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Kühler Sommerspaziergang: Hoppenlaufriedhof Stuttgart

Der Hoppenlaufriedhof ist zugleich Park und Denkmal, Oase und Geschichtsbuch. Ein Spaziergang durch fast vierhundert Jahre Stuttgarter Geschichte.

Stuttgart
Der Hoppelaufriedhof wird auch der Friedhof der Dichter genannt - hier das Grab von Wilhelm Hauff Nelly Swiebocki-Kisling

Der Hoppenlaufriedhof lädt zum Ruhen, Träumen und Entdecken ein. Selbst im heißen Sommer ist er ein kühler Ort zum Verweilen - zum Beispiel am Grab des Dichters Wilhelm Hauff. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Nelly Swiebocki-Kisling

Kaum fünf Minuten sind es vom Berliner Platz, wo die Straßenbahnen um die Kurve quietschen und Menschen mit dem Handy am Ohr zur Liederhalle oder zu einem dringenden Termin in der Stuttgarter Innenstadt eilen. Doch hinter einem schlichten Tor beginnt eine andere Welt.

Leben und Vergänglichkeit sind keine Gegensätze

Von einem Augenblick zum anderen schluckt ein dichtes Blätterdach den Lärm der Stadt. Es ist angenehm kühl. Der Duft feuchter Erde nach dem Regen mischt sich mit dem süßen Aroma blühender Linden. Amseln, Meisen und andere Stadtvögel liefern sich ein lautstarkes Konzert. Ein paar wenige Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch das dichte Grün und malen helle Flecken auf den Kies der Wege, auf denen zwei überraschend zahme Eichhörnchen vor den Füßen der Besucher:innen spielen. Auf einer Parkbank sitzt eine junge Mutter und reicht ihren Kindern, die zwischen alten Denkmälern spielen, Apfelschnitze und Kekse. Mit jedem Schritt wird der Spaziergang zu einer Reise durch fast vierhundert Jahre Stuttgarter Geschichte – und zu einer leisen Erinnerung daran, dass Leben und Vergänglichkeit keine Gegensätze sind.

Dieser Ort ist kein gewöhnlicher Park

Der Hoppenlaufriedhof empfängt seine Besucher:innen nicht mit der Schwere eines Friedhofs, sondern mit dem kühlen Schatten alter Bäume. Linden, Kastanien und Ahorne spannen ein grünes Dach über die Wege. Wer langsam geht, merkt schnell: Dieser Ort ist kein gewöhnlicher Park. Er erzählt Geschichten. Zwischen wild wuchernden Pflanzen lehnen sich alte, kunstvolle Grabsteine ein wenig schief in die Zeit. Zudem überziehen Moose den Sandstein und Inschriften sind vom Regen ausgewaschen. Manche Namen sind noch klar zu lesen, andere wiederum verschwinden langsam im Grün und werden von der Natur verschluckt. Ein leichter Wind bewegt die Baumkronen. An einem heißen Tag wie diesem ist diese Kühle ein willkommenes Geschenk.

Große Namen und Menschen, die keiner mehr kennt

Gegründet wurde der Hoppenlaufriedhof 1626, mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und einer Pestzeit. Damals lag er weit vor den Toren der Stadt. Er war vom 17. bis ins 19. Jahrhundert die reguläre letzte Ruhestätte der Stuttgarter Bürger. Als städtischer Friedhof („Äußerer Spitalkirchhof“) wurde er bis zur Einstellung des Friedhofsbetriebs im Jahr 1880 genutzt. Heute ist Stuttgart um den Friedhof herumgewachsen. Wo einst Trauerzüge unterwegs waren, verlaufen Straßenbahnlinien und Straßen. Doch innerhalb der alten Mauern scheint die Zeit langsamer zu vergehen.

Über 60.000 Menschen aus Stuttgart fanden hier zwischen 1628 und 1951 ihre letzte Ruhe. Noch heute sind rund 1.600 Grabmale erhalten – aus Sandstein, Marmor, Granit oder Gusseisen. Sie erzählen von mehr als drei Jahrhunderten Stadtgeschichte, von Familien, Handwerkern, Gelehrten, Kaufleuten und Künstlern. Seit 1986 steht der Friedhof als Gesamtanlage zu Recht unter Denkmalschutz.

