Für den 24-jährigen Michael Heisters verbindet das TheologiestudiumGlauben, kritisches Denken und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen. Besonders wichtig war es ihm bei seiner Studienfachwahl, später einmal Menschen auf ihrer Suche nach Orientierung und einem christlich geprägten Leben kompetent begleiten zu können. Noch ist es für ihn offen, wohin ihn sein Weg führt - gut gerüstet fühlt er sich dafür dank seines Studiums jedoch bereits.
Herr Heisters, was hat Sie dazu bewegt, Theologie in Tübingen zu studieren?
Für mich ist immer wieder faszinierend, wie und was Menschen glauben und wie sie diesen Glauben in ihr alltägliches Leben integrieren. Um dieser Frage nachzugehen und auch um mein eigenes Ringen darum besser zu verstehen, habe ich mit dem Theologiestudium angefangen. Zudem habe ich in meiner Jugend viele positive Erfahrungen in meiner Kirchengemeinde im Westerwald im Bistum Limburg gemacht. Daher kommt auch mein Wunsch, Pastoralreferentzu werden, weil ich das gerne an Menschen in ihrer Suche nach Gott und einem christlich geprägten Leben weitergeben möchte: Kirche kann und soll zugewandt, offen und herzlich sein und dich annehmen, so wie du bist. Dass Kirche diese Aufgabe hat, lehrt mich die Theologie, die ich in Tübingen studiere. Tübingen war zudem wegen des Ambrosianumsmit seiner Sprachenschule attraktiv. Die Stadt ist mir in dem einen Jahr ans Herz gewachsen, sodass ich mich danach gerne dazu entschieden habe, hier weiter zu studieren.
Sie sind studentische Hilfskraft an der Katholisch-Theologischen Fakultät, Mesner in der Katholischen Hochschulgemeinde und im Vorstand der Tübinger Tafel. Was ist für Sie dabei das Verbindende?
Das Studium ist für mich eine Zeit, in der ich die Chance habe, in vielen verschiedenen Bereichen neue Erfahrungen und Wissen zu sammeln. Über die Tätigkeit als studentische Hilfskraft lerne ich die Uni und ihre Funktionsweise nochmal auf eine andere Art kennen und schaue sozusagen ein bisschen hinter die Kulissen. Als Mesner trage ich einen kleinen Teil zu den für mich wichtigen Gottesdiensten der Katholischen Hochschulgemeinde bei, die mich immer wieder erden und ein Ruhepuls in meiner Woche sind. Meine Arbeit in der Tafel ist eng mit der diakonischen Dimension meines Glaubens verbunden, in der ich mich für andere engagiere und das mit einer Haltung der Offenheit und des Aufeinander-Zugehens tun möchte.
Welche Voraussetzungen braucht es aus Ihrer Sicht für das Studium?
Formal gesehen die Hochschulreife, dann muss man Altgriechisch, Althebräisch und Latein lernen – das geht aber auch zum Beispiel am Ambrosianum oder direkt an der Uni. Es braucht natürlich auch das Interesse an theologischen Fragen nach Gott und dem gelebten Glauben der Menschen mit ihren Lebens- und Glaubenskonzepten. Da lernt man schon in den ersten Semestern sehr viel.
Was, denken Sie, kann Theologie als Fach, das an einer Universität gelehrt wird, der Gesellschaft bieten?
Theologie bietet uns viele Antworten auf die Fragen, wie wir zusammenleben und worauf wir dieses Zusammenleben gründen. Für mich ist es auch unglaublich wichtig, dass die Theologie, wie sie hier in Tübingen gelehrt wird, Kritik aushält und selbst kritikfähig ist. Sie versucht, Glaube und Vernunft zu verbinden und betrachtet sie nicht als direkte Gegensätze. Das Fach Theologie ist auch dabei relevant, Themen wie Antisemitismus oder die Verknüpfungen von Christentum und Kolonialismus zu verstehen sowie fundamentalistischen Ansätzen entgegenzutreten. Diese Theologie steht zudem für eine Weltanschauung, die sich dafür einsetzt, dass die Schwachen und Marginalisierten gehört werden.
Können Sie uns einen Einblick geben, mit welchen Fragen Sie sich aktuell im Studium beschäftigen?
