Zum Inhalt springen

Sie suchen Halt und finden Hass

Wie rechtsradikale Gruppen junge Männer ködern und welche positiven Wege für eine zukunftsfähige Männlichkeit die Diözese aufzeigt.

Stuttgart
Demonstrant mit Plakat in der Hand: "Herz statt Hetze" picture alliance / IPON | Stefan Boness

Demonstrant mit Plakat in der Hand: "Herz statt Hetze" auf der linken Gegendemo in Berlin gegen den Gedenkmarsch rechter Gruppen und Organisationen zum 31. Jahrestag vom Tod von Adolf Hitler's Stellvertreter Rudolf Hess.

In einer sich rasant wandelnden Welt verlieren viele verunsicherte junge Männer den Halt. Auf der Suche nach Identität werden die schwächsten von ihnen anfällig für radikale Ideologien und landen dann in der rechtsextremistischen Mannosphäre, einem losen Netzwerk aus Internetforen, Blogs und Social-Media-Kanälen, das stark antifeministische und frauenfeindliche Ansichten vertritt und völkisch-nationalistische Parteien wählt.

Rechtsradikale Gruppen nutzen die Verunsicherung der Suchenden aus. Sie bieten scheinbar einfache Lösungen an – ein veraltetes, patriarchales Männerbild, das auf Dominanz, Stärke und biologistische Unterschiede setzt. Durch klare Feindbilder und Schuldzuweisungen sollen Männer das Gefühl von Kontrolle und Überlegenheit zurückgewinnen. 

Rechtsextreme verbreiten ihre Botschaften subtil 

Besonders in sozialen Medien verbreiten Rechtsextreme ihre Botschaften subtil, oft getarnt als harmlose Inhalte, um extremistische Narrative zu normalisieren und Wahlkampf zu betreiben. Junge Männer, die Orientierung suchen, geraten dabei zunehmend unter Druck, toxischen Männlichkeitsidealen zu entsprechen. Diese rechten Männlichkeitsversprechen führen jedoch in die Sackgasse.

Gleichberechtigung ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit 

Bereits im April warnte Weihbischof Ludger Schepers von der Deutschen Bischofskonferenz in seinem Statement „Die Instrumentalisierung des Privaten: Warum die Rückkehr zu veralteten Geschlechterbildern ein Irrweg ist“ eindringlich vor dieser Instrumentalisierung veralteter Geschlechterrollen. Das Patriarchat diene historisch der Sicherung männlicher Privilegien und sei nie Teil der christlichen Botschaft gewesen, so Schepers. Die Kirche stehe in der Pflicht, aktiv für Geschlechtergerechtigkeit einzutreten – nicht nur in Worten, sondern durch konkrete Strukturen. Spezialisierte Arbeitsbereiche für Frauen, Männer und queere Menschen sollen deshalb als lebendige Netzwerke des Wandels wirken. Schepers betont, Gleichberechtigung sei entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Kirche und ihre Glaubwürdigkeit in einer freien Gesellschaft. Politische Ideologien, die Antifeminismus oder Queerfeindlichkeit propagieren, haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Deshalb müsse die Kirche klar Stellung beziehen – für Gleichwürdigkeit und gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. 

Die Würde aller Menschen glaubwürdig sichtbar machen 

Ordinaratsrätin Karin Schieszl-Rathgeb von der Hauptabteilung „Kirche und Gesellschaft“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist besorgt über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung: „Es bereitet mir Sorge, dass sich traditionelle Rollenbilder gesellschaftlich wieder zu verfestigen scheinen und damit auch Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung neuen Raum gewinnen. Aus dem christlichen Menschenbild heraus sind wir als Kirche gefordert, die gleiche Würde aller Menschen starkzumachen – und zugleich selbst weiter daran zu arbeiten, dass diese Würde in unseren Strukturen und in unserem Miteinander glaubwürdig sichtbar wird.“ 

Männerarbeit stärkt und fördert demokratische Werte 

Um Männer und Frauen zu stärken und die Geschlechtergerechtigkeit zu unterstützen hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart Männerreferent:innen und Frauenreferent:innenin der Hautabteilung Kirche und Gesellschaft etabliert. Im Mittelpunkt der Männerarbeit steht die Förderung einer ausgewogenen, gesunden männlichen Identität – zwischen Beruf, Partnerschaft und Familie. Durch gezielte Erfahrungsräume sollen Männer gestärkt werden und lernen, auch in herausfordernden Phasen wie Beziehungskrisen, der Vaterrolle, Midlife-Crisis oder Neuanfängen, ein ausgeglichenes und erfülltes Leben mit demokratischen Werten zu führen.

