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Wache Erinnerungskultur

Das Gedenken an die im Jahr 1944 deportierten Sinti-Kinder gehört zum Selbstverständnis der St. Josefspflege - dank eines engagierten Ansatzes.

Mulfingen
Bilderwand

Eine Plakatwand mit Porträtbildern einiger der Sinti-Kinder wird am 9. Mai wieder vor der St. Josefspflege stehen. Foto: Barbara Köppen

Einen Ausflug verspricht das Plakat im Eingang des Schulgebäudes. Doch wieso sind dafür eine Eintragung in Listen und Ausweisdokumente notwendig, wie nach und nach weitere Infoblätter enthüllen?

Es steht keine typische Klassenfahrt an, sondern ein Ausflug in ein betrübliches Stück Geschichte. Die achte Klasse der Bischof-von-Lipp-Schule ‒ Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum in Mulfingen versucht, ein Deportationsgeschehen nachzuempfinden. „Dabei fragen wir uns immer, wie weit wir bei den Mitschülerinnen und Mitschülern gehen dürfen“, sagt Klassenlehrer Alexander Bauer. Mit dem Projekt will die Schule auch unter den derzeitigen Bedingungen der Corona-Notbetreuung das Gedenken an den 9. Mai 1944 wachhalten.

An dem Tag wurden aus dem damaligen Kinderheim St. Josefspflege Kinder aus Sinti-Familien ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Kinder waren in den Jahren davor aus verschiedenen württembergischen Einrichtungen ins Mulfinger Heim eingewiesen worden. Denn ein Erlass des württembergischen Innenministeriums hatte 1938 die St. Josefspflege zur ausschließlichen Aufnahme von schulpflichtigen Sinti-und-Roma-Kindern bestimmt.

Blick auf die eigene Geschichte

Laut den Forschungen des Rottenburger Diözesanhistorikers Stephan Janker wurden über den Bahnhof Crailsheim insgesamt 40 Sinti, eine Schwangere und 39 Kinder, in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Der Transport traf am 12. Mai 1944 dort ein. Nur vier Kinder überlebten den Völkermord. Eva Justin, Mitarbeiterin der von Robert Ritter geleiteten „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“ Berlin, hatte das Heim in Mulfingen zuvor im Jahr 1942 besucht. Sie missbrauchte die Kinder als Untersuchungsobjekte für ihre rassenideologische Dissertation - die wenigen Einzelporträts, die von den Kindern erhalten sind, stammen aus der Dokumentation ihrer Arbeit.

„Es ist Teil unserer Kultur, daran zu erinnern“, sagt Schulleiterin Barbara Köppen. Seit 1984 gibt es eine Gedenktafel an der Fassade der St. Josefspflege – einen Hinweis gab es innen schon früher –, die heute unter anderem Trägerin der Schule ist. Das war der Ausgangspunkt. „Wir wollten unsere eigene Geschichte angehen“, erklärt Köppen. Dafür entstand in den folgenden Jahren mit vorbereitender Unterstützung der Hochschule Esslingen das Format „Erziehung nach Auschwitz“.

Fahrt nach Auschwitz

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte findet fächerübergreifend statt, wie Bauer berichtet. Sie soll eine Verbindung zwischen dem historischen Geschehen in Mulfingen und der übergreifenden NS-Geschichte schaffen. Dazu gehört ein Gedenken am 9. Mai, das in diesem Jahr wegen des Wochenendtermins am 12. Mai stattfindet.

Der Schwerpunkt liegt dabei in der achten Klasse. Trotzdem ist die ganze Einrichtung einbezogen. So werden bewusst bereits die Grundschulklassen mit dem Thema vertraut gemacht, in einer an das Alter angepassten Weise. „Manche Bilder werden dann zum Beispiel nicht gezeigt“, sagt Bauer.

Unter normalen, coronafreien Umständen bildet neben Ausflügen zu Gedenkorten in der Region eine mehrtägige Fahrt nach Auschwitz in der achten Jahrgangsstufe das Kernstück der Geschichtsarbeit. Dabei sei es eine Herausforderung, die Kinder nicht zu überfordern, sagt Köppen. Daher sei es wichtig, an den Fragehorizont der Jugendlichen anzudocken, und ebenso persönliche Bezüge zu schaffen. Persönliche Bezüge spielen für Köppen und Bauer eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung der geschichtlichen Zusammenhänge. Die Schulleiterin und der Lehrer nennen sie mehrmals als Funktionsprinzip.

Der Vorbereitung der Reise wird viel Zeit gewidmet. Sie ist nicht nur eine Sache der achten Klasse, sondern die ganze Schule ist eingebunden: Alle bekommen die Reise mit und tragen sie auf diese Weise mit. Die Schule achtet außerdem darauf, dass eine ausreichend große Zahl an Erwachsenen mitfährt, damit eine gute Begleitung der Schülerinnen und Schüler gewährleistet ist.

Gedenken im Wandel der Zeit

Die Gemeinschaftsschule, die ebenfalls unter dem Namen Bischof-von-Lipp-Schule von der St. Josefspflege getragen wird, ist seit einigen Jahren bei der Reise nach Polen mit dabei. Neben den Tagen für Auschwitz ist dort immer ein Tag für einen Ausflug in die nähere Region, zum Beispiel nach Krakau, eingeplant.

„Die Jugendlichen gehen sensibilisiert an die Thematik heran“, sagt Köppen. Viel hänge davon ab, wie die Lehrer es vermittelten. Köppen sagt: „Die Lehrer trauen sich an die Geschichte heran.“

Damit das Gedenken auch in Zukunft funktioniert, soll es immer wieder aktualisiert werden. So schaut die Schule sich nach neuen Kooperationspartnern um, wie Bauer erklärt. Gerade jetzt, da die Zeitzeugengeneration verschwindet, steht für Köppen ein Wandel an, damit das Gedenken in der Schulkultur lebendig bleibt. Daher gibt es Ideen für neue Projekte. Köppen kann sich zum Beispiel Workshops vorstellen, in denen die Jugendlichen angeleitet werden, die historischen Lebenserzählungen der Zeitzeugengeneration selbst weiterzugeben.

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