Zum Inhalt springen

Momente der Hoffnung

Politische Bildung via "Peace Slam" hat am Wochenende die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart geboten.

Stuttgart
Peace Slam der Akademie

Eindrücke vom Peace Slam: Mit Handpuppen versuchte Prof. Gregor Lang-Wojtasik die „Gewaltfreie Kommunikation für Weltbürgerinnen und Weltbürger“ vorzuspielen. Bild: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Wie kann politische Bildung zum Frieden beitragen? Und wie erreicht sie die Herzen der Menschen? Ein „Peace Slam" in derAkademie mit Erfahrungen aus Lateinamerika und Deutschland.

Wie muss politische Bildung vonstatten gehen? Immer in einem gelehrten, belehrenden Vortrag mit einer streng rationalen, ernsten Diskussion hinterher? Die Akademie, die Uni Gießen und die Universidad del Rosario in Bogotá haben sich dieses Jahr in einem „Peace-Slam“ versucht, wörtlich in einem „Wettstreit um den Frieden“, bei dem dann auch andere Elemente zum Einsatz kamen: kreative, lustige, emotional berührende, künstlerische. Und das alles sehr zügig hintereinander. Jede und jeder der fünf Auftretenden hatte exakt eine Viertelstunde Zeit.

Das ergab in Stuttgart-Hohenheim einen recht bunten Abend – vor einem politischen Hintergrund allerdings, der rot von Blut und von Leichen gesäumt ist. Es ging insbesondere darum, wie in Kolumbien nach Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts, der wechselseitigen Rache und der fortwährenden Gewalt so etwas wie Versöhnung kultiviert werden kann. Von „Frieden“ lässt sich ja kaum reden in einem Land, das zwar – so eine Rednerin – „landschaftlich und klimatisch die schönste Ecke Südamerikas“ ist, wo aber noch 2021 und 2022 jeweils mehr als 90 Massaker mit insgesamt rund 630 Toten gezählt wurden.

Dass es zum Aufbau einer nachhaltigen Friedens politische Bildung braucht, war zwar in Hohenheim unumstritten: Wissen über das Funktionieren von Demokratie und über die Möglichkeiten aktiver Beteiligung zur Schaffung einer „Friedenskultur“ beispielsweise; die Schulung von Studierenden als zukünftigen gesellschaftlichen Multiplikatoren, das Bereitstellen von psychologischen, soziologischen Werkzeugen zum gesellschaftlichen Brückenbau. Kann man alles rational darlegen, in Sätzen, die jeder und jede schon -zigfach gehört hat. Marie Giebler aus Erfurt, die für die ecuadorianische Initiative „Politikum“ auftrat, verpackte das Anliegen aber sprachkünstlerisch, fast im Rap-Stil: Wenn ich wenig Bildung habe, „verfalle ich der Falle der Fallensteller und werde im schlimmsten Fall Teil des Verfalls der Demokratie, des Friedens.“ Klingt rhythmisch, prägt sich tiefer ein.

Dass man mit reiner Rationalität beispielsweise an Opfer herankommt, die noch als Kinder und dann über viele Jahre hinweg sexueller Gewalt ausgeliefert waren, stellte Prof. Maria Cecilia Plested Álvarez nahezu als unmöglich dar. Sie arbeitet an der Universidad de Antioquia in Medellín, in einem der Gebiete Kolumbiens, die am stärksten unter dem bewaffneten Konflikt gelitten haben. Selbst für sie als Wissenschaftlerin, sagte sie, sei es „richtig schwer gewesen, die Tränen zu stoppen“, wenn sie Frauen dort nach ihren Erlebnissen befragten, Frauen, die anfangs gar nicht reden wollten mit dem resignierten Argument: „Gewalt? Das ist ja Alltag bei uns.“ Erst über künstlerisch-handwerkliche Annäherungen sei dann das Eis gebrochen worden: Plakate malen, Nähen, Sticken. Und allmählich seien dann die dabei drastisch ausgedrückten Blut- und Gewalterfahrungen richtiggehenden Kunstwerken gewichen. „Die Frauen sind ruhiger geworden, auch durchs gemeinsame Tun.“ In einem weiteren Schritt sei es dann gelungen, den Gewalt-Akteuren zu vermitteln, sie sollten wenigstens die Kinder in Ruhe lassen.

