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„Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen"

Was „Bildung mit christlichem 'Mehrwert'" bedeutet, erläutert Ana Requesens-Moll, Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) im Ostalbkreis.

Aalen (Württemberg)

„Die Hoffnung ist der Auftrag für Bildung", sagt Ana Requesens-Moll, Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) im Ostalbkreis. Foto: Schwenk

Bildung ist eines der wichtigsten Werkzeuge, mit denen die Gesellschaft gestaltet werden kann. Wenn der eigene Horizont erweitert wird, kann das Verständnis für Mitmenschen, für ihr Handeln und ihre Denkweise, wachsen. Bildung lenkt den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge, Missstände, auf Dinge, die geändert werden müssen. Bildung prägt das eigene Leben, kann eine „Lebensanleitung“ sein. Seit einem halben Jahrhundert ist es das Anliegen der Katholischen Erwachsenenbildung (keb), Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit zu unterstützen. Über diesen Anspruch und Auftrag spricht Ana Requesens-Moll, Leiterin der keb Ostalbkreis, im Interview.

Frau Requesens-Moll, die keb hat heute Bildungsangebote für Familien, Frauen, Männer, junge Erwachsene, Senior:innen... Im Blick zurück: Wie haben sich die Schwerpunkte in einem halben Jahrhundert verändert?

Die Katholische Erwachsenenbildung wurde Anfang der 1970-er Jahre im Rahmen eines Partnerschaftsmodells zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Diözese gegründet. Zu diesem Zweck wurden örtliche Vereine mit einem unabhängigen Vorstand gegründet, die jedoch vom Land und der Diözese finanziert wurden. Da die Mitglieder der keb die Kirchengemeinden selbst sind, war das Dekanat direkt in der Bildungsarbeit beteiligt. Zu Beginn gab es auch eine größere Beteiligung der Pfarrer. Daher richtete sich die Arbeit der keb an den Bildungsbedürfnissen der Kirchengemeinden aus. Theologie, Religion und Spiritualität, darunter Bibelkurse, Pilgerreisen, Fastengruppen, Seniorenarbeit und Frauentreffen waren wichtige Themen. Aber im Laufe der Zeit hat sich die keb mit der Gesellschaft weiterentwickelt und sich für viele andere Themen geöffnet.

Demnach liegt ein Schwerpunkt Ihres Angebots heute auf…

Die aktuelle Krise der Kirche mit zunehmendem Kirchenaustritt und Verlust von Ehrenamtlichen führt dazu, dass wir in den Kirchengemeinden immer weniger Freiwillige finden, die die Bildungsaktivitäten vor Ort unterstützen. Corona hat diesen Prozess beschleunigt. Wir mussten uns zwangsläufig für Kooperationen und Themen außerhalb des traditionellen katholischen Kontextes öffnen. In diesem Sinne hat sich unsere ökumenische Arbeit mit der evangelischen Kirche intensiviert, ebenso wie der interreligiöse Dialog. Wir versuchen, aktiv auf die Bedürfnisse und Probleme der Gesellschaft und der Menschen im Allgemeinen einzugehen. Beispielsweise liegt unser Fokus in diesem Jahr auf der Demokratiebildung: Was können wir gegen den wachsenden Rechtsradikalismus und den Mangel an Toleranz tun? Wir eröffnen die Debatte über wichtige Themen wie den Pazifismus und den Ukraine-Krieg oder Künstliche Intelligenz und Demokratie. Unser Programm „Kess – Stressfrei erziehen“ wird ausgebaut, die Reihe „Art & Meet“ ins Leben gerufen. Neu ist der Bereich für junge Erwachsene, in dem wir ab September mit einem neuen Angebot starten werden.

Was ist der christliche „Mehrwert“ der Bildung? Inwiefern liegt den Bildungsangeboten der keb ein christlicher Grundauftrag bzw. ein christliches Menschenbild zugrunde?

