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„Mit Trauer muss man nicht alleine klarkommen“

Seelsorger und Trauerbegleiter Michael Friedmann berichtet, wie Kinder und Jugendliche mit dem den Tod eines nahen Verwandten umgehen.

Ludwigsburg (Württemberg)

Michel Friedmann betreut seit sechs Jahren trauernde Kinder- und Jugendliche. Bild: Carola Trautmann

Seit sechs Jahren stellt sich Michael Friedmann der Herausforderung, Kinder und Jugendliche sowie deren Familien zu begleiten, wenn ein enger Familienangehöriger gestorben ist. Auch wenn die Trauer übermächtig wird, bleibt der Referent des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg e.V.

In Kürze bietet er mit seinem Team einen speziellen Fotoworkshop für Mädchen und Jungen zwischen 13 und 18 Jahren an, die um einen nahestehenden Menschen trauern. Motto: Perspektiven. Doch welche Perspektiven können er und seine Kollegen den Betroffenen geben?

Wir haben im Interview mit dem 45-Jährigen über diese schweren Schicksalsschläge gesprochen, was sie im Leben der Jugendlichen bewirken und welche Angebote die Hospizinitiative mit ihren ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Kinder- und Jugendtrauer hier machen kann.

Herr Friedmann: Trauern Jugendliche eigentlich anders als Erwachsene? Schon zwischen einem 13- und einem 18-Jährigen können ja große Unterschiede in der Entwicklung liegen.

Friedmann: Zunächst einmal ist die Trauer um ein nahes Familienmitglied eine sehr verbindende Erfahrung. Ein 14-Jähriger, der vor zehn Jahren seine Mutter verloren hat, kann da durchaus einer 17-Jährigen, die diese schlimme Erfahrung eben erst gemacht hat, sagen, wie es damals für ihn war. Da hilft quasi der Kleine der Großen. Das Alter spielt also eine weniger wichtige Rolle als die Verbindung. Gleichwohl trauern Jugendliche mehr unter Gleichaltrigen. Sie sprechen eher mit ihren Freunden als mit ihren Verwandten – so wie das in dieser Lebensphase allgemein eben ist. Und sie haben ein starkes Bedürfnis nach Alltag, was Erwachsene oft irritiert.

Wenn im Leben von Jugendlichen etwas so Unwirkliches passiert, wie dass die Mama, der Papa, der Bruder oder die Schwester stirbt, dann bringt das deren inneres Gleichgewicht durcheinander.

Normalität gibt ihnen dann innere Sicherheit und erst wenn sie diese haben, können sie sich der Verletzung zuwenden. Zudem schützen Kinder und Jugendliche ihr Umfeld gerne und halten sich mit ihrer eigenen Trauer zurück.

Sie machen ganz spezielle Angebote für betroffene Jugendliche?

Friedmann: Wir haben eine Trauergruppe für Jugendliche, die sich regelmäßig treffen, oder eben ganz aktuell das Angebot eines Fotoworkshops. Wenn dort jemand zum ersten Mal kommt, tut er sich oft schwer. Da denkt der ein oder andere schon: „Oh Gott, eine Jugendtrauergruppe, das heißt ja drei Stunden Depri-Faktor mit gemeinsamem Weinen und sich Taschentücher reichen.“ Weil Jugendliche genau das aber nicht wollen, machen wir das auch nicht. Wir geben allen Lebensthemen Raum – einschließlich der Trauer. Aber bei uns geht es auch um Freunde, um Corona oder um Erinnerungen. Die Jugendlichen reden beispielsweise darüber, wann man neuen Freunden erzählt, dass man Mutter oder Vater oder ein Geschwisterkind verloren hat. Gehört das zu den ersten drei Infos, die sie erzählen möchten? Darüber wird diskutiert und werden Erfahrungen ausgetauscht. Das Entscheidende passiert dabei immer unter den Jugendlichen selbst. Wir vom Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst geben nur den Rahmen vor und setzen Impulse. Die trauernden Jugendlichen erleben hier eine Realität, die sie aufgrund der besonderen Achtsamkeit, mit der sie das Umfeld behandelt, häufig nicht haben. Oder das Umfeld verstummt. Darunter leiden die Jugendlichen, ja Trauernde überhaupt, dann besonders.

Was ist das Besondere an dem Fotoworkshop, den Sie im September anbieten?

Friedmann: Im Gegensatz zur Jugendtrauergruppe steht beim Fotoworkshop das Erlernen einer Technik – also das Fotografieren – im Mittelpunkt. Wir stellen uns dieses Mal unter Anleitung eines professionellen Fotografen die Frage: Was passiert, wenn wir unterschiedliche Perspektiven einnehmen? Das übertragen wir natürlich und fragen uns, wie sehen uns die anderen? Wie sieht uns der Verstorbene? Und parallel machen sich die Jugendlichen auf den Weg und suchen unterschiedliche Motive. In der Vergangenheit kam beispielsweise ein Junge, der den Fotoworkshop besucht hatte, im Anschluss in die Jugendtrauergruppe. Bis dato glaubte er, er müsse mit dem Tod seiner Schwester alleine klarkommen. Mit Trauer muss man aber nicht alleine klarkommen.

Hatte die Corona-Pandemie Auswirkungen auf Ihre Arbeit und auch auf das Empfinden der trauernden Mädchen und Jungen?

