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Verkannter Pionier der Liturgiereform

Hermann Joseph Untraut aus Oberschwaben wanderte 1882 nach Amerika aus und setzte sich für eine stärkere Beteiligung der Laien ein.

Meckenbeuren
Porträtbild Untrauts in schwarz-weiß mit weißem Priesterkragen, strengem Scheitel und Rundbrille.

Porträtbild von Hermann Joseph Untraut, aufgenommen beim Heimataufenthalt 1893 in Ravensburg - Foto: Pfarrarchiv St. Maria Meckenbeuren

Der Name Hermann Joseph Untraut war bis vor kurzem den wenigsten Katholiken in Meckenbeuren ein Begriff. Dabei finanzierte er unter anderem den plastischen hölzernen Kreuzweg und das Gnadenbild in der Seitenkapelle der Kirche. Letzteres zeigt die Ikone "Maria von der immerwährenden Hilfe", die Patronin des 1913 geweihten Gotteshauses. Diakon Josef Friedel ist seit 2003 im Ruhestand und beschäftigt sich mit der Meckenbeurer Heimatgeschichte. Als er die handschriftliche Pfarrchronik abtippte, stieß er auf den ungewöhnlichen Priester. Die Ergebnisse seiner Nachforschungen veröffentlichte Friedel nun in einem Heft zur Ortsgeschichte.

Untraut wanderte 1882 nach Amerika aus. Danach war er nur einmal - elf Jahre später - in seiner europäischen Heimat. Er habe aber immer wieder Geld hierher geschickt unter der Vorgabe, dass sein Name und die Summen nicht bekannt würden, erzählt Friedel. "Einer der hiesigen Pfarrer konnte es nicht lassen und hat doch Bemerkungen an den Rand der Chronik geschrieben", ergänzt er mit einem Augenzwinkern. Durch diese Hinweise neugierig geworden entdeckte der Heimatforscher die englischsprachige Dissertation "Zwischen zwei Kulturen" von Miranda Gail Henry, die Untraut 2003 als Pionier der liturgischen Bewegung bezeichnete.

Von Oberschwaben in die "Neue Welt"

Hermann Joseph erblickte am 28. Juli 1854 in Kammersteig zwischen Ravensburg und Wangen das Licht der Welt und hieß zunächst Dullenkopf wie seine ledige Mutter. Zwei Monate später heiratete diese Leonhard Untraut, der Hermann adoptierte. Beide zogen zu ihm nach Meckenbeuren, wo der Junge später die Dorfschule in Reute besuchte. "Er war damals schon ein schwieriger Charakter", weiß Josef Friedel. Untraut trat 1872 in die Benediktinerabtei Beuron ein, dann 1875 bei den Zisterziensern in Mehrerau nahe Bregenz. Der dortige Novizenmeister besorgte ihm schließlich einen Theologie-Studienplatz in Eichstätt, nachdem es in beiden Klöstern Probleme gab.

Untraut wollte in seiner Heimatdiözese Rottenburg Priester werden, als sein Studium beendet war. Er bekam aber keine Einreisegenehmigung ins Königreich Württemberg. Zudem war die Anzahl der Priesterweihen im Land während des Kulturkampfs von staatlicher Seite auf 30 begrenzt.

Der Bischof wollte ihn nicht als Priester, das Königreich wollte ihn nicht als Bürger. Dann blieb ihm nichts anderes als nach Amerika zu gehen.

So fasst Friedel die etwas widersprüchliche historische Quellenlage aus jener Zeit salopp zusammen. Schließlich wurde Untraut im September 1882 in Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin zum Priester geweiht.

Gemeinschaftsfeier statt "stiller Messe"

Mitgenommen in die "Neue Welt" habe er Ideen einer liturgischen Erneuerung, die bereits im Beuroner Kloster kursierten, mitmaßt Friedel. In den Benediktinern von St. John's in Collegeville im Bundesstaat Minnesota fand Untraut Mitstreiter für Reformen. Die lateinischen Antworten konnten die Gottesdienstbesucher in den Dorfgemeinden aufsagen. "Sie wussten aber nicht, was es bedeutet", erklärt Friedel. Deshalb hätten sie während der "stillen Messe", in der der Priester auf Latein vor sich hin murmelte, den Rosenkranz gebetet.