Wir geben nicht nur Faktenwissen. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wir möchten, dass sich Menschen ein Urteil bilden können, dass sie kritisch sind. Wir haben die Botschaft und den Auftrag Jesu aus dem 1. Petrus-Brief im Hintergrund: „Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn euch andere nach der Hoffnung fragen, die euch erfüllt.“ Die Hoffnung ist der Auftrag für Bildung. Die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, damit die Menschen - wie Jesus uns im Evangelium sagt - „das Leben in Fülle haben“.

Vor welchen Herausforderungen stand die keb vor 50 Jahren und vor welchen steht sie heute?

In diesen 50 Jahren hat sich die keb um Qualität und eine Botschaft des Evangeliums bemüht, die den Menschen wirklich hilft. Unsere Referenten, unsere Methoden und Prozesse müssen hohen Qualitätsstandards genügen, die jedes Jahr überprüft werden. Dank des Landes Baden Württemberg und der Diözese haben wir eine stabile Finanzierung, die es uns ermöglicht, unseren Mitarbeitern Stabilität und Perspektive zu geben. Aber das ist keine Garantie für unser langfristiges Überleben... Die größte Herausforderung für die keb besteht heute darin, ihre Mission in einer Gesellschaft und Kirche im Wandel zu finden. Die schlechte Reputation der katholischen Kirche wirkt sich direkt auf uns aus. Es gibt Referenten, die wegen des Namens „katholisch" nicht mit uns zusammenarbeiten wollen. Einige andere sagen „ja" zu „keb", weil keb für offene Bildung und Dialog steht. Aber nicht mit der katholischen Kirche. Ich halte es für dringend erforderlich, dass die Kirche an ihrer Kommunikationsstrategie arbeitet und ein viel positiveres und aufregenderes Image vermittelt!

In welchem Themenfeld liegt die christliche Bildung der Zukunft?

Unsere Zeit ist geprägt von großen globalen Transformationsprozessen oder Megatrends – wie demografischer Wandel, Globalisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Neo-Ökologie, Energie-Frage und Mobilität. Diese werden die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmen. Gleichzeitig stecken wir in globalen Krisen, wie die Energie-, die Klima- oder die Migrationskrise. All das erfordert gute Bildung und gute Bildungsarbeit, damit die Menschen dazu befähigt werden, sich mit diesen Fragen und Herausforderungen auseinandersetzen, sich orientieren und gleichzeitig eine solide Urteils- und Entscheidungsfähigkeit entwickeln zu können.

Digitale Formate werden eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, Bildung sozialer und zugänglicher zu machen. Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder familiären Verpflichtungen haben durch digitale Medien einen besseren Zugang zu Bildung. Wir können über digitale Formate maßgeschneiderte Bildung entsprechend den individuellen Bedürfnissen oder Beschränkungen anbieten. Onlineveranstaltungen machen es möglich, Referenten aus der ganzen Welt zu engagieren oder Bildung in anderen Sprachen anzubieten und dadurch auf benachteiligte Minderheiten wie eingewanderte oder geflüchtete Menschen einzugehen.

Es ist eine Zeit der großen Herausforderungen, aber auch der großen Chancen. „Ein Leben lang lernen“ bedeutet für die Erwachsenenbildung, dass auch sie sich ständig anpassen und lernen muss. Das bedeutet für uns, dass wir offen und neugierig sind und Bildung immer wieder neu denken.

50 Jahre keb: Fokus Demokratiebildung

Überlebt die Demokratie die Künstliche Intelligenz?

Ein Vortrag anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der keb Ostalbkreis beschäftigt sich mit der Frage „Überlebt die Demokratie die Künstliche Intelligenz?". Am Donnerstag, 29. Juni, 18 Uhr, spricht Prof. Dr. Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science (ETH Zürich), in der Hochschule Aalen. Dem Vortrag in Kooperation der Hochschule Aalen und dem keb-Bildungswerk Ostalbkreis schließt sich eine Diskussion an.

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