Männerarbeit schafft Resonanzräume gegen alte Rollenbilder

Christian Kindler ist Referent für „Männerarbeit“in der Diözese. Er erklärt, warum kirchliche Männerarbeit wichtig ist: „Weil sie Männern heute Orte eröffnet, an denen sie nicht auf alte Rollenbilder, Stärke-Mythen oder Abgrenzung festgelegt werden. Gerade weil rückwärtsgewandte und antifeministische Stimmen gezielt junge Männer ansprechen, braucht es kirchliche Formate, die Orientierung geben, ohne zu vereinnahmen, und die die Gleichwürdigkeit aller Menschen klar vertreten. Dafür schaffen wir in der Diözese regelmäßig Räume und ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate.“ Mit dem Männertag der Diözese und mit Angeboten wie den Nachtwanderungen der Männer am Gründonnerstag würden wirkliche Resonanzräume und echte Begegnung ermöglich werden. Männer könnten hier aussprechen, was sie bewegt, Glauben und Leben miteinander teilen, Verantwortung einüben und erfahren, dass christliche Männlichkeit nicht in Dominanz besteht, sondern in Beziehungsfähigkeit, Respekt und Menschenfreundlichkeit.

Männerarbeit in der Diözese: Lebenskunst in Balance

Auch Theologe Heiko Haugerarbeitet in der Diözese in der „Männerarbeit“. Er beschreibt die Aufgaben seines Aufgabenbereichs und betont die Wichtigkeit, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen: „In der Männerarbeit der Diözese verstehen wir unsere Aufgabe darin, Räume für eine vielfältige, solidarische und demokratische Auseinandersetzung mit Männlichkeiten zu schaffen. Dabei setzen wir bewusst auf Kooperationen mit gesellschaftlichen Akteuren wie Männer-BW, kommunalen Gleichstellungsstellen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, um unsere diözesane Männerarbeit offen und anschlussfähig zu gestalten.“ Der gemeinsame Fachtag Geschlechtergerechtigkeit im Februar habe gezeigt, dass tragfähige Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen im Dialog zwischen Politik, Bildung, Verbänden und Kirchen entstehen, so Heiko Hauger. Leider sei es noch immer so, dass tradierte Rollenbilder das Leben vieler Menschen bestimmen und ein gleichberechtigtes Leben aller Menschen erschwert werde. Das sei nicht im Sinne des Christentums, so Hauger. Menschen sollen sich entfalten können unabhängig von ihrem jeweiligen Geschlecht. Er sagt: „Wir fördern deshalb eine Männerarbeit, die Verantwortung in Beziehungen stärkt, queere und feministische Perspektiven einbezieht, und sich gegen jede Form von Ausgrenzung und Rollenverengung positioniert. So verstehen wir Männerarbeit in der Diözese als Brückenarbeit: zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten von Männern und für mehr Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen des Zusammenlebens“, so der Theologe.

Starre Rollenbilder überwinden

Sein Kollege Christian Kindler unterstreicht die Stärke dieser Arbeit, die Männer mit Einsamkeit, Wut oder Orientierungslosigkeit nicht allein lässt, sondern Räume schafft, in denen Rollenvielfalt, Solidarität und nachhaltige Männlichkeit konkret werden: „Das wirkt nicht nur für den einzelnen Mann und Vater in seinen persönlichen Beziehungen, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und es hat Bedeutung für die Gesundheit von Männern, die noch immer eine kürzere Lebenserwartung und eine deutlich höhere Suizidalität aufweisen. Beides hängt auch mit starren Rollenbildern zusammen. Diese wollen wir überwinden – mit Begegnung, Resonanz und einer Männerarbeit, die dem Leben dient.“

Gegenbewegung zur toxischen Männlichkeit

Übrigens gibt es auch eine Gegenbewegung zur sogenannten „Toxic Masculinity“, also dem schädlichen Männlichkeitsbild. Sie nennt sich „Tonic Masculinity“ und steht für eine feministische, frauenstärkende Männlichkeit, die Männern ermöglicht, ihr Umfeld positiv zu gestalten und gute Beziehungen auf Augenhöhe zu pflegen. Der Begriff wurde bereits im Jahr 2021 vom New Yorker Psychologieprofessor Miles Groth im Journal „New Male Studies“verwendet. Bekannte Vorbilder für diese fürsorgliche, sanfte Männlichkeit sind Travis Kelce(35), Ehemann von Taylor Swift, Schauspieler Pedro Pascal (50), bekannt aus der Serie„Games of Thrones“ sowie derUS-Gouverneur Tim Walz(60).

Der heilige Josef: Ein modernes Männerbild 

In der modernen Theologie und Männerarbeit wird der heilige Josef als Vorbild und Gegenentwurf zu überholten, patriarchalen Rollenbildern gesehen. Er steht für einen fürsorglichen, partnerschaftlichen und gleichberechtigten Mann – und prägt so ein neues, zeitgemäßes Bild von Vaterschaft und Männlichkeit.

