Die Würde aller Menschen glaubwürdig sichtbar machen
Ordinaratsrätin Karin Schieszl-Rathgeb von der Hauptabteilung „Kirche und Gesellschaft“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist besorgt über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung: „Es bereitet mir Sorge, dass sich traditionelle Rollenbilder gesellschaftlich wieder zu verfestigen scheinen und damit auch Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung neuen Raum gewinnen. Aus dem christlichen Menschenbild heraus sind wir als Kirche gefordert, die gleiche Würde aller Menschen starkzumachen – und zugleich selbst weiter daran zu arbeiten, dass diese Würde in unseren Strukturen und in unserem Miteinander glaubwürdig sichtbar wird.“
Männerarbeit stärkt und fördert demokratische Werte
Um Männer und Frauen zu stärken und die Geschlechtergerechtigkeit zu unterstützen hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart Männerreferent:innen und Frauenreferent:innenin der Hautabteilung Kirche und Gesellschaft etabliert. Im Mittelpunkt der Männerarbeit steht die Förderung einer ausgewogenen, gesunden männlichen Identität – zwischen Beruf, Partnerschaft und Familie. Durch gezielte Erfahrungsräume sollen Männer gestärkt werden und lernen, auch in herausfordernden Phasen wie Beziehungskrisen, der Vaterrolle, Midlife-Crisis oder Neuanfängen, ein ausgeglichenes und erfülltes Leben mit demokratischen Werten zu führen.
Männerarbeit schafft Resonanzräume gegen alte Rollenbilder
Christian Kindler ist Referent für „Männerarbeit“in der Diözese. Er erklärt, warum kirchliche Männerarbeit wichtig ist: „Weil sie Männern heute Orte eröffnet, an denen sie nicht auf alte Rollenbilder, Stärke-Mythen oder Abgrenzung festgelegt werden. Gerade weil rückwärtsgewandte und antifeministische Stimmen gezielt junge Männer ansprechen, braucht es kirchliche Formate, die Orientierung geben, ohne zu vereinnahmen, und die die Gleichwürdigkeit aller Menschen klar vertreten. Dafür schaffen wir in der Diözese regelmäßig Räume und ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate.“ Mit dem Männertag der Diözese und mit Angeboten wie den Nachtwanderungen der Männer am Gründonnerstag würden wirkliche Resonanzräume und echte Begegnung ermöglich werden. Männer könnten hier aussprechen, was sie bewegt, Glauben und Leben miteinander teilen, Verantwortung einüben und erfahren, dass christliche Männlichkeit nicht in Dominanz besteht, sondern in Beziehungsfähigkeit, Respekt und Menschenfreundlichkeit.
Männerarbeit in der Diözese: Lebenskunst in Balance
Auch Theologe Heiko Haugerarbeitet in der Diözese in der „Männerarbeit“. Er beschreibt die Aufgaben seines Aufgabenbereichs und betont die Wichtigkeit, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen: „In der Männerarbeit der Diözese verstehen wir unsere Aufgabe darin, Räume für eine vielfältige, solidarische und demokratische Auseinandersetzung mit Männlichkeiten zu schaffen. Dabei setzen wir bewusst auf Kooperationen mit gesellschaftlichen Akteuren wie Männer-BW, kommunalen Gleichstellungsstellen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, um unsere diözesane Männerarbeit offen und anschlussfähig zu gestalten.“ Der gemeinsame Fachtag Geschlechtergerechtigkeit im Februar habe gezeigt, dass tragfähige Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen im Dialog zwischen Politik, Bildung, Verbänden und Kirchen entstehen, so Heiko Hauger. Leider sei es noch immer so, dass tradierte Rollenbilder das Leben vieler Menschen bestimmen und ein gleichberechtigtes Leben aller Menschen erschwert werde. Das sei nicht im Sinne des Christentums, so Hauger. Menschen sollen sich entfalten können unabhängig von ihrem jeweiligen Geschlecht. Er sagt: „Wir fördern deshalb eine Männerarbeit, die Verantwortung in Beziehungen stärkt, queere und feministische Perspektiven einbezieht, und sich gegen jede Form von Ausgrenzung und Rollenverengung positioniert. So verstehen wir Männerarbeit in der Diözese als Brückenarbeit: zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten von Männern und für mehr Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen des Zusammenlebens“, so der Theologe.
Starre Rollenbilder überwinden
Sein Kollege Christian Kindler unterstreicht die Stärke dieser Arbeit, die Männer mit Einsamkeit, Wut oder Orientierungslosigkeit nicht allein lässt, sondern Räume schafft, in denen Rollenvielfalt, Solidarität und nachhaltige Männlichkeit konkret werden: „Das wirkt nicht nur für den einzelnen Mann und Vater in seinen persönlichen Beziehungen, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und es hat Bedeutung für die Gesundheit von Männern, die noch immer eine kürzere Lebenserwartung und eine deutlich höhere Suizidalität aufweisen. Beides hängt auch mit starren Rollenbildern zusammen. Diese wollen wir überwinden – mit Begegnung, Resonanz und einer Männerarbeit, die dem Leben dient.“