Künstliche Intelligenz wird immer mehr zum ersten Ratgeber in persönlichen Lebenskrisen. Vor allem Jugendliche konsultieren oft erst ChatGPT, bevor sie mit einem realen Menschen über ihre Sorgen sprechen, wohl wissend, dass eine KI kein echtes menschliches Gespräch oder gar Mitgefühl ersetzen kann. Von einer Maschine können Ratsuchende aber nur simulierte Empathie erwarten. Oder?
Die Telefonseelsorger von Ruf & Rathaben im Sommer 2026 am XXIII. International Federation of Telephone Emergency Services-Kongress (IFOTES) in Budapestteilgenommen. IFOTES ist der internationale Dachverband der Telefonseelsorge und Krisendienste für emotionale Erste Hilfe. Auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart wird über die Notwendigkeit diskutiert, den technischen Wandel aktiv zu gestalten, ohne die menschliche Kernkompetenz in der Beratung zu vernachlässigen.
Ein Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Telefonseelsorge von Ruf & Rat, Bernd Müller und seinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Marita und Claudia (Namen von der Redaktion geändert) über Chancen und Risiken im Umgang mit dem künstlichen Kollegen.
Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz die Telefonseelsorge?
Marita: Derzeit beeinflusst KI die Seelsorge noch nicht allzu sehr. Allerdings taucht im Beratungs-Chat immer mal wieder die Frage auf: Chatte ich mit der KI oder einem realen Menschen? Den Fall, dass ganze Gespräche über KI liefen, hatte ich bisher noch nicht.
Claudia: Sie erzeugt Unruhe, Aufregung, Ängste auf der einen Seite und natürlich auch Neugierde bei Trägern und Mitarbeiterinnen der Telefonseelsorge. Eine KI könnte als "Warteraum mit Dialog-Angebot" unsere Erreichbarkeit verbessern.
Wie funktioniert die “Zusammenarbeit” mit einer KI konkret?
Bernd Müller: KI-Anwendungen verändern die Welt rasant und damit auch den Rahmen von Telefonseelsorge. Schon jetzt machen wir die Erfahrung, dass Klienten von der KI, beispielsweise ChatGPT, zur Telefonseelsorge geschickt werden, weil im Krisenfall menschliche Unterstützung geboten ist. 75 Prozent unserer Anrufenden oder auch unserer Chatter wollen gehört und gesehen werden und suchen das vor allem von einem Menschen, nicht von einer Maschine. Bei allen Fragen, die das Leben stellt, in Krisen und Umbrüchen sind die Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge gesucht und ansprechbar.
Marita: In der Kommunikation mischen sich im Augenblick zwei Welten. Die zwischenmenschliche Begegnung oder Verständigung wird durch Dialoge mit der KI ergänzt und manchmal auch ersetzt. Die Herausforderung besteht darin, beide Formen für einen fruchtbar seelischen Kontakt wirken zu lassen.
Bernd Müller: Gegenwärtig ist der Bedarf an Mental Health so hoch, dass dieser durch Menschen vermutlich nicht zu decken ist. Ich vermute, dass der Bedarf an Seelsorge und emotionaler Unterstützung eher noch steigen wird. Was auf der einen Seite möglicherweise durch KI-unterstützte Systeme an Entlastung passiert, wird auf absehbare Zeit durch KI-induzierte Krisen wieder "aufgefressen".