„Man erzwingt ein Geständnis, man foltert, bis man das Geständnis hat“ so berichtete Schwester Lorena Jenal. Was die Peiniger hören wollten, sei, dass man sich der Hexerei „schuldig“ bekennt, um die so bezichtigte Person dann zu töten. In dem jüngsten Fall, mit dem die Schweizer Ordensschwester zu tun hatte, habe man der beschuldigten Frau erst einen Finger mit der Axt abgehauen und gesagt: „Überleg dir das bis morgen, sonst hauen wir dir den zweiten Finger ab.“ – Was Schwester Lorena vortrug, sind keine historischen Aufzeichnungen aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit; es ist eine hochaktuelle und fast globale Realität. Darüber sprach sie in einer Stadt, die als Fürstpropstei zwischen 1560 und 1650 in wiederkehrenden Verfolgungswellen zu den bedeutendsten Schauplätzen der Hexenverfolgung im süddeutschen Raum zählte.
Hexenverfolgung auf beklemmende Weise präsent
Ein Mahnmal, vor 25 Jahren von Künstlerpfarrer Sieger Köder (1925-2015) gestaltet, erinnert am „Galgenberg“, nahe der Rundsporthalle, an die Opfer der Hexenverfolgung in Ellwangen. Der Hexenwahn, über den eine Ausstellung im Schlossmuseum Ellwangen informiert, steht exemplarisch für ein düsteres Kapitel europäischer Geschichte. In der Arbeit von Schwester Lorena Jenal ist Hexenverfolgung jedoch auf beklemmende Weise präsent: Seit über 40 Jahren setzt sich die Baldegger Schwester in Papua-Neuguinea für die Rechte und den Schutz Betroffener ein. Und ist bei ihrem Besuch der Ausstellung einmal mehr darüber erschrocken, wie viele Ähnlichkeiten und gleiche Denkmuster und Mechanismen es zwischen damals und heute, zwischen hier und dort gibt.
Wie entsteht Gewalt aus Angst?
Diese Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hat sich eine Veranstaltung zum Ziel gesetzt, zu der die Regionalstelle Südwest des katholischen Missionswerks missio Aachen in Kooperation mit dem Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen, der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) Ostalbkreis und den Comboni-Missionaren in Ellwangen eingeladen hatte. Wie Gewalt aus Angst entsteht und warum sich Mechanismen der Ausgrenzung über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Kulturen, aber mit erschreckender Ähnlichkeit wiederholen, stand im Mittelpunkt von Kurzvorträgen und einem von missio-Regionalstellenreferent Ioan Brstiak moderierten Gespräch.
In dem von Schwester Lorena geschilderten Fall hätten die Folterknechte der beschuldigten Frau tatsächlich nacheinander sechs Finger abgehauen. „Nach dem sechsten Finger sagten sie: ‚Wenn du immer noch nicht gestehen willst, nehmen wir dir das rechte Auge.‘ Dann hat sie gesagt: ‚Dann bin ich halt eine Hexe.‘ Und dann wollten sie wissen, wer ihr geholfen hat, und wollten weitere Namen hören.“