Zum Inhalt springen

Unsichtbare Spuren

Ein neuer Radweg verbindet sieben Kirchen im Raum Rottenburg. Sie alle tragen die Handschrift des Künstlerehepaars Josef und Barbara Steiner.

Rottenburg
Eine Frau steht auf dem Empore einer Kirche. Hinter ihr ist ein Deckenfresko zu sehen.

Ursula Steiner in der Kirche St. Wolfgang in Weiler. Hinter ihr das Deckenfresko ihres Vaters mit dem Heiligen Franziskus. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Zahner

Kurz nach acht Uhr setzt in der Morizkircheeine Trompete ein, die Orgel antwortet. Rüdiger Ruf und Annette Klaiber-Bächle eröffnen den Tag mit Purcell und Bach. Rund zwanzig Radlerinnen und Radler, die gleich den neuen Barbara- und Josef-Steiner-Radweg zum ersten Mal abfahren, sitzen in den Kirchenbänken und hören zu, ihre Räder lehnen draußen. Dann bittet Kirchenführer Ernst Heimes die Gruppe nach vorne ins Chorgestühl, wo er vor dem Kruzifix über die Kreuzigung Christi spricht. Zum Abschluss noch einmal Musik, diesmal „One Moment in Time“ und „You Raise Me Up“, Modernes neben dem Barock. Ein erfrischender Start in den Tag.

Dass die Musik ausgerechnet hier erklingt, passt. In der Morizkirche hat vor mehr als 60 Jahren alles angefangen. Josef Steiner, gerade als Kirchenmaler aus Ulm gekommen, restaurierte sie. „Und dann sind immer mehr Aufträge dazugekommen“, sagt seine Tochter Ursula Steiner. Vom Rottenburger Stadtteil Weiler aus prägten Josef und seine Frau Barbara Steiner über Jahrzehnte Kirchen und Schlösser in ganz Baden-Württemberg und darüber hinaus. Wie viele es waren, weiß Ursula Steiner nicht genau. „Es waren unzählige“, sagt sie.

Sieben dieser Kirchen hat am Samstag zum ersten Mal ein Radweg verbunden. Er trägt die Namen der beiden: Josef- und Barbara-Steiner-Radweg.

Wie aus einer Ausstellung eine Radtour wurde

Wie es dazu kam? Im November 2025 stellte Ursula Steiner im Bürgerhaus in Weiler die privaten Werke ihres Vaters aus, denn Josef Steiner war nicht nur Restaurator, sondern auch Maler. Ein Nachbar aus derselben Straße, Thomas Reiber, hatte eine Idee. „Mir war gar nicht klar, dass Herr Steiner so viele Kirchen in der Umgebung restauriert hat“, sagt Reiber. „Da bin ich auf den Gedanken gekommen, man könnte ja eine Radtour machen und die Kirchen abfahren.“

Ursula Steiner überlegte nicht lange, rief bei Sabine Köhler von der WTG Rottenburg an und fragte, ob sich das in den Veranstaltungskalender nehmen ließe. „Ich komme schnell von der Idee in die Umsetzung“, sagt Ursula Steiner und lacht. Sabine Köhler gefiel der Vorschlag: Kunst, Musik, Bewegung und Begegnung an einem Tag. Wenig später stand die Tour im WTG-Programm.

An diesem Samstag wurde aus der Idee Wirklichkeit. Nach der Musik in der Morizkirche setzt sich die Radgruppe in Bewegung Richtung Weggental-Kirche – ebenfalls in Rottenburg. Mit dabei ist Erwin Schumacher, mit 91 Jahren der älteste Teilnehmer und Bruder von Barbara Steiner. „Er ließ es sich nicht nehmen, den Radweg mitzufahren“, sagt Ursula Steiner.

Am Weggental stehen die Radler zuerst vor der Wallfahrtskirche, doch der Blick geht auf das Pfarrhaus nebenan. Seine Fassade hat Josef Steiner bemalt, verspielt und barock mit reich verzierten Rahmen um die Fenster. „Das ist im Stil der bayerisch-österreichischen Lüftlmalerei“, erklärt Ursula Steiner. „Wenn Sie mal ins Alpenvorland reisen, finden Sie solche schön bemalten Häuser.“

Aufgewachsen in der Buchhandlung Lehmkuhl

1962 richteten Josef und Barbara Steiner ihre Werkstatt in Weiler ein. Er stammte aus Weißenhorn bei Ulm, sie aus München, aufgewachsen in der Buchhandlung Lehmkuhl in Schwabing. Auf der Suche nach einem Haus wurden die beiden in Weiler fündig. Viele ihrer Aufträge kamen ohnehin aus der Gegend. „Meine Eltern haben in, mit, durch und von der Kunst gelebt“, sagt Ursula Steiner.

