Schicke Yachten, bedeutende Großunternehmen und ein umfangreiches Kulturprogramm - dafür ist Friedrichshafen am Bodensee bekannt. Aber auch hier leben Menschen, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen können, die ohne Versicherungsschutz schwer erkranken oder die ein Schicksalsschlag aus der Bahn wirft. Für sie hat Stadtdiakon Martin Rebmann ein offenes Ohr. Im Einzelfall kann er durch seine Kontakte oder mit Geld eine Notsituation überbrücken oder die Lösung des Problems anstoßen. Die finanziellen Mittel kommen von „Häfler helfen“, wofür die evangelische und die katholische Kirche in der Stadt sowie die Schwäbische Zeitung seit knapp 25 Jahren um Spenden bitten. Die Weihnachtsaktion 2025/26 brachte ein Rekordergebnis von 239.759 Euro.
„Deutschland ist meine Heimat geworden“, sagt Omar, der aus Algerien stammt und eigentlich anders heißt. Der gelernte Aufzugsmonteur ist heute Ende vierzig und spricht in seiner Familie nur Deutsch. 2001 kam er nach Baden-Württemberg und 2009 nach Friedrichshafen. Um als Geflüchteter bleiben zu können, nahm Omar zunächst einen Job als Lagerist an, bei dem er oft nur vier Stunden Zeit zum Schlafen hatte. Am Bodensee arbeitete er dann zu besseren Bedingungen im Garten- und Landschaftsbau. Er hatte eigentlich das Zeug zum Fußballstar, wenn ihn sein Kindheitstrauma nicht ausgebremst hätte. Sein Stiefvater und seine älteren Stiefgeschwister schlugen ihn fast täglich. Im Bürgerkrieg verletzte ein heftiger Hieb aufs Ohr den damals 18-Jährigen nachhaltig.
Ein Arbeitsunfall verändert alles
Im Jahr 2011 ist Omar bei einer Zeitarbeitsfirma wieder im Lager tätig, als ein Regal über ihm zusammenklappt und ihn vom Ohr über die Schulter bis zum Fuß trifft. Da er bei Krankheit keinen Lohn bekommt, schleppt er sich nach zwei Tagen wieder in den Betrieb. Ein Jahr später gründet er eine Familie, der fünf Kinder geschenkt werden. Die gesundheitlichen Probleme gehen jedoch weiter. Schließlich muss er - inzwischen deutscher Staatsbürger - sieben Operationen über sich ergehen lassen, arbeitet aber trotzdem zwischen den Krankschreibungen. Das Krankengeld nach sechs Wochen Lohnfortzahlung betrage nur noch 60 Prozent des Nettolohns, erklärt Rebmann. „Das reicht für viele nicht mehr“, ergänzt der Diakon.
Wenn die Erinnerung an seine Kindheit zu unerträglich wurde und der Therapeut nicht erreichbar war, griff Omar zur Flasche. Dadurch versäumte er es auch schon mal, Anträge zu stellen oder die Miete zu zahlen. Mit dem neuen Therapeuten hat er dieses Problem im Griff. Er würde auch gerne wieder arbeiten. „Ich bekomme aber nur schwere Jobs angeboten“, klagt Omar. Die Tätigkeiten in seinem Berufsprofil schafft er körperlich nicht, obwohl man ihm das nicht ansieht. Der katholische Stadtdiakon ist für den Muslim Gesprächspartner und moralische Stütze. Und wenn es gar nicht anders geht, hilft er vorübergehend auch finanziell. Den Traum vom Fußballprofi verfolgen inzwischen zwei von Omars Söhnen. Die Gymnasiasten haben ein Angebot von einer Fußballschule.