Reiche Ernte auf Gottes Ackerfeld
Die St.-Nikolaus-Kirche in Wört gilt als Kleinod am Fuße der Ostalb. Nach umfassender Renovierung erstrahlt sie in neuem Glanz. Foto: drs/Jerabek
Tischlampen, Windlichter, Kerzenständer, Adventsgestecke und Uhren gibt es beim Gemeindefest zur Wiedereröffnung gegen eine Spende zu erwerben – allesamt gestaltet auf einem Sockel aus altem, teils marodem Holz, das einst eine tragende Rolle im Dachstuhl der Sank-Nikolaus-Kirche spielte. Als er während der Renovierung die ausgetauschten alten Balken habe liegen sehen, kam ihm die Idee, ihnen ein zweites Leben einzuhauchen, sagt Gemeindemitglied Harald Salzer. Rund 100 Lampen und andere Einrichtungsgegenstände sind so entstanden. Salzer sieht seine Werkstücke, die den morbiden Charme und die gewachsene Würde des Holzes in eine spannende Symbiose bringen, auch als Antwort auf ungläubige Fragen, die wohl bei jeder Schadensaufnahme gestellt werden: Ist es nötig? Ist es wirklich so?
Die meisten seiner Lampen hätten in den zurückliegenden Monaten bereits einen Abnehmer gefunden und rund 2500 Euro Reinerlös eingebracht, erklärt der Hobbykünstler. Das ist Geld, das die kleine Kirchengemeinde gut brauchen kann, um ihren Eigenanteil an den Sanierungskosten aufzubringen. Denn neben der grundlegenden Sanierung des Dachstuhls wurden Arbeiten am gemauerten Kranzgesims, am Fundament und dem kompletten Drainage- und Abwassersystem ausgeführt – „Arbeiten, die hinsichtlich der Gebäudesicherheit und der Erhaltung der wertvollen historischen Bausubstanz keinen Aufschub mehr geduldet hatten“, wie Pfarrer Jens Kimmerle erklärt. Durch die Installation einer Photovoltaikanlage sei auch den Auflagen bezüglich Klimaneutralität Rechnung getragen worden.
Dank für die Frucht des gemeinsamen Wirkens
Am Tag der Wiedereröffnung steht der Dank an erster Stelle – passend zum etwas vorgezogenen Erntedankfest: „Laudate Dominum – lobet den Herrn“, sagt Pfarrer Kimmerle, „denn wir dürfen heute hier in Sankt Nikolaus eine ganz besondere Ernte feiern – so umfassend, wie es der Bedeutung des Erntedanks eigentlich entspricht: Dank für die Schöpfung, für alles Geschaffene, für alles, was Leben ermöglicht, für alles, was Leben bereichert und was niemals als Selbstverständlichkeit einfach so hingenommen werden darf“. Das Laudate Dominum gelte deshalb für die Früchte der Erde, die symbolisch am Erntealtar liegen, aber auch „für die Früchte der Arbeit in diesem Jahr, für die Frucht des gemeinsamen Wirkens der vielen Kräfte in der Sanierung dieses wunderbaren Gotteshauses“.
In der Predigt stellt Kimmerle das in neuem Glanz erstrahlte „Wörter Schmuckstück“ den für diesen Tag ausgewählten Lesungstexten gegenüber. Darin vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem versteckten Schatz im Acker und einer unvergleichlich schönen Perle; Paulus bedient sich in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth des sprachlichen Bildes von Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Wo streng genommen eine Verbindung ziemlich weit hergeholt erscheine – Bauwerk einerseits, Reich Gottes andererseits – gebe es bei vertiefter Betrachtung durchaus spannende Anknüpfungspunkte.