 

Zu den Referenten im Fachbereich „Männerarbeit“

Christian Kindler
Christian Kindler, Jahrgang 1962, ist verheiratet und hat zwei Töchter und eine Enkelin. Seit 2016 ist Kindler Referent für Männerarbeit im Bereich Kirche und Gesellschaft. Er ist SKM-zertifizierter (Fachqualifikation vom Sozialdienst katholischer Männer – Fachverband für soziale Dienste) Männerberater sowie Mitglied im Vorstand des Forum Katholischer Männer Deutschland.

Heiko Hauger
Heiko Hauger, Jahrgang 1974, hat Katholische Theologie studiert. Seit Januar 2025 ist er Referent für Männerarbeit und queersensible Pastoral bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Nach seinem Studium hat Hauger fast zwei Jahrzehnte für ein Beerdigungsinstitut gearbeitet und Menschen in Trauer begleitet.

Drei Fragen an Alessa Koch, die seit 1. Juli Frauenreferentin in der Diözese ist:

Alessa Koch, ist Frauenreferentin in der Hauptabteilung XI „Kirche und Gesellschaft“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In der Diözese ist sie nicht neu.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben, Frau Koch, und was lieben Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Ich würde mich als Netzwerkerin, Ideenspinnerin, Bildungsbegeisterte bezeichnen. Deshalb freue ich mich sehr auf mein neues Aufgabengebiet in der Hauptabteilung XI. Ich liebe es, wenn Menschen in Begegnung kommen und aus Dialog echter Mehrwert entsteht.

Was haben Sie davor gemacht?

Seit 2021 bin ich in der keb, Katholischen Erwachsenenbildung in Stuttgart tätig. Meine vorherigen Stationen waren beim Caritas-Diözesanverband Freiburg und im Caritas-Zentrum Esslingen.

Was sind Ihre Ziele für Ihre künftige Arbeit im Bereich „Frauen“?

Ich möchte Frauenperspektiven hören und vertreten, Stereotype und Rollenerwartungen aufbrechen, geschlechtliche Positionierungen und Identitäten stärken und Frauenspiritualität sichtbar machen und entfalten. Sie berührt, ist bunt und macht frei.

Ich möchte aber auch die Frauensolidarität stärken. Das bedeutet, unterschiedliche Lebensrealitäten anerkennen und für Teilhabe und Würde einstehen. Und ich stehe für Frauenempowerment, und möchte Frauen ermutigen und ihren Selbstwert stärken.

Mehr zur Autorin

Aktuelles

zum Thema

Das gefährliche Männerbild der rechten Politik

Stuttgart

Die Männer- und Frauenarbeit in der Diözese leistet Brückenarbeit und zeigt positive Wege für ein gleichberechtigtes Zusammenleben auf.

„Wir können Handwerker des Friedens werden"

Untermarchtal

Männer führen Kriege, singt Grönemeyer. Aber Zukunft hat der Mann des Friedens. Um Haltung, Hoffnung und „Handwerk" ging's beim Männertag der Diözese.

Aktuelles

aus der Region

Markus Waggershauser

Friedensglocken verbinden Deutsche und Tschechen

Aichtal

Gegenbesuch von Pilgern aus Grötzingen und Lustnau in Pìst‘ stärkt die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Gemeinden der beiden Länder.

TVB-Maltatal

Micky Maus eine Kirchenmaus?

Stuttgart

Mit großen runden Ohren und einer spitzen Mäuseschnauze ist sie an der Außenfassade einer Kirche im österreichischen Maltatal in Kärnten gemalt.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Angelika Sönnichsen

Burundi-Reise: Bischof appelliert für mehr Aufmerksamkeit

Rottenburg am Neckar

Frieden, Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung als zentrale Felder der Zusammenarbeit. Theaterprojekt kommt 2027 nach Stuttgart.

Dekanat Stuttgart / Heinz Heiss

Kultur, Werte und Religion für die Praxis in Kindertageseinrichtungen

Rottenburg am Neckar

Die vier großen christlichen Kirchen im Land veröffentlichen Praxisbuch zur Umsetzung des für Kindertageseinrichtungen geltenden Bildungsplans.

iStock.com/Smederevac

Bischof Dr. Krämer wünscht guten Start ins neue Schuljahr

Rottenburg am Neckar

Schulseelsorgerinnen und Schulseelsorger begleiten Schüler- und Lehrer:innen das Schuljahr hindurch wohlwollend und unterstützen sie tatkräftig.

Tobias Tropper

Gemeinsames Singen ist eine friedensbewegende Kraft

Ravensburg

Der Komponist und Musiker Helge Burggrabe erzählt im Interview von berührender Spiritualität und innerer Stärke bei seinen HAGIOS Friedenskonzerten.

Lothar Schubert neu im Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung

Rottenburg

Lothar Schubert gehört seit dem Sommer dem Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung an. Diese fördert die pastoralen Dienste innerhalb der Diözese.