Untraut setzte sich für eine lebendige Liturgie ein. "Miteinander, nicht jeder für sich", wie es Friedel formuliert. Dialogische Elemente in der Muttersprache und aktive Beteiligung der Gläubigen im Gemeindegesang, Einführung von Lektorinnen und Lektoren sowie anderer liturgischer Dienste - die neuen Ideen brachten ihm nicht nur Freunde ein. Schließlich stellte der Bischof von La Crosse Untraut frei für die Seelsorge bei den Schwestern der Schmerzhaften Mutter in Marshfield. Mit ihnen lebte er die liturgische Erneuerung und fasste die theologische Begründung dafür 1925 in einem Buch zusammen.

Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils?

Friedel konnte im Internet eine Ausgabe des Werks erstehen. "Die einzige in Deutschland", vermutet er, da es in keinem Antiquariat zu finden war. Nicht nur im Bezug auf die Liturgie war Untraut um Bildung bemüht. Wenn er als Pfarrer Kirchen baute, gab es auch Räume für Schulen und Fortbildungen - und für die Geselligkeit. In Gemeindenachmittagen mit Kaffee und Kuchen förderte er das Miteinander. Trotzdem sei es eine Herausforderung gewesen, die Traditionen aller deutschsprachigen Herkunftsländer zu berücksichtigen, sagt der schwäbische Heimatforscher. Probleme gab es auch mit Kanadiern und Iren in den Gemeinden. "Er hätte sich auch mal bemühen können Englisch zu reden," wäre Friedels Ratschlag gewesen.

Der aus Meckenbeuren stammende Geistliche starb 1941, also vor 80 Jahren. Das Zweite Vatikanum, das von 1962 bis 1965 seine Ideen - nicht nur in der Liturgie - aufgriff und zur allgemeinen Lehre der Katholischen Kirche weltweit erklärte, erlebte er nicht mehr. Weshalb taucht sein Name nicht als Wegbereiter des Konzils auf? Untraut selbst bemerkte noch, dass sich sein Buch schlecht verkaufe. Henry führt dies in ihrer Doktorarbeit auf den schwindenden Einfluss der Deutschen in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts und besonders nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Doch, so stellte sie abschließend fest:

Dieser deutsch-amerikanische Einwandererpriester ... hatte tatsächlich den künftigen Verlauf des katholischen Lebens eingeläutet.

Diakon Josef Friedel

Josef Friedel (82) wurde 1975 in Ehingen zum Diakon geweiht und war fast 30 Jahre Seelsorger und Heimleiter in der Stiftung Liebenau. Bereits in seiner Heimatgemeinde Aalen-Unterkochen beschäftigte er sich mit der Ortsgeschichte und gab seit 1970 Heimathefte heraus. Zu seinen über 60 Veröffentlichungen zählen auch Abhandlungen über die Schlosskapelle in Liebenau und die während der Naziherrschaft im sogenannten Euthanasieprogramm ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner der Behinderteneinrichtung im Bodenseekreis.

Da sein Büro in Unterkochen 1993 mit allen Unterlagen ausbrannte, beschloss Friedel mit seiner Frau in Oberschwaben zu bleiben. Wegen der besseren Bahnanbindung ans Staatsarchiv in Stuttgart zogen die beiden von einem Teilort ins Meckenbeurer Zentrum. Nach einem Jahr Pause leitete der Ruhestands-Diakon im Brochenzeller Seniorenheim St. Josef Gottesdienste - auch spezielle Wohlfühlfeiern für Demenzkranke. Seit seinem 80. Geburtstag vor knapp drei Jahren konzentriert er sich ganz auf seine historischen Forschungen.

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