Mensch braucht Aus-Zeiten der Restaurierung
So hätten die Menschen im Lauf der Geschichte den Kirchenraum immer wieder anders verstanden und baulich interpretiert, im frühen Mittelalters, etwa, in der Zeit der Romanik, wie eine wehrhafte Burg, und im hohen Mittelalters, in der Zeit der Gotik, „mehr als eine von farbig-mystischem Licht durchflutete Vorahnung des Himmels – auf die Spitze getrieben in den schier körperlosen Lichträumen der großartigen Kathedralen, die sich wie funkelnde Edelsteine – oder Perlen inmitten des lebendigen Treibens der Welt quasi dem Schmutz des Ackers emporheben“, sagte Kimmerle. Die Kirche St. Nikolaus in Wört, deren Anfänge bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück reichen, atme durch ihren Ausbau in spätbarocker Zeit bereits den aufgeklärten Geist des frühen Klassizismus in der lichten Helle und schlichten Klarheit des Raumes. „Unser Glaube erschöpft sich eben nicht in der Gegenwartsaufnahme im Kontext eines gerade aktuellen Zeitgeistes; er ist immer auch rückgebunden an eine gelebte Tradition, die wie ein Erbgut in uns lebendig werden kann – wenn wir es denn zulassen“, so Pfarrer Kimmerle.
Ein Kirchengebäude sei „ein Ort der Gottesbegegnung in Gemeinschaft“, so Kimmerle weiter, wo Menschen aus dem alltäglichen Getriebe der Zeit heraustreten und sich buchstäblich eine Aus-Zeit nehmen, „um bewusst Momente der Gegenwart mit dem Ewigen verkosten zu können“. Und sie kehrten gestärkt zurück „für die Gottesbegegnung im Alltag – das heißt die Begegnung mit dem anderen Menschen, der Familie, dem Nachbarn, den Freunden – aber auch den schwierigeren Beziehungen“. Als „lebendige Steine“, die alle Gläubigen nach einem weiteren sprachlichen Bild des Apostels Paulus bilden, bedürften sie – wie dieses Bauwerk – „der Aus-Zeiten der Restaurierung“. In dieser Hinsicht verweise die Restaurierung von St. Nikolaus „auf die Menschen, die sich in dieser Kirche versammeln, die darin Gemeinschaft ver-suchen“. Und in all diesen Bildern werde das Reich Gottes erfahrbar, „wenn wir nur aufmerksam schauen und horchen. Denn das Reich Gottes beginnt nicht erst am Ende der Zeit, sondern ereignet sich bereits in der Zeit: immer dann, wenn wir dem Wort Christi vertrauen können – und auch danach leben – das heißt: handeln“, sagt Pfarrer Kimmerle.
Das ganze Dorf feiert die Wiedereröffnung
Später im Festzelt am Dorfmühl-Weiher geben der Pfarrer und Anna Salzer, gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Einblicke in die ganz praktischen Herausforderungen, die eine Renovierung mit sich bringt, etwa „Wie organisieren wir unsere Gottesdienste?“ Salzer dankt für die gewährte Gastfreundschaft in der evangelischen Martin-Luther-Kirche und im Vereinsraum der Mehrzweckhalle und berichtet vom alten VW Polo, der zur rollenden Sakristei wurde, um liturgische Gewänder und Gerät zwischen den verschiedenen Ausweichorten zu transportieren. Kimmerle, der auch stellvertretender Dekan für den Bezirk Ellwangen/Neresheim im Dekanat Ostalb ist, würdigt das gute Zusammenwirken der beteiligten Firmen und die hervorragende handwerkliche Arbeit, den enormen Einsatz zahlreicher ehrenamtlicher Kräfte – nicht zuletzt bei der Reinigung der Kirche – und dankt für die großherzigen Spenden von Wörter Bürgern, Firmen und Vereinen. Die großartige Gemeinschaftsleistung, um die Kirche, „unser Wahrzeichen“ und „i-Tüpfele in der Ortsmitte“ wieder auf Vordermann zu bringen, lobt auch Bürgermeister Thomas Saur. Das ganze 1500-Seelen-Dorf, so scheint es, ist auf den Beinen, um die Wiedereröffnung von St. Nikolaus zu feiern und um alle Winkel des Kirchenbaus im Rahmen eines Escape-Room-Spieles oder einer Führung zu erkunden.