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Menschliche Seelsorge versus Tipps vom KI-Chatbot

Menschen in seelischen Krisen suchen zunehmend Rat bei Künstlichen Intelligenzen. Was bedeutet das für die Telefonseelsorge in der Diözese?

Stuttgart
Die Telefonseelsorger von Ruf & Rat beim XXIII. Internationalen IFOTES-Kongress in Budapest. Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Ruf&Rat

Die Telefonseelsorgenden von Ruf & Rat haben im Sommer 2026 am XXIII. Internationalen IFOTES-Kongress in Budapest teilgenommen und sind mit vielen Anregungen für ihre Arbeit zurückgekehrt. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Ruf&Rat

Künstliche Intelligenz wird immer mehr zum ersten Ratgeber in persönlichen Lebenskrisen. Vor allem Jugendliche konsultieren oft erst ChatGPT, bevor sie mit einem realen Menschen über ihre Sorgen sprechen, wohl wissend, dass eine KI kein echtes menschliches Gespräch oder gar Mitgefühl ersetzen kann. Von einer Maschine können Ratsuchende aber nur simulierte Empathie erwarten. Oder?

Die Telefonseelsorger von Ruf & Rathaben im Sommer 2026 am XXIII. International Federation of Telephone Emergency Services-Kongress (IFOTES) in Budapestteilgenommen. IFOTES ist der internationale Dachverband der Telefonseelsorge und Krisendienste für emotionale Erste Hilfe. Auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart wird über die Notwendigkeit diskutiert, den technischen Wandel aktiv zu gestalten, ohne die menschliche Kernkompetenz in der Beratung zu vernachlässigen. 

Ein Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Telefonseelsorge von Ruf & Rat, Bernd Müller und seinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Marita und Claudia (Namen von der Redaktion geändert) über Chancen und Risiken im Umgang mit dem künstlichen Kollegen.

Wie beeinflusst Künstliche Intelligenz die Telefonseelsorge?

Marita: Derzeit beeinflusst KI die Seelsorge noch nicht allzu sehr. Allerdings taucht im Beratungs-Chat immer mal wieder die Frage auf: Chatte ich mit der KI oder einem realen Menschen? Den Fall, dass ganze Gespräche über KI liefen, hatte ich bisher noch nicht. 

Claudia: Sie erzeugt Unruhe, Aufregung, Ängste auf der einen Seite und natürlich auch Neugierde bei Trägern und Mitarbeiterinnen der Telefonseelsorge. Eine KI könnte als "Warteraum mit Dialog-Angebot" unsere Erreichbarkeit verbessern.

Wie funktioniert die “Zusammenarbeit” mit einer KI konkret?

Bernd Müller: KI-Anwendungen verändern die Welt rasant und damit auch den Rahmen von Telefonseelsorge. Schon jetzt machen wir die Erfahrung, dass Klienten von der KI, beispielsweise ChatGPT, zur Telefonseelsorge geschickt werden, weil im Krisenfall menschliche Unterstützung geboten ist. 75 Prozent unserer Anrufenden oder auch unserer Chatter wollen gehört und gesehen werden und suchen das vor allem von einem Menschen, nicht von einer Maschine. Bei allen Fragen, die das Leben stellt, in Krisen und Umbrüchen sind die Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge gesucht und ansprechbar.

Marita: In der Kommunikation mischen sich im Augenblick zwei Welten. Die zwischenmenschliche Begegnung oder Verständigung wird durch Dialoge mit der KI ergänzt und manchmal auch ersetzt. Die Herausforderung besteht darin, beide Formen für einen fruchtbar seelischen Kontakt wirken zu lassen.

Bernd Müller: Gegenwärtig ist der Bedarf an Mental Health so hoch, dass dieser durch Menschen vermutlich nicht zu decken ist. Ich vermute, dass der Bedarf an Seelsorge und emotionaler Unterstützung eher noch steigen wird. Was auf der einen Seite möglicherweise durch KI-unterstützte Systeme an Entlastung passiert, wird auf absehbare Zeit durch KI-induzierte Krisen wieder "aufgefressen". 

Was fehlt, wenn der Mensch nicht mehr zuhört und Maschinen übernehmen?

Marita: Es stellt sich kein Gefühl der menschlichen, vitalen Verbundenheit und Zugehörigkeit ein. Statt dem Du bleibt nur das Es.

Claudia: Auf jeden Fall fehlen Empathie, Emotion, menschliches Verständnis, menschliche Wärme. Ich jedenfalls möchte nicht unbedingt mit Maschinen kommunizieren.

Bernd Müller: Dass eine KI nicht zu Empathie fähig ist, ist zwar richtig - Algorithmen bilden nur statistische Wahrscheinlichkeiten ab – doch in der Praxis konstruieren wir die empathische Wahrnehmung in unserem Gehirn: Entscheidend ist dann, was der Hilfesuchende als empathisch und hilfreich wahrnimmt.

Im Juli fand in Budapest der IFOTES-Kongress statt. Was sind die neuesten Erkenntnisse aus dieser Fachkonferenz?

Claudia: Es hat eine Sensibilisierung gegenüber der KI stattgefunden. Eine Chance könnte darin liegen, KI dort einzusetzen, wo vorübergehend keine reale Person zur Verfügung steht.
Bernd Müller: Das müsste aber sehr deutlich markiert werden.

Claudia: Gefahren gibt es viele: „Was geschieht beispielsweise mit den Daten, die verschickt werden?“ Werden Großkonzerne wie Microsoft, Amazon und andere die Informationen aus den „Gesprächen“ für ihre Zwecke nutzen können, gegebenenfalls auch gegen meinen Willen?

Bernd Müller: Ich zähle gerne einige Impulse auf: Erstens widersprechen aktuelle Modelle der KI nicht und sie suggerieren ein "übermenschliches" Gegenüber, das 24/7 vorhanden aber in realen Beziehungen nicht wiederzufinden ist. Zweitens bringen Beziehungen zur KI neue Formen psychischer Krisen hervor. Es wird schon von „AI-Psychosis“ gesprochen. Drittes finden im technischen Dialog Grenzverschiebungen statt. Die KI hat beispielsweise eine wesentlich gelassenere Meinung zum Gewicht bei Magersüchtigen. No Body - no Feeling! Im Kontakt mit der KI fehlt der Bezug zur eigenen Körperwahrnehmung. Mich selbst fühlen kommt vor mich selbst denken oder konstruieren. Je mehr ich meinen Körper wahrnehme, desto mehr bin ich! 
Deshalb: The Human Touch bleibt das Maß aller Dinge – das war auch der Titel des diesjährigen IFOTES-Kongresses.

Welche Funktion hat die Diözese auch künftig beim Thema Telefonseelsorge?

Bernd Müller: Dass unsere Diözese die Telefonseelsorge trägt, ist ein wichtiges Signal in die Gesellschaft hinein: Wir sind und bleiben auf unseren Kanälen für notleidende Menschen niedrigschwellig erreichbar.

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