Man kommt immer wieder auf Fragen wie ‚Was hoffen wir?‘, ‚Was hoffe ich?‘ oder ‚Wonach richte ich mein Leben aus?‘ zurück. Ein großes Thema ist auch die Frage, wie ethisch Religion ist und was Religion von Ethik unterscheidet. Dann gibt es natürlich noch zahlreiche fachspezifische Fragen zur Kirchengeschichte, Altem und Neuem Testament und ihrer Bedeutung für heute, Philosophie, Liturgie oder Pädagogik. In jedem Fach finde ich es spannend, die vorhandenen Gedankengebäude zu analysieren, auseinanderzunehmen, gut zu reinigen und anschließend wieder zusammenzubauen.
Wie nah ist das alles an der Praxis?
Gerade ethische Themen haben natürlich immer einen Bezug zur Praxis. In diesem Semester hatten wir beispielsweise Vorlesungen zu den Themen ‚Ökologie‘ und ‚Klimagerechtigkeit‘. Im Studium lerne ich auch statistische Methoden kennen und das Studium insgesamt hat mich in meinem Textverständnis weitergebracht. Das hilft mir auch außerhalb der Universität. Hinzu kommt, dass das Studium inhaltlich breit gefächert ist und man Einblick in viele Bereiche erhält. Außerdem kann ich durch das Fachwissen, das ich mir im Studium aneigne, später Ehrenamtlichen unterstützend und stabilisierend zur Seite stehen.
Dennoch geht die Zahl derer, die Theologie studieren, zurück. Wie gehen Sie damit um?
Das stimmt und klar: Man kann beim Theologiestudium als einzelner Student nicht in der Masse der Studierenden untertauchen, so wie das in anderen Studienrichtungen der Fall ist. Aber ich persönlich finde das durchaus angenehm. Es gibt an der Theologischen Fakultät in Tübingen einen unheimlich guten Betreuungsschlüssel, zum Beispiel eine intensive Betreuung beim Verfassen der Hausarbeiten. Man kennt sich und ist in einem ganz anderen Kontakt miteinander als in anderen Studiengängen. Dadurch kann beispielsweise auch auf Wünsche der Studierenden besser eingegangen werden, für die es eine große Offenheit gibt.
Es ist auch sehr schön, hier auf unserem ‚Campus der Theologien‘ im Austausch mit islamischen und evangelischen Theolog:innen zu sein.
Was kann man denn generell im Anschluss an ein Theologiestudium mit dem Gelernten machen?
Ganz unterschiedliches. Mit einem Magister, also einem reinen Theologiestudium ohne weiteres Fach, kann man beispielsweise Religion an einer Schule unterrichten, eine wissenschaftliche Karriere ist möglich und dann gibt es verschiedene Stellen, um als Referent zu arbeiten: in Nichtregierungsorganisationen, Vereinen, in den pastoralen Berufen der Kirche und in der diözesanen Verwaltung. Ich kenne aber auch Leute, die sich im Anschluss für einen ganz anderen Bereich wie die Unternehmensberatung entschieden haben. Generell bekommen wir Studierenden viel Unterstützung und Beratung an der Fakultät und durch das kirchliche Theologische Mentorat, wenn es darum geht, wie es nach dem Studium für uns weitergehen kann.
Was bedeutet für Sie die Überlegung, ‚auf dem Weg zu sein‘?
Das bedeutet für mich zum einen, ein Ziel vor Augen zu haben und zum anderen, gleichzeitig auch offen dafür zu sein, dass sich dieses Ziel vielleicht auf dem Weg noch ändert und gar nicht so genau feststeht. Ich persönlich habe noch eine große Offenheit zu schauen, wo mich das Leben hin verschlägt. Es gibt viele Kreuzungen, die mich noch in unterschiedliche Richtungen führen können: Und dafür bin ich gut gerüstet mit dem, was mir das Studium beibringt und mit den vielen netten Menschen, die ich hier in der Theo-Bubble und in Tübingen kennenlernen darf.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die über ein Theologiestudium oder einen kirchlichen Beruf nachdenken?
Grundsätzlich würde ich antworten, dass Theologie ein unglaublich vielseitiges Studium ist und man darin je nach Interesse seine eigenen Schwerpunkte setzen kann. Das ist ein großer Vorteil. Wenn man ein wenig Neugier und kritisches Denken mitbringt, sind das die besten Voraussetzungen für ein intensives und lehrreiches Studium, das sich auf jeden Fall lohnt. Man bekommt auch unglaublich viel mit, wenn man sich für einen kirchlichen Beruf interessiert. So ist das Studium für mich eine Riesenchance, einen Beruf zu ergreifen, in dem ich Menschen auf der Suche nach mehr Orientierung und Geborgenheit begleiten kann.