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Mut gegen den Wahn: von Ellwangen bis Papua-Neuguinea

Hexenwahn war nicht nur gestern: Seit langem kämpft Schwester Lorena Jenal gegen Hexenverfolgung in Papua-Neuguinea. „missio“ unterstützt sie dabei.

Ellwangen (Jagst)
Diözese Rottenburg-Stuttgart

Zu Gast in der Diözese: Schwester Lorena Jenal hilft seit über 40 Jahren in Papua-Neuguinea Kranken und Ausgegrenzten. Für ihren Einsatz für die Opfer von Hexenverfolgungen wurde sie 2018 mit dem Weimarer Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Mit missio-Regionalstellenreferent Ioan Brstiak (Hauptabteilung Weltkirche) nahm sie an einer Veranstaltung über Hexenwahn in Geschichte und Gegenwart teil. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Jochen Wiedemann

„Man erzwingt ein Geständnis, man foltert, bis man das Geständnis hat“ so berichtete Schwester Lorena Jenal. Was die Peiniger hören wollten, sei, dass man sich der Hexerei „schuldig“ bekennt, um die so bezichtigte Person dann zu töten. In dem jüngsten Fall, mit dem die Schweizer Ordensschwester zu tun hatte, habe man der beschuldigten Frau erst einen Finger mit der Axt abgehauen und gesagt: „Überleg dir das bis morgen, sonst hauen wir dir den zweiten Finger ab.“ – Was Schwester Lorena vortrug, sind keine historischen Aufzeichnungen aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit; es ist eine hochaktuelle und fast globale Realität. Darüber sprach sie in einer Stadt, die als Fürstpropstei zwischen 1560 und 1650 in wiederkehrenden Verfolgungswellen zu den bedeutendsten Schauplätzen der Hexenverfolgung im süddeutschen Raum zählte.

Hexenverfolgung auf beklemmende Weise präsent

Ein Mahnmal, vor 25 Jahren von Künstlerpfarrer Sieger Köder (1925-2015) gestaltet, erinnert am „Galgenberg“, nahe der Rundsporthalle, an die Opfer der Hexenverfolgung in Ellwangen. Der Hexenwahn, über den eine Ausstellung im Schlossmuseum Ellwangen informiert, steht exemplarisch für ein düsteres Kapitel europäischer Geschichte. In der Arbeit von Schwester Lorena Jenal ist Hexenverfolgung jedoch auf beklemmende Weise präsent: Seit über 40 Jahren setzt sich die Baldegger Schwester in Papua-Neuguinea für die Rechte und den Schutz Betroffener ein. Und ist bei ihrem Besuch der Ausstellung einmal mehr darüber erschrocken, wie viele Ähnlichkeiten und gleiche Denkmuster und Mechanismen es zwischen damals und heute, zwischen hier und dort gibt. 

Wie entsteht Gewalt aus Angst?

Diese Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hat sich eine Veranstaltung zum Ziel gesetzt, zu der die Regionalstelle Südwest des katholischen Missionswerks missio Aachen in Kooperation mit dem Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen, der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) Ostalbkreis und den Comboni-Missionaren in Ellwangen eingeladen hatte. Wie Gewalt aus Angst entsteht und warum sich Mechanismen der Ausgrenzung über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Kulturen, aber mit erschreckender Ähnlichkeit wiederholen, stand im Mittelpunkt von Kurzvorträgen und einem von missio-Regionalstellenreferent Ioan Brstiak moderierten Gespräch.

In dem von Schwester Lorena geschilderten Fall hätten die Folterknechte der beschuldigten Frau tatsächlich nacheinander sechs Finger abgehauen. „Nach dem sechsten Finger sagten sie: ‚Wenn du immer noch nicht gestehen willst, nehmen wir dir das rechte Auge.‘ Dann hat sie gesagt: ‚Dann bin ich halt eine Hexe.‘ Und dann wollten sie wissen, wer ihr geholfen hat, und wollten weitere Namen hören.“

Etwa 450 Opfer in zwei Verfolgungswellen

Unter Folter erzwungene „Geständnisse“ erzeugten einst auch in Ellwangen „ein selbstreferenzielles System der Anschuldigung, das sich immer weiter reproduzierte und von Angst, institutioneller Macht und kollektivem Druck getragen wurde“. Wie Dr. Michael Hoffmann vom Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen bei dem Vortrags- und Gesprächsabend im Schlossmuseum erläuterte, ist so zu erklären, warum auf jahrelange Phasen ohne Hexenprozesse Verfolgungswellen folgten, in denen innerhalb kurzer Zeit viele Menschen hingerichtet wurden. Auf dem Territorium der Fürstpropstei Ellwangen waren dies 1588 und zwischen 1611 und 1618 etwa 450 Menschen. Aus den insgesamt gut belegten Fällen hat der Geschichts- und Altertumsverein die bewegende Geschichte eines 16-jährigen Mädchens ausgewählt, die im Mittelpunkt der im Schlossmuseum angebotenen Sonderführungen steht.

