Foto: David Langer „Mal weg“ für neue Wegerfahrung
„Kommt und ruht ein wenig aus …“ - Als Herberge, Ort geistlicher Bildung und Begegnung sowie Zentrum für Pilgerbegleitung eignet sich das Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen, dem vor 40 Jahren das Patronat des Apostels verliehen wurde, für kurze Auszeiten mit Pilgererfahrungen. Diakon Ulrich Körner (Aufsichtsrat der Stiftung, rechts) und David Langer (Hausleiter und Bildungsreferent) haben dafür ein interessantes Angebot ausgearbeitet. Archivbild: DRS/Jerabek
Als im Jahr 2006 das Buch „Ich bin dann mal weg“ des deutschen Entertainers Hape Kerkeling über dessen Reise auf dem Jakobsweg erschien und mehr als einhundert Wochen die Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher dominierte, traf es einen Nerv der Zeit und bediente die Sehnsucht nach Aufbruch und echter Begegnung vieler Menschen. Doch auch wenn die Zahlen der in Santiago de Compostela ankommenden Pilger weiterhin von Rekord zu Rekord eilen, wären die meisten Menschen schon froh, den Alltag auch nur für kurze Zeit unterbrechen zu können oder Aus- und Übergangszeiten „im Kleinen“ zu gestalten. Für diese Menschen wurden die „Wir sind dann mal weg“-Tage konzipiert.
Wobei, wie Diakon Ulrich Körner schon bei der Vorstellung des Angebots vor zwei Jahren sagte, ist „die Idee zu solchen Projekttagen so alt wie das Pilgern selbst. Oft haben Menschen anderen einladend von ihren Wegerfahrungen berichtet“, so der Vorsitzende des Aufsichtsrats der „Stiftung Haus St. Jakobus - Schwäbische Jakobusgesellschaft“. „Alle Religionen kennen und praktizieren das fußläufige Unterwegssein auf konkrete Heiligtums-Orte hin. Im Teil und im Kleinen wird hier das Große und Ganze des menschlichen Lebens ‚zugänglicher‘!“, schreibt er in der Projektinfo.
Menschen wollen gemeinsam unterwegs sein
Mit dem Angebot reagierte das Cursillo-Haus St. Jakobus auf Anfragen von Menschen, die diesen einzigartigen Ort der Einkehr, Begegnung und geistlichen Bildung auf dem Kapellenberg in Oberdischingen für eine kurze gemeinschaftliche Pilgerzeit nutzen wollen. „Offensichtlich ist das Anliegen, mit anderen Menschen zusammen den alltäglichen Lauf zu unterbrechen und Pilgererfahrungen machen zu können, hier besonders gut aufgehoben und verortet“, vermutet Körner. In leicht abgewandelten bzw. auf die konkrete Gruppe zugeschnittenen Varianten richten sich die „Wir sind dann mal weg“-Tage zum einen an Räte, Gruppen und Kreise aus Kirchengemeinden, die sich „auf dem Weg“ besser kennenlernen wollen, und zum anderen an Schulen und Religions-Fachschaften der Sekundarstufe II, die besondere Projekttage gestalten.
Foto: David Langer Im Kern besteht das Angebot darin, Gruppen von bis zu zwölf Teilnehmenden zwei Tage lang zu begleiten, sie im Pilgerhaus zu beherbergen und bereits bei der Vorbereitung zu unterstützen. Denn den eigentlichen Pilgertagen ist idealerweise ein erster Projektabend vorgeschaltet, bei dem die Teilnehmenden zunächst von eigenen „Unterwegs“-Erfahrungen berichten und sich dann anhand verschiedener Materialien mit der Idee und dem Anliegen des Pilgerns als einer überkommenen „Lebens- und Glaubensweise“ und seiner Vielfältigkeit als einem Unterwegssein durch „fremde Äcker“ vertraut machen. Auch praktische Fragen zum Rucksackpacken haben hier ihren Platz.
Pilgern ist Aufbrechen, Verspüren und Ankommen
Tag 2 beginnt mit dem „Aufbruch von daheim“ und steht im Zeichen des Unterwegsseins: Mit dem Zug fahren die Teilnehmenden nach Ulm und nehmen den ersten Pilgerabschnitt unter die Sohlen; die Etappe bis Oberdischingen beträgt 21 km und wird von Wegimpulsen, Ruhezeiten und Rucksackvesper begleitet. Am frühen Abend werden sie in der Pilgerherberge willkommen geheißen. Der malerisch gelegene, lauschige Garten mit dem symbolkräftigen „Cruz de Luz“ lädt zum gemütlichen Ausklang ein. Der dritte Tag führt die Pilgerinnen und Pilger nach dem gemeinsamen Frühstück durch das Rißtal über Untersulmetingen und zum Bahnhof Schemmerberg, von wo sie dann mit dem Zug die Rückfahrt nachhause antreten.
Dass der Titel „Wir sind dann mal weg“ nur einen Aspekt des Pilgerns abdeckt, ist Ulrich Körner bewusst: „Beim Pilgern ist es mindestens ebenso wichtig aufzubrechen, wie auch wahrzunehmen und dann wieder heimzukommen.“ Die Assoziation mit dem berühmten Satz soll aber einladen und neugierig machen: „Es klingt nach Auszeit, nach ‚Ich nehme mich raus aus meinem Alltag‘.“ Auch die gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem, was man zurücklässt, die in dem Satz mitschwingt, könne helfen, sich für kurze Zeit „nicht zu kümmern“, sondern mal loszulassen.
Ein Beispiel, wie dieses Format funktioniert und sich bewährt, sind die „Religionspädagogischen und spirituellen Pilgertage“ für Lehrkräfte in Ausbildung. Fast jedes Jahr kommen Lehramtsanwärter und Studienreferendare mit ihren Ausbilderinnen an den „Seminaren für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte in Baden-Württemberg“ in Weingarten und Schwäbisch Gmünd für ein Wochenende ins Cursillo-Haus St. Jakobus. Die Tage zum Ende des Schuljahres bieten Raum für spirituelle Entwicklung und Persönlichkeitsbildung und werden von den angehenden Lehrkräften als Chance zur Entschleunigung und zum persönlichen Austausch auch über die verschiedenen Schularten hinweg gerne genutzt. Das gemeinsame Pilgern bietet eine sehr große Weite, die unterschiedliche Spiritualitäten ernst nimmt, und neue Wegerfahrungen, die die Teilnehmenden als Ermutigung mit in den Alltag hineinnehmen.