoffen natürlich, es ist so noch sehr lange“, sagt Julia. Voraussichtlich seien es aber nur noch wenige Monate. Die gelernte Altenpflegerin bleibt zu Hause, um so viel Zeit wie möglich mit ihrem Sohn zu verbringen. Auch ihr Mann arbeitet momentan nicht – er bekommt Krankengeld und kann sich so um die dreieinhalbjährige Tochter der beiden kümmern. An der kleinen Matthäa und an Amon, dem vierzehnjährigen großen Bruder, geht Kilians Krankheit nicht spurlos vorbei, wie die Mutter erklärt: „Matthäa spielt oft, dass jemand stirbt. Amon hat sich sehr zurückgezogen.“