Willkürliche Indizien im Hexenprozess

Unwetter und Missernten, Seuchen und Brände konnte oder mochte man sich vielfach nur so erklären, dass schwarze Magie und Hexerei die Ursache sei. Zum Gebrauchswerk der Hexenrichter wurde der von den Dominikanern und Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Kramer 1486 veröffentlichte „Hexenhammer“, doch auch in der weltlichen Rechtsordnung existierte die Straftat des Schadenzaubers. Doch nicht nur Umweltkatastrophen, auch Neid, Hass oder Willkür konnten eine Anklage zur Folge haben.

Die Hexenprozesse selbst waren von großer „Flexibilität“ bei den Indizien geprägt: sowohl mangelnder als auch häufiger Kirchenbesuch, ein Aufenthalt auf einem Felde vor einem Unwetter, die Kräutersuche, geringes Körpergewicht, sogenannte Hexenmale und anderes mehr – eigentlich konnte alles ein Grund für eine Anklage sein. Hexenverfolgungen fanden in ganz Europa statt, sowohl in katholischen wie in protestantischen Gebieten, wie der Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen in der Ausstellung dokumentiert. Die Verurteilung erfolgte in der Regel durch weltliche Gerichte.

Hexenverfolgung ist globales Menschenrechtsthema

Die Parallelen zwischen damals und heute hätten sie einmal mehr erschreckt, sagte Schwester Lorena mit Blick auf die Ausführungen von Historiker Dr. Hoffmann und auf ihre gegenwärtigen Erfahrungen mit Hexenwahn. Nach einer vom Hilfswerk „missio“ jedes Jahr aktualisierten Weltkarte kommt es in 46 Ländern in Afrika, Asien, Ozeanien, dem Nahen Osten sowie Mittel- und Südamerika zu Gewalt im Zusammenhang mit Hexereivorwürfen. „Hexenverfolgung ist kein lokales Einzelphänomen, sondern ein globales Menschenrechtsthema“, erklärte der „missio“-Referent.

In Papua-Neuguinea führt der Glaube an sogenannte „Sanguma“ bis heute zu Gewaltakten gegen vermeintliche Hexen. Eine Fallstudie, die das Internationale Katholische Missionswerk herausgegeben hat, verdeutlicht dies eindringlich: Ausgehend von Krankheit, Tod und wirtschaftlicher Not verdichten sich Gerüchte, Neid und familiäre Konflikte zu Anschuldigungen. Die daraus resultierende Gewalt wird sozial toleriert oder bleibt straflos. Besonders Frauen geraten in den Fokus und werden strukturell benachteiligt und bleiben schutzlos. „Urängste“ und eine Neigung, in bestimmten Konstellationen einen Sündenbock zu suchen, seien wohl irgendwie bei vielen Menschen vorhanden, vermutet Schwester Lorena.

Wichtige Aufklärungsarbeit gegen den Hexenwahn

In dem von der Ordensfrau geschilderten jüngsten Fall in Papua-Neuguinea konnte sie „bei Nacht und Nebel und mithilfe der Polizei die betroffenen Frauen rausholen“ – mit Ausnahme einer Angehörigen, die die Hexenjäger schon getötet hatten. 

Mehr als 350 Frauen seit 2012, als sie erstmals von dem Hexenwahn erfuhr, verdanken Schwester Lorena wohl ihr Leben. In dem von ihr gegründeten „House of Hope“ (Haus der Hoffnung) finden diese vorübergehend Schutz, medizinische und psychologische Betreuung, bis – oft nach mühsamer Aufklärungsarbeit in der Dorfgemeinschaft – eine Rückkehr möglich wird. „Wir machen Aufklärungsarbeit in Schulen, in Gemeinden, jede Woche auf Marktplätzen“, berichtete Schwester Lorena. Mit ihrem ausgebildeten Team gestaltet sie Rollenspiele. In der Gegend, in der das „House of Hope“ steht, habe man zuletzt keine Folterungen mehr angetroffen. „Das ist ein Riesenfortschritt.“

Mit Jesu Botschaft für Heilung und Versöhnung

Mit Blick auf die beiden zwei Fürstpröbste, die auf Gemälden „im Kirchengewand und mit der Bibel in der Hand“ im Schlossmuseum zu sehen sind „und für die Verfolgungen verantwortlich waren“, sieht Schwester Lorena, die selbst „auch schon das Messer am Hals und die Waffe an der Brust hatte“, ihren Dienst als Ordensschwester in Papua-Neuguinea auch als Sühne und als einen Beitrag, die frohe Botschaft von Jesus Christus zu bringen, die Heilung, Vergebung, Versöhnung und Liebe bedeutet. 

Allzu viel Grund zu Selbstzufriedenheit haben Menschen im „aufgeklärten“ Teil der Welt freilich nicht: Auch wenn es nicht der Scheiterhaufen ist, gebe es ganz viele Situationen, in denen Menschen zu Verhaltensmustern wie Ausgrenzung und Mobbing neigten, sagte Schwester Lorena Jenal. „Mut gegen den Wahn bedeutet, nicht wegzusehen“, so missio-Referent Brstiak. „Es bedeutet, aus der Geschichte zu lernen, gesellschaftliche Mechanismen zu hinterfragen und Verantwortung für ein respektvolles Miteinander zu übernehmen.“

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