Während sich die Kirchengemeinden mit der „Seelsorge in neuen Strukturen“ befassen, stellt sich für Pfarrer Roland Rossnagel parallel die Aufgabe, seinen künftigen Lebensabschnitt zu strukturieren. Es gilt, einiges zu organisieren und zu entscheiden – zum Beispiel: Welche Bücher aus der umfangreichen privaten Bibliothek sollen mit? Denn am kommenden Sonntag (28. Juni) verabschiedet sich Rossnagel in den Ruhestand, was für ihn zugleich einen Abschied von Heilbronn mit sich bringt.
Dieser werde ihm nicht leichtfallen, gibt Rossnagel im Gespräch in seinem Büro unumwunden zu. Der Ort, den er sich als Alterssitz gewählt hat, wird einen Kontrast zu den vergangenen nicht ganz zwölf Jahren darstellen. Aus der Großstadt Heilbronn, wo in der Bevölkerung mehr als 150 Nationalitäten vertreten sind, was den Sonntagsgottesdienst zu einer weltkirchlichen Zusammenkunft macht, zieht Rossnagel in die eher beschaulichere Stadt Leutkirch im Allgäu um.
Gute Kontakte zur Stadt und zur evangelischen Kirche
Als Pfarrer des Deutschordensmünsters war es ihm in diesem ganz speziellen Heilbronner Gemenge ein Anliegen, „Kirche in der Stadtgesellschaft präsent zu halten und einen Beitrag für die Stadtgesellschaft zu leisten“, wie er erklärt. Das ergebe sich schon allein aus der Lage: Das Deutschordensmünster als Teil des Gebäudekomplexes des Deutschhofs ist ein markanter Teil der Innenstadt.
Von der Kirche ist es nur ein kurzer Weg bis zum Rathaus. Einen kurzen, direkten Draht pflegte Rossnagel auch zur Stadtspitze. Der entstand gleich zu Beginn, erinnert sich Rossnagel. Als er Ende 2014 von Stuttgart nach Heilbronn wechselte, machte die Flüchtlingskrise eine gute Zusammenarbeit von Stadt und Kirchen notwendig. Seinen engen ökumenischen Kontakt zur evangelischen Kirche, die nur wenige Häuser vom Deutschordensmünster entfernt ist, begründete Rossnagel damals ebenfalls.
Anerkannter Gesprächspartner
Auch später griff Rossnagel regelmäßig Themen aus der Stadtgesellschaft auf und brachte sich als Akteur in die Debatte ein. So begleitete er in der jüngsten Vergangenheit die Entwicklung von Heilbronn zum KI-Standort mit neugierigem Interesse. „Die Kirche darf da nicht fehlen“, sagt Rossnagel.
Er ist als Gesprächspartner anerkannt und geschätzt. Das zeigt die Liste der Rednerinnen und Redner außerhalb kirchlicher Kreise, die sich für die Abschiedsfeier am kommenden Sonntag angekündigt haben. Neben dem Oberbürgermeister Harry Mergel wird zum Beispiel auch Prof. Dr. Bärbel Renner von der Dieter Schwarz Stiftung erwartet.
Glaubensweg beginnt in der Kindheit
Die Ernennung als „Herbstritter“ beim Weindorf im vergangenen Jahr oder die Rolle als Redner beim Hasenmahl, einer traditionsreichen Veranstaltung der Stadt Heilbronn, vor zwei Jahren legten Rossnagels Wirken in die Stadtgesellschaft offen. Als Dekan des Dekanats Heilbronn-Neckarsulm übernahm er außerdem kirchliche Verantwortung in der Region und Leitungsaufgaben jenseits der eigenen Kirchengemeinde. In derselben Region begann auch sein Weg zum Priester.
Rossnagel stammt aus Neckarsulm-Amorbach. Hier entdeckte er in der Kindheit den Glauben für sich, wie er erzählt. Das Orgelspielen hatte dabei eine wichtige Rolle. Rossnagel sagt: „Der Gottesdienst war der Schlüssel, Glauben zu erleben.“
Entscheidung fürs Allgäu
Eine feingeistige Spiritualität zeichnet Rossnagel aus. Von der notwendigen „Sensibilität für die unsichtbare Welt“, spricht er jetzt im Büro wie ebenso immer wieder in seinen Predigten. Rossnagel war im Laufe seines Werdegangs Spiritual. Geistliche Einzelbegleitung war für ihn als Pfarrer eine wichtige Aufgabe, die er im Ruhestand fortführen möchte. Er freue sich außerdem künftig mehr Zeit zum Beten zu haben, sagt Rossnagel.
Auch wenn für den 71-Jährigen der Weggang aus Heilbronn eine Zäsur sein wird, ist ihm Leutkirch nicht fremd – und der Alterssitz bewusst gewählt. Im Allgäu hat Rossnagel nicht nur regelmäßig seinen Urlaub verbracht, Leutkirch gehörte von 1985 bis 1987 zu seiner zweiten Station als Vikar. Seit dieser Zeit hat er hier Freunde.