Josef Steiner lernte das Kirchenmalen in Ulm, eine Nonne im Kloster Roggenburg soll ihn dazu gebracht haben, so hat es Barbara Steiner später ihrer Tochter erzählt. Barbara Steiner war Fassmalerin, eine Berufsbezeichnung, die viele in die Irre führt. „Das hat nichts mit dem Fass zu tun, sondern mit den Fassungen. Sie gab einer Skulptur oder einem Gemälde eine Fassung“, erklärt Ursula Steiner. Ihre Mutter arbeitete meist in der Werkstatt und übernahm die Vergoldungen, eine filigrane Technik, die eine ruhige Hand verlangt.

Die beiden ergänzten sich im Handwerk wie im Wesen. „Meine Mutter war ein offener, herzlicher, fröhlicher Mensch. Mein Vater eher introvertiert“, sagt Ursula Steiner. Zusammen zogen sie drei Töchter groß. Ursula und ihre älteren Schwestern Christine und Hannah saßen im Laufstall und schauten zu. „Nebenher hat meine Mutter immer die Madonnen vergoldet. Das war meine erste Begegnung mit der Arbeit meiner Eltern.“

Ein Meister der Freskotechnik

Josef Steiner beherrschte die Freskotechnik wie kein Zweiter, und das durch alle Epochen, egal ob die Gotik der Morizkirche, das Barocke in Weiler oder der Historismus in Wurmlingen. „Er hatte ein besonderes Farbempfinden“, sagt Ursula Steiner.

Wie viel Können in dieser Arbeit steckt, zeigt die Morizkirche selbst. Von 1969 bis 1974 legte Josef Steiner dort die gotischen Wandmalereien wieder frei. Zuvor nahm er die barocke Bemalung, die fast 380 Jahre über der Gotik gelegen hatte, vorsichtig auf Papier und Nesselstoff ab, statt sie einfach abzuschlagen. Ohne diese Arbeit wäre sie für immer verloren gewesen. Ernst Heimes, der die Gruppe durch die Kirche führte, beschreibt es so: „Dank Josef Steiner weiß man heute überhaupt, wie die Kirche einst bemalt war.“

Das Urteil über die Klasse ihres Vaters überlässt Ursula Steiner lieber einem, der es fachlich beurteilen kann. Klaus Osterried, Architekt, arbeitete von 1981 an mit ihm zusammen, zuerst in Seebronn, dann in vielen weiteren Kirchen. „Sein hohes Wissen hat ihn ausgezeichnet“, sagt Osterried. „Es war eigentlich egal, ob das eine Fresko-Malerei war oder eine Secco-Malerei.“ Fresko kommt vom italienischen Wort für „frisch“: Die Farbe wird auf den noch feuchten Kalkputz gemalt und verbindet sich direkt mit dem Untergrund. Solange der Putz nass ist, hat man Zeit, danach lässt sich kaum noch etwas korrigieren. Secco heißt „trocken“, hier malt man auf den bereits getrockneten Putz. Steiner beherrschte beides, dazu Ölbilder und Figuren. Für Osterried war noch etwas anderes entscheidend. „Sein Wissen über die historischen Zusammenhänge, das hat ihn ausgezeichnet. Er hat wertvolle Ratschläge gegeben, was in so einer barocken Dorfkirche sinnvollerweise ergänzt werden kann.“

Warum es die Aufträge gab

Über Jahrzehnte arbeiteten Steiner und Osterried zusammen, in Wurmlingen, Wendelsheim, Oberndorf, Altingen, Baisingen, Bieringen, Hirrlingen und Weiler. Alle diese Kirchen hat Josef Steiner restauriert. Dass es so viele Aufträge gab, hat einen Grund. In den 1960er-Jahren gab das Zweite Vatikanische Konzil zahlreiche Impulse zur Erneuerung in der Kirche. Als Folge davon hieß es in der Inter Oecumenici (1964), dass es zweckmäßig sei, den Hauptalter freistehend zu errichten, um „zum Volk hin“ zelebrieren zu können. In vielen bestehenden Kirchen wurde daraufhin der Altarbereich entsprechend umgebaut. Und wo umgebaut wurde, stand oft gleich die ganze Innenrenovierung an, samt der alten Malereien. Genau die restaurierten die Steiners.

Rund 50 Jahre lang betrieben sie ihre Werkstatt. Gearbeitet hat Josef Steiner praktisch bis zuletzt, die Kirche in Wurmlingen restaurierte er noch mit über 80 Jahren.