An einem besonders kunstvoll gestalteten Grab bleibt der Blick hängen. Hier ruht Wilhelm Hauff, der Dichter des „Kleinen Muck“ und des „Kalten Herzens“. Kaum zu glauben, dass er nur 24 Jahre alt wurde. Wenige Schritte weiter erinnert ein Grabmal an Gustav Schwab, Pfarrer, Schriftsteller und Sammler der „Sagen des klassischen Altertums“. Auch der Dichter, Organist, Komponist und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubartfand hier seine letzte Ruhe, ebenso der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker. Es sind große Namen. Doch zwischen ihren Gräbern stehen zahllose Steine von Menschen, die heute niemand mehr kennt.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Schönheit dieses Ortes.

Spuren hinterlassen, in Stein gemeiselt

Jeder Grabstein erzählt von einem Leben, das einmal genauso gegenwärtig war wie unseres heute. Von Träumen, Hoffnungen, Enttäuschungen, Familien, Freundschaften und Abschieden. Manche Menschen wurden alt, andere starben jung. Viele Namen sind vergessen. Ihre Geschichten sind es nicht ganz. Sie haben Spuren hinterlassen – in Stein gemeißelt, von Flechten überzogen und von Bäumen beschattet.

Auf den Gräbern liegen Steine statt Blumen

Besonders still wird es im israelitischen Teil des Friedhofs. Seit 1834 wurden hier jüdische Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts bestattet. Ein schlichter Stein weist auf den Bereich hin. Auf vielen der kunstvollen Grabmälern haben Besucher:innen kleine Steine hinterlassen. Sie sind ein Zeichen der Erinnerung und des Respekts und stehen für Beständigkeit und Unvergänglichkeit. Anders als auf christlichen Friedhöfen gilt im Judentum ein Grab als ewige Ruhestätte. Der Friedhof ist das Beit Haolam, das „Haus der Ewigkeit“. Gräber werden nicht aufgehoben und nicht neu belegt. Die Totenruhe gilt als unantastbar. Wer hier steht, spürt, wie unterschiedlich religiöse Traditionen sein können – und wie sehr sie doch dieselbe Sehnsucht verbindet: dass Erinnerung Bestand hat.

Der Hoppenlaufriedhof im Wandel der Zeit

Der Hoppenlaufriedhof hat schwere Zeiten erlebt. Bomben beschädigten ihn im Zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende lagerten zwischen den Gräbern Trümmer der zerstörten Stadt. Später wurde die Anlage zum Park umgestaltet, Grabsteine versetzt, Wege verändert. Erst in den vergangenen Jahren wurden viele der historischen Grabmäler aufwendig restauriert und gesichert.

Heute wirkt davon kaum noch etwas sichtbar. Kinder lachen irgendwo außerhalb der Mauern oder spielen hinter den alten Steinen Verstecken. Über den Denkmälern des Parks flirrt die warme Luft eines Sommertages. Der Hoppenlaufriedhof ist kein Ort des Schreckens. Und doch trägt er etwas Geheimnisvolles in sich und erinnert daran, dass Vergänglichkeit zum Leben gehört. Er zeigt, dass aus einem Ort des Abschieds ein Ort der Ruhe werden kann – mitten in einer modernen Stadt, die niemals stillzustehen scheint. Ein tröstlicher Gedanke.

Angenehmer Spaziergang, an heißen Sommertagen

Wer an einem heißen Sommertag Schatten sucht, findet hier mehr als angenehme Kühle. Der Hoppenlaufriedhof lädt dazu ein, langsamer zu werden, Geschichten nachzuspüren und den Blick für das Wesentliche wiederzuentdecken. 

Sommerserie

In den Ferien stellen wir in einer Artikelserie kühle Orte und Ausflugsziele vor, an denen es sich bei sommerlich heißen Temperaturen gut verweilen lässt. Zumeist haben diese Plätze auch in irgendeiner Weise etwas mit Kirche, Glaube oder religiöser Tradition zu tun.

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