Zum Inhalt springen

Mundschutz als Problem

Die Einschränkungen durch die Corona-Krise treffen Gehörlose besonders hart, weiß Hörgeschädigten-Seelsorger Herbert Baumgarten.

Aalen

Viele Gehörlose sind auf Gebärdensprache angewiesen. Neben Gestik (hier das Wort "Wort") sind dafür auch Gesichtsmimik und lautlos gesprochene Wörter wichtig - deshalb sind Masken ein Problem. Foto: Matthew Antonino / Alamy Stock Foto

„Die Verunsicherung im Alltag ist ganz arg groß. Gehörlose Menschen fühlen sich jetzt noch mehr benachteiligt“, berichtet Herbert Baumgarten. Denn die Maskenpflicht, die mit den aktuellen Lockerungen in der Corona-Krise einhergeht, ist für Hörgeschädigte ein Problem.

Wer auf die Gebärdensprache angewiesen ist - eine Sprache, deren Bestandteile Gestik, Gesichtsmimik und lautlos gesprochene Wörter sind - ist von Kommunikation weitgehend ausgeschlossen, wenn Gesichter hinter Masken und Tüchern verschwinden. Allein in Deutschland nutzen nach offiziellen Angaben mindestens 80.000 Menschen die Gebärdensprache.

Herbert Baumgarten ist seit zehn Jahren Seelsorger für Menschen mit Hörschädigungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, zuständig für die Region Ostwürttemberg-Hohenlohe mit den Dekanaten Göppingen-Geislingen, Heidenheim, Heilbronn-Neckarsulm, Hohenlohe, Mergentheim, Schwäbisch Hall und Ostalb. Drei Kolleginnen und Kollegen kümmern sich um die anderen Regionen der Diözese.

Seelsorge auf allen Kanälen

Auch Baumgartens Alltag und Arbeit haben sich stark verändert: „Alles was bisher an persönlichen Kontakten zu Gehörlosen und Besuchen in Gehörlosenvereinen in meiner Region lief, läuft momentan ausschließlich digital - auf allem, was an digitalen Medien möglich ist“, erklärt der Diakon. Dazu zählen Fax, das unter Gehörlosen weit verbreitet sei, E-Mail, Whatsapp, Telegram, Skype und Videochat. „Mit diesen Kommunikationskanälen bin ich so ziemlich jeden Tag einen halben Tag lang beschäftigt“, so Baumgarten.

In diesen digitalen Unterhaltungen und in Rückmeldungen spüre er Einsamkeit und die Not, nicht kommunizieren zu können, sich nicht treffen zu können in den Vereinen, berichtet Baumgarten. „Es gibt viel Unsicherheit, weil auch auf hörbehinderte Menschen viele Informationen einströmen, die man einordnen muss.“

So habe es etwa bei der Maskenpflicht widersprüchliche Informationen gegeben. „Zuerst hieß es: Maskenpflicht auch für Gehörlose. Dann kam ein Video: Nein, Gehörlose sind ausgenommen. Dann musste man sich wieder korrigieren und sagen: Gehörlose sind nicht ausgenommen, dürfen aber im Notfall die Maske abnehmen. Diese Informationen sprudelten in kurzer Zeit auf die Gehörlosen ein - mich würde das kirre machen.“

In der Praxis entpuppe sich aber auch die Ausnahmeregelung als schwierige Sache, gibt Baumgarten zu bedenken: „Nehmen die Gehörlosen den Mundschutz ab, werden sie blöd angeglotzt, weil ja im Geschäft Mundschutzpflicht gilt.“

Videos in Gebärdensprache

Herbert Baumgarten hat seine Arbeit als Seelsorger auf die aktuelle Situation angepasst: „Ich versuche, mit meinen Gehörlosen - zumindest mit einem großen Teil davon - täglich mit geistlichen Gedanken in Kontakt zu bleiben.“ Vom seinem Dienstsitz in Aalen aus unternimmt er praktisch jeden Tag Fahrten in Kirchen seines Seelsorgegebiets und dreht dort ein fünf- bis siebenminütiges Video in Gebärdensprache.

„Ich sage immer, wo ich gerade bin, zeige die Kirche, formuliere ein paar geistliche Gedanken dazu, bete das Vater unser und spende den Segen“, erklärt der Diakon. „Das Video stelle ich in meine Whatsapp-Gruppe, die etwa 100 Mitglieder hat, die es dann auch weiter verteilen, und auf meine Facebook-Seite.“ In den letzten Wochen habe er „technisch so viel dazugelernt wie vielleicht in den letzten zehn Jahren nicht“, schmunzelt der 59-jährige Seelsorger.

Das Format findet Gefallen. „Es kommen viele positive Rückmeldungen“, freut sich Herbert Baumgarten. „Manche Gehörlose identifizieren sich mit einer bestimmten Kirche, weil sie dort Hochzeit hatten oder in der Nähe schon mal gewohnt haben.“ Jetzt im Mai – auch weil er mit den Gehörlosen derzeit noch nicht persönlich Gottesdienst feiern könne – besuche er vor allem Kirchen, die in besonderer Weise mit der Muttergottes verbunden sind.

INFO

Menschen mit Hörschädigungen, die die Videos mit geistlichen Impulsen in Gebärdensprache empfangen möchten, können sich bei Diakon Herbert Baumgarten melden.

 

Mehr zum Autor

Aktuelles

aus der Region

Christine Eberle

Kunst zum Entdecken und Nachdenken

Ellwangen (Jagst)

Eine Ausstellung mit Werken von Judith Wettemann-Ebert knüpft an die Themen der Landesgartenschau und besonders an die dortige Blumenschau an.

Insta-Pfarrer goes TV und Sonja (fast) zum Beichten

Obermarchtal

„Sonja in ...“ heißt eine Reportagereihe der SWR-Landesschau. Auf ihrer Tour durch Obermarchtal trifft Sonja Faber-Schrecklein „Insta-Pfarrer“ Loi.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Gregor Moser

Päpstliche Ehrenzeichen für herausragende Verdienste

Rottenburg am Neckar

Bischof Dr. Krämer verleiht Auszeichnungen an Veronika Rais-Wehrstein aus Nagold, Dr. Monika Stolz aus Ulm und Dr. Johannes Warmbrunn aus Esslingen.

Niklas Heck

Junge Kirche St. Nikolaus feiert Wiedereröffnung

Stuttgart

Zwei Jahre Umbau haben eine flexible Kirche mit vielen Möglichkeiten entstehen lassen. Wiedereröffnung am 20. September mit Bischof Dr. Klaus Krämer.

Joscha Reuther

Popmusik: Glaube, der nicht glatt klingt

Stuttgart

Das popmusikalische Kollektiv Credo·Collab übersetzt das Glaubensbekenntnis in Musik. Single-Auskopplungen eines neuen Albums können gestreamt werden.

Angelika Sönnichsen

Burundi-Reise: Bischof plädiert für mehr Aufmerksamkeit

Rottenburg am Neckar

Frieden, Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung als zentrale Felder der Zusammenarbeit. Theaterprojekt kommt 2027 nach Stuttgart.

Dekanat Stuttgart / Heinz Heiss

Kultur, Werte und Religion für die Praxis in Kindertageseinrichtungen

Rottenburg am Neckar

Die vier großen christlichen Kirchen im Land veröffentlichen Praxisbuch zur Umsetzung des für Kindertageseinrichtungen geltenden Bildungsplans.