Der auferstandene Christus in Weiler

Über Wurmlingen, Wendelsheim, Oberndorfund Seebronnführt die Radtour am Samstag zur letzten Station nach Weiler. In der dortigen Kirche St. Wolfgang schwebt an der Decke der auferstandene Christus. Josef Steiner hat ihn gemalt nach dem Vorbild von Martin Knoller in Neresheim. „Das ist eines meiner Lieblingsbilder“, sagt Ursula Steiner. Auch die Fensterleibungen sind von ihm, ebenso das Fresko des Heiligen Franziskus und die vier Evangelisten. „Es ist schön, in Kirchen zu kommen, die meine Eltern maßgeblich mitgestaltet haben. Das ist eine schöne Erinnerung an sie.“

Josef Steiner starb 2018, Barbara Steiner 2024. Erst als ihre Eltern nicht mehr da waren, spürte Ursula Steiner, wie leicht so ein Werk in Vergessenheit geraten kann. Einmal, erzählt sie, habe eine Freundin zu ihr gesagt, die Arbeit von Übersetzern und Restauratoren sei unsichtbar, beide treten hinter das Werk zurück. Übersetzer aber macht die künstliche Intelligenz heute nach und nach überflüssig. Die Restauratoren bleiben. Ihre Arbeit lässt sich nicht ersetzen, so wenig, wie man sie sieht. 

Genau das treibt Ursula Steiner an. „Viele Menschen gehen an Kirchen vorbei und kommen nicht auf die Idee, hineinzugehen“, sagt sie. Das will sie ändern. Sie hofft, dass viele den Weg nachfahren, die Kirchen betreten und den Blick nach oben richten. Dorthin, wo die Farben ihrer Eltern leuchten, unscheinbar für den, der sie nicht sucht, und unübersehbar für den, der es tut.

Die Tour

Die Rundtour startet an der Morizkirche in Rottenburg und führt durch die Altstadt hinaus zu den Weinbergen und zur Wallfahrtskirche Weggental. Am dortigen Pfarrhaus zeigt die bemalte Außenfassade die Handschrift der Steiners. Weiter geht es nach Wurmlingen zur St.-Briccius-Kirche, dann durch Streuobstwiesen entlang des Pfaffenbergs nach Wendelsheim zur St.-Katharina-Kirche. Es folgt Oberndorf mit der St.-Ursula-Kirche, in der ein bedeutender spätgotischer Schnitzaltar steht. Über Seebronn und die St.-Jakobus-Kirche führt der Weg zurück über Rottenburg nach Weiler, zum letzten Ziel, der Kirche St. Wolfgang. Rund 36 Kilometer sind es insgesamt, die reine Fahrzeit liegt bei etwa drei Stunden. Wer die Strecke selbst nachfahren möchte, findet sie samt Karte und GPX-Daten auf outdooractive.com unter dem Stichwort „Josef- und Barbara-Steiner-Radtour“.

Mehr zum Autor

Aktuelles

zum Thema

Tobias Tropper

Gemeinsames Singen ist eine friedensbewegende Kraft

Ravensburg

Der Komponist und Musiker Helge Burggrabe erzählt im Interview von berührender Spiritualität und innerer Stärke bei seinen HAGIOS Friedenskonzerten.

Matthias Zahner

Beeindruckende Wegmarken des Glaubens

Rottenburg am Neckar

Der emeritierte Bischof Dr. Fürst und Weihbischof Dr. Schneider segnen den nun vollständig restaurierten Prozessionsweg im Weggental in Rottenburg.

Aktuelles

aus der Region

Lothar Schubert neu im Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung

Rottenburg

Lothar Schubert gehört seit dem Sommer dem Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung an. Diese fördert die pastoralen Dienste innerhalb der Diözese.

Angelika Sönnichsen

Frieden wächst, wo Menschen einander begegnen

Rottenburg

Bischof Dr. Klaus Krämer besucht Friedens-, Bildungs- und Klimaprojekte in Burundi. In Nyanza Lac eröffnet ein Zentrum für Frieden und Versöhnung.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Niklas Heck

Junge Kirche St. Nikolaus feiert Wiedereröffnung

Stuttgart

Zwei Jahre Umbau haben eine flexible Kirche mit vielen Möglichkeiten entstehen lassen. Wiedereröffnung am 20. September mit Bischof Dr. Klaus Krämer.

Joscha Reuther

Popmusik: Glaube, der nicht glatt klingt

Stuttgart

Das popmusikalische Kollektiv Credo·Collab übersetzt das Glaubensbekenntnis in Musik. Single-Auskopplungen eines neuen Albums können gestreamt werden.

Angelika Sönnichsen

Burundi-Reise: Bischof plädiert für mehr Aufmerksamkeit

Rottenburg am Neckar

Frieden, Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung als zentrale Felder der Zusammenarbeit. Theaterprojekt kommt 2027 nach Stuttgart.

Dekanat Stuttgart / Heinz Heiss

Kultur, Werte und Religion für die Praxis in Kindertageseinrichtungen

Rottenburg am Neckar

Die vier großen christlichen Kirchen im Land veröffentlichen Praxisbuch zur Umsetzung des für Kindertageseinrichtungen geltenden Bildungsplans.

iStock.com/Smederevac

Bischof Dr. Krämer wünscht guten Start ins neue Schuljahr

Rottenburg am Neckar

Schulseelsorgerinnen und Schulseelsorger begleiten Schüler- und Lehrer:innen das Schuljahr hindurch wohlwollend und unterstützen sie tatkräftig.