„Versöhnung ist mitten im Streit.“ Gleich zweimal tauchte das Hölderlin-Zitat an diesem Abend in Hohenheim auf, nicht zuletzt weil es zwischen Kolumbien und Deutschland – in diesem Falle der Universität Jena mit Martin Leiner als Professor für theologische Ethik und dem Institut für Versöhnungsstudien (Jena Center for Reconciliation Studies) – einen durchaus lebendigen Austausch gibt. Vertreten war auch die Pädagogische Hochschule Weingarten. Mit Handpuppen versuchte Prof. Gregor Lang-Wojtasik die „Gewaltfreie Kommunikation für Weltbürgerinnen und Weltbürger“ vorzuspielen. Wie verstehen sich Wolf und Giraffe, die sich normalerweise ja unterschiedlicher Ausdrucksweisen bedienten: der Wolf als Sinnbild für drastische, die Giraffe für gewaltfreie Sprache? Schnell schlägt das – beim Wolf – in Aggression um, sobald kritische Zwischenrufe aus dem Saal hörbar werden und den Redner aus dem Konzept bringen? Da wird es dann schnell beklemmend, auch wenn der Effekt als Teil des Rollenspiels beabsichtigt ist. Die Giraffe zeigt da, wie durch Empathie die gleiche Situation ganz anders verlaufen kann.

Und wer denkt: Poesie, Gedichte, ja schön und nett, aber…, der konnte bei Adriana Corredor Contento schon auch erleben, wie stark gebundene Sprache wirken kann, sogar noch in der deutschen Übersetzung. Adriana Corredor Contento hat in Kolumbien das „Festival des Poetischen Slams“ (Slam Poético Festival) erfunden, das nun in Hohenheim sozusagen seine vierte Auflage erfuhr. Sie hat Dichterinnen und Dichter aus den vielen Teilen des Landes in Videoschnipseln zusammengeschnitten, wie sie ihre Erfahrungen mit den gewaltsamen Konflikten in Bilder von Wasser, Flüssen und Fischfang kleiden – und etwa beklagen, das Land, die eigene Erde habe keine Wächter mehr: „Die Geister wurden verdünnt in Tränen, Blut und Wasser.“ Oder: „Ich möchte in unsere kristallklaren Bäche tauchen ohne Angst haben zu müssen, auf den Kopf eines Kindes zu stoßen. Ich möchte, dass der Fluss wie eine Marimba klingt und nicht wie ein Geschoß. Ich möchte Boote voller freier Fischer sehen, die ihre Angeln auswerfen, um Fische zu fangen, keine Drogen oder Waffen.“

Lässt sich Frieden überhaupt erreichen? Auch die in Jena promovierende Nathalie Manco Villa stellte sich mit ihren Erwartungen sozusagen an ein Ufer. Die Freude, Frieden zu schaffen, sagte sie ebenfalls mit einem Dichterwort, sei vergleichbar mit dem Fischen: „Es ist das Streben nach etwas schwer Fassbarem, aber Erreichbarem, eine kontinuierliche Reihe von Momenten der Hoffnung.“

Mehr zum Autor

Aktuelles

zum Thema

Christian Turrey

War der 11. September vorhergesagt?

Ein New Yorker Künstler gestaltet in den 90er Jahren einstürzende Brücken und fallende Twin Towers aus Stein. Eine Prophezeiung für den Anschlag 2001?

Wikimedia CC0/ Armin Appel

Kloster Obermarchtal erhält Förderung für historische Dachstuhlsanierung

Obermarchtal

Das Land Baden-Württemberg unterstützt die denkmalgerechte Sanierung des historischen Dachstuhls im Kloster Obermarchtal.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Bild: picture alliance SZ Photo Alessandra Schellnegger

Christliche Kirchen gratulieren zum jüdischen Neujahrsfest

Rottenburg am Neckar

Bischöfe und Bischöfin aus Baden-Württemberg übermitteln ihre gemeinsamen Glück- und Segenswünsche und äußern ihre Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Matthias Zahner

Beeindruckende Wegmarken des Glaubens

Rottenburg am Neckar

Der emeritierte Bischof Dr. Fürst und Weihbischof Dr. Schneider segnen den nun vollständig restaurierten Prozessionsweg im Weggental in Rottenburg.

Gregor Moser

Bürgermeister bei Pilgertag in Oberschwaben

Weingarten

Rund 40 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nutzen Angebot der Diözese für Auszeit mit geistlichen Impulsen, Gesprächen und Zeit zur Besinnung.

Angelika Sönnichsen

Frieden wächst, wo Menschen einander begegnen

Rottenburg

Bischof Dr. Klaus Krämer besucht Friedens-, Bildungs- und Klimaprojekte in Burundi. In Nyanza Lac eröffnet ein Zentrum für Frieden und Versöhnung.

Markus Leser

Bischof erhebt die Klosterkirche in Rot an der Rot zum Münster

Rot an der Rot

Beim Patrozinium am Fest der Heiligen Verena gibt Pater Johannes-Baptist Schmid, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Rot-Iller, die Ehrung offiziell bekannt.