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Weihnachtszeit geht bis Lichtmess

Still, dunkel, ohne Süßes: So feiern polnische Katholiken den Advent. Erst an Weihnachten gehen alle Lichter an und die Tische biegen sich.

Stuttgart

Jolanta Schimanski, Pfarrsekretärin der polnischen Gemeinde in Stuttgart. Bild: Katholische Kirche Stuttgart

Eine asketische Zeit der Stille und der Erwartung beginnt mit dem ersten Advent bei polnischen Katholiken. Auch in Stuttgart. Allerdings können nicht alle Traditionen im Ausland fortgeführt werden, erzählt Jolanta Schimanski, Pfarrsekretärin der polnischen Gemeinde in Stuttgart. Zum Beispiel die Roratemesse, die in Polen vom ersten Advent an jeden Morgen um 6 Uhr gefeiert wird. Bis zum 23. Dezember. In Stuttgart schrumpft dieses Angebot auf zwei Mal in der Woche, mittwochs und freitags um 18.30 Uhr in St. Thomas. Der besondere Charakter ist jedoch geblieben: Der Gottesdienst beginnt im Dunklen mit Kerzenlicht und erst in der Mitte der Messe wird es hell.

Die Adventszeit ist karg

Der größte Unterschied zum deutschen Advent ist die Kargheit. „Wir setzen den November mit den Totengedenken im Advent fort“, sagt Ewa Langhof, ebenfalls Pfarrsekretärin in der polnischen Gemeinde. „Es ist eine meditative Zeit.“ Endzeit-Texte in der Liturgie führen zu Fragen nach dem richtigen Leben. „Verzichte ich im Alltag, um mich zu verbessern und mich auf das Kommen Jesu vorzubereiten?“, fasst Ewa Langhof die Intention dieser Zeit zusammen. Daher gibt es auch kein Fleisch und keine Süßigkeiten im polnischen Advent. Auch an Heiligabend nicht. Das traditionelle Essen an dem Tag sind Karpfen und Heringe.

Aber natürlich: Sowohl in Polen als auch in der polnischen Gemeinde in Stuttgart setzen sich deutsche Gewohnheiten durch. Adventskranz und Weihnachtsbaum gab es früher nicht, jetzt tauchen sie immer öfter in den Wohnzimmern auf. Plätzchen und Adventskalender halten in Familien mit Kindern Einzug. Als Mutter komme man daran nicht vorbei, das hat auch die 51-jährige Jolanta Schimanski erlebt.

Geschenke gibt es übrigens vor allem am Nikolaustag und nicht an Heiligabend. Bei manchen Familien würden die Päckchen unter dem Kopfkissen versteckt, erzählt die 43-jährige Ewa Langhof. Am Christabend gibt es dann nur noch kleinere Geschenke. Dieser hat dafür einen ganz klaren Ablauf: Zuerst geht die Familie nach draußen und schaut, wann der erste Stern am Himmel erscheint. Dann gehen alle ins Haus, wo der Weihnachtsbaum schon leuchtet und der Tisch gedeckt ist. Anschließend wird die Weihnachtsgeschichte gelesen, jeder bekommt ein Stück gesegnete Oblate und alle beglückwünschen sich gegenseitig, bevor es zum Essen geht. In den Dörfern wird sogar den Tieren im Stall ein Stück Oblate gegeben. Und man erzählt sich die Legende, dass am 24. Dezember die Tiere sprechen können.

Ein Platz bleibt frei für Jesus

Am Tisch bleibt wird außerdem ein Stuhl frei. „Dieser Platz ist für eine fremde Person, einen Reisenden, einen Freund oder Jesus selbst“, erklärt Jolanta Schimanski. Deshalb befindet sich an dem Platz unter der Tischdecke ein bisschen Heu oder Stroh. Übrigens: