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Von der Kleiderkammer zur schmucken Second Hand Boutique

Die ökumenischen Patchwork-Läden in Ravensburg machen mit ihrer 20-jährigen Erfolgsgeschichte Verkäuferinnen und Kundschaft zufrieden.

Ravensburg
Die Dame hält Bügel mit Kleidung in der rechten Hand und mustert eine schwarz-weiße Jacke.

Tabea Riester-Holzmann kauft im Patchwork-Laden in Ravensburg aus Überzeugung Produkte aus zweiter Hand - Foto: DRS/Waggershauser

Ein Blick durchs Schaufenster. Das„Patchwork“ für Erwachsene in der Ravensburger Herrenstraße kann es von der Einrichtung und der Präsentation der Kleidung her locker mit den zahlreichen Klamottenläden in der Stadt aufnehmen. Einziger Unterschied: Wenn die Ware nicht gerade von einem Fehlkauf stammt, hat sie schon jemand getragen. Drinnen hält Tabea Riester-Holzmann bereits einige Stücke in der Hand und begutachtet gerade eine schwarz-weiß gemusterte Jacke. „Ich kaufe alles Second Hand außer Unterwäsche“, verrät die 61-Jährige. Als ihre Kinder klein waren, musste die Alleinerziehende aufs Geld schauen. So stieß sie auf das kirchliche Angebot. Heute kauft sie aus Überzeugung hier ein. „Bei der weltweiten Überproduktion finde ich das eine sehr nachhaltige Sache“, sagt sie.

Gerda Spisla gehört seit 20 Jahren zur Patchwork-Stammkundschaft. Sie schaut regelmäßig mittwochs vorbei und verbindet den Besuch mit dem Mittagstischangebot „Einfach Essen“ im Haus der katholischen Kirche auf der anderen Straßenseite. Heute sieht sie sich mit zwei Bekannten um. „Die Leute sind so freundlich und bedienen, ohne aufdringlich zu sein“, freut sich die 84-Jährige über die ehrenamtlichen Verkäuferinnen. Sie sucht sich gerne neue Sachen aus, andere, die sie nicht mehr tragen möchte und die noch gut sind, bringt sie auch wieder vorbei. So hat sie eine abwechslungsreiche Garderobe. Und sie ist regelmäßig unter Menschen.

Alle sind willkommen

Wie alle, die den Laden betreten, begrüßen die Verkäuferinnen auch den Mittfünfziger, der mit einer großen Tragetasche auf die Theke zusteuert. Am Telefon erfuhr er im Mai, dass er seine gebrauchten Wintermäntel doch erst im Herbst vorbeibringen möge. „Wir haben keinen Lagerraum“, erklärt Marie-Luise Tesch. Sie begutachtet die Mäntel, fasst in die Taschen, ob nichts vergessen wurde, und prüft die Reißverschlüsse. Die Mitarbeiterin lobt die Qualität und bedankt sich beim Überbringer. Bevor die Mäntel auf den Bügel kommen, holt Tesch eine Liste hervor, die für jede Kleidungsart eine Preisspanne angibt, und berät sich mit ihren Kolleginnen. „Was kaputt oder verfleckt ist, kommt zur Aktion Hoffnung“, erzählt sie. Die Spendenden erfahren das nicht. Vielleicht war es für sie ja ein besonderes Stück.

Als Marie-Luise Tesch als Apothekerin in den Ruhestand ging, arbeitete sie zunächst bei „Einfach Essen“ mit. Die Coronapandemie sorgte dort für eine Zwangspause. Ehrenamtlich arbeitslos kam die Anfrage, ob sie nicht bei Patchwork mitmachen möchte, was ihr bis heute sehr gefällt. Auch Ursula Strehle, pensionierte Lehrern, engagierte sich zunächst als Grüne Dame im Krankenhaus und kam über Corona in den Laden. Zusammen mit Gertrud Paule, die schon immer gerne mit Menschen und Kleidung zu tun hat und hier ebenfalls eine Ruhestandsbeschäftigung gefunden hat, bilden sie ein Team. Ihre Schicht ist immer mittwochs von 15 bis 18 Uhr. Wenn eine frei braucht oder krank ist, muss es auch mal zu zweit gehen. „Zu dritt ist es aber besser, gerade bei schwierigeren Kunden“, weiß Strehle. Es seien aber nur ganz wenige, die mehr Aufmerksamkeit brauchen oder auch mal was mitgehen lassen.

Ein Defizit wäre das Ende

Ansprechpartnerin für die Mitarbeiterinnen ist Monika Braun - ebenfalls Ruheständlerin. Die Sozialpädagogin moderiert den Austausch unter den Teams, organisiert Weihnachtsfeier und Ausflug, ist Mitinitiatorin und gute Seele. Angefangen habe alles mit einer Kleiderkammer der Kirchengemeinde Liebfrauen für Bedürftige, abgelegen und im für ältere Personen unerreichbaren oberen Stockwerk, erzählt sie. Zusammen mit der evangelischen Pfarrerin Andrea Holm entstand die Idee des Second Hand Ladens. Trotz mancher Skepsis in Teilen der katholischen Kirchengemeinde eröffneten die beiden zusammen mit Friedhelm Selige, der den wirtschaftlichen Part übernahm, und 20 Ehrenamtlichen im September 2005 den ersten Laden in der Rosenstraße, einer kleinen Gasse in der Unterstadt.

„Voraussetzung war und ist bis heute, dass sich der Laden selbst trägt“, unterstreicht Monika Braun. „Ein Selbstläufer war das nicht“, gibt sie im Blick auf die vergangenen 20 Jahre zu. Mit viel Zeit und Energie haben die Verantwortlichen jede Gelegenheit genutzt, sich zu verbessern. Im Jahr 2009 lagerten sie das Sortiment für Kinder aus und zogen mit der Erwachsenenmode in die Herrenstraße 2, den heutigen Standort. Die Kinderabteilung landete nach zwei Umzügen ein paar Häuser weiter. Da die Ehrenamtlichen gut mit der Kundschaft umgehen müssen, wählt sie Braun gezielt aus. Aktuell sind es 85. Neben jährlichen Ausgaben samt Steuern im oberen fünfstelligen Bereich, konnte Patchwork in 20 Jahren 570.000 Euro Überschuss an soziale Projekte vor Ort und weltweit verteilen. Wahrlich eine ökumenische Erfolgsgeschichte.

Die ökumenischen Patchwork-Läden feierten ihr Jubiläum am 19. September mit spirituellem Impuls, Rückblick, Grußworten und Theater sowie Begegnung bei Kaffee und Kuchen.

 

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