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Speed matters?

Ist immer schneller immer besser? Betriebsseelsorger Rolf Siedler fragt nach dem menschlichen Antlitz in der Arbeitswelt. Gedanken zum Tag der Arbeit.

Aalen

Zählt nur die Geschwindigkeit? Der Aalener Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler weist auf bedenkliche Entwicklungen in der Arbeitswelt und darüberhinaus hin. Foto: privat

Arbeit ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Und Arbeit ist eine soziale Angelegenheit. Folglich ist Arbeit viel zu wichtig, als dass man sie dem Schicksal oder dem ungesteuerten Wirken des freien Marktes überlassen dürfte. Darüber sollten wir erst mal Einigkeit erzielen. Denn was in diesen gleichwohl spannenden wie ermüdenden Zeiten des Umbruchs, der Unsicherheit und der Angst gewiss fehlt, so möchte ich in Anlehnung an Lisa Herzogs ausgezeichnetem Buch zur „Rettung der Arbeit“ fordern, ist eine Einigung auf eben diesen grundlegenden sozialen Wert der Arbeit und die Entwicklung einer Vorstellung davon, wohin es im Interesse des Gemeinwohls mit der digitalen Transformation der Arbeitswelt gehen könnte. Arbeit zu reduzieren auf Kosten, so wie in der Vergangenheit, sie immer mehr zu trimmen auf maximalste Effizienz, raubt ihr auf Dauer das Menschliche, nimmt ihr den sozialen Charakter.

Wenn nur Geschwindigkeit zählt...

In der Beratung erzählt mir eine Kollegin, dass der Leitspruch ihres Chefs sei: „Speed matters“ – also vor allem die Geschwindigkeit zählt. Und nach dieser Maxime wird dort in hoher Betriebsamkeit gearbeitet. Dabei ist allen klar, dass ein Musikstück nicht besser wird, wenn man es doppelt so schnell spielt, nur damit man dann in der gleichen Zeit zwei Musikstücke anhören kann. Keine Erzieherin liest ein Märchen doppelt so schnell ihren Kindern vor, damit dann mehr Zeit für Aktivitäten bleibt. Ähnlich ist es mit dem gemeinsamen Essen oder beim Brotbacken. Die Gärzeit eines Teiges lässt sich nur bedingt und mit einem klar zu erwartenden Verlust an Qualität beschleunigen.

Genauso ist es bei der Arbeit: Die Entwicklung von guten Ideen, die Entwicklung von technisch oder gesellschaftlich relevanten Innovationen und auch das Arbeiten mit einer guten Qualität z.B. in der Pflege, bei der Konstruktion von Maschinenbauteilen oder der Beratung von Kunden und Kundinnen brauchen Zeit. Und immer braucht es das Gegenüber. „Menschliches Wissen entsteht in sozialen Zusammenhängen, nicht durch die einsame Tätigkeit isoliert arbeitender Genies“, schreibt Lisa Herzog an einer Stelle in ihrem Buch. Sie hat Recht.

Ein schwindelerregender Blick

Deshalb darf man ruhig mal kritisch anmerken, ob es berechtigt ist, Persönlichkeiten wie Bill Gates, Marc Zuckerberg oder Elon Musk zu Helden zu stilisieren, gerade so als ob die mit ihnen in Verbindung gebrachten Technologien von ihnen alleine geschaffen worden wären. Die Elektrizität, die unentbehrlich für das Funktionieren der von ihnen in die Welt gesetzten Technologien ist, war bereits erfunden, die Leitungen installiert, die schicke Kaffeemaschine im Eck bereits gebaut, die Wasserleitungen gezogen und der Kaffee auf entlegenen Feldern gepflanzt und geerntet. Ohne dies wären die zu Helden stilisierten Persönlichkeiten recht hilflos. Dabei mag die Frage gestattet sein, ob die schamlos vielen Milliarden, die sie als ihr Eigentum betrachten, gerade nicht von ihnen, sondern von anderen erwirtschaftet worden sind. Ein Blick in die kürzlich veröffentlichte FORBES Liste dieser Milliardäre erlaubt uns einen schwindelerregenden Blick auf die Entwicklung der Vermögen, die sich völlig von Arbeit abgekoppelt haben.

Ganz andere Gradmesser

Arbeit ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Und Arbeit ist eine soziale Angelegenheit. Ob wir der Utopie einer freieren, gerechteren, sozialen und demokratischeren Arbeitswelt näherkommen, liegt in unser aller Hand. Der große Schriftsteller Dostojewski hat einmal bemerkt, dass man den Grad der Zivilisation in einem Gemeinwesen dann beurteilen kann, wenn man sich dort die Gefängnisse anschaut. In Anlehnung daran möchte ich weiterführen: Den Grad an Gerechtigkeit, an Sozialem, an Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft kann man dann beurteilen, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie die Menschen an Supermarktkassen, in Verteilzentren von Amazon oder Kliniken arbeiten. Welcher Grad an Zivilisation aus der FORBES Liste zu entnehmen ist, mag jeder für sich beurteilen. 

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