Friedmann: Eine erste starke Auswirkung war, dass unsere Gruppentreffen nicht mehr stattfinden konnten. Aber wir haben sofort umgeswitcht und uns per Telefon und Videokonferenz mit den Jugendlichen zusammengefunden. Wenn in dieser Zeit neue Mädchen und Jungen dazu kamen, haben wir sie primär persönlich begleitet. Es war ja schon sehr früh wieder möglich, sich mit Abstand zu begegnen. Gleichwohl gilt gerade für uns eine hohe Sorgfaltspflicht. Wir sind für die Jugendlichen ja bereits da, wenn das nahestehende Familienmitglied schwer erkrankt. Und für uns war immer klar: Wir können die Begleitung ermöglichen, aber dürfen keinesfalls den Corona-Virus in eine Familie bringen.

Was das Empfingen der akut Betroffenen anbelangt, so hat die Pandemie die eh schon sehr schwierige Situation noch schwieriger gemacht.

Die Menschen konnten teilweise von Amtswegen nicht Abschied nehmen. Ich möchte nicht der Politiker sein, der in so einer Situation entscheiden muss. Und ich bin froh, dass die Kliniken und Altersheime ganz individuell versucht haben, in solchen Fällen Ausnahmen zu machen. Aber ich frage mich noch immer: Wie viele Menschen wird es noch lange begleiten, dass sie nicht oder nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit hatten, Abschied zu nehmen? Das galt ja auch für die begrenzte Anzahl an Teilnehmenden von Bestattungen. Und es galt und gilt für die Trauer. Viele Menschen sind sehr unsicher im Umgang mit Trauernden. Nun haben sie quasi die behördliche Legitimation, um sich zurückzuziehen, um mit dem Betroffenen weder zu reden noch gar ihn in den Arm zu nehmen. Dies hat für die Trauernden sicherlich zusätzliches Leid gebracht.

Gleichwohl gab es eine Gemeinsamkeit zwischen den trauernden Menschen und der Gesellschaft: Für beide steht die Welt still und beide haben sich mit bedeutenden Lebensthemen auseinandergesetzt. Viele von uns haben sich gefragt: Worauf kommt es eigentlich an?

Es gibt ja das Sprichwort: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Würden Sie dem zustimmen? Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Trauer aufhört?

Friedmann: Nicht die Zeit heilt alle Wunden, sondern was in dieser Zeit passiert – also die Menschen, mit denen ich spreche, die Tränen, die ich weine, der Alltag, den ich erlebe, der Pullover vom verstorbenen Papa, den ich trage, usw. – all das trägt dazu bei, dass es eine heilsame Zeit wird. Die Qualität dieser Zeit entscheidet darüber, ob aus der Wunde eine Narbe wird. Die bricht zwar immer wieder auf und schmerzt, aber sie heilt auch. Ganz verschwinden wird sie jedoch nie. Und das ist auch in Ordnung so: Mir darf Mama, Papa, Bruder oder Schwester, ja ein mir nahestehender Mensch ein Leben lang fehlen. Wir lernen also, mit der Trauer zu leben. Wir haben viel Vertrauen in die Menschen, die wir begleiten. Egal ob groß oder klein, der jeweilige Mensch ist der Fachmann und wir sind gerne die Wegbegleiter.

Und wie kommen Sie mit der Belastung klar, die diese viele tragischen Schicksale tagtäglich auch in Ihr Leben bringen?

Friedmann: Ich nehme den Tod als eine Realität unseres Lebens wahr. Er gehört dazu und das nimmt mir den Schrecken.

Ich versuche, bewusster im Moment zu leben und das macht mich froh und zufrieden.

Ich merke, dass es den Menschen, die wir begleiten, gut tut, dass wir ein Stück ihres Weges mitgehen. Die Verantwortung behalten die Betroffenen aber für sich. Zudem tauschen wir Kollegen uns untereinander aus, haben Supervision und Fortbildungen. Wenn ich jemanden in dieser schwierigen Situation begleite, ist der Beginn des gemeinsamen Weges der schwierigste Teil. Dann wird es mit jedem Schritt einfacher.

Kinder- und Jugendtrauer Ludwigsburg

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie rund 40 Ehrenamtlichen des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes beraten und begleiten Familien, in denen ein Familienmitglied schwerst erkrankt oder bereits verstorben ist. Sie bieten Gespräche und Einzelbegleitung sowie verschiedene Gruppenangebote für Trauernde. Ziel ist, die Betroffenen zu entlasten und zu unterstützen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden auf die Begleitung gezielt vorbereitet. Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst ist für Familien kostenlos und unabhängig von Nationalität, Religions- oder Konfessionszugehörigkeit.

Die Ökumenische Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg e.V. wird getragen vom Katholischen Dekanat Ludwigsburg, dem Evangelischen Kirchenbezirk Ludwigsburg, den Verbänden von Caritas und Diakonie und der Karlshöhe. Ein Großteil des Angebots wird über Spenden finanziert. Weitere Informationen, darunter die Kontonummer für Spenden, finden Sie unter www.kinderundjugendtrauer-lb.de. Informationen zu den Einrichtungen der Kinder- und Jugendtrauer in den einzelnen Landkreisen sind unter www.hospiz-bw.de aufgelistet.

Der Fotoworkshop für trauernde Jugendliche ist bereits fast ausgebucht. Kurzentschlossene haben die Möglichkeit, mit den Ansprechpartnern Kontakt aufzunehmen. Zu den weiteren Informationen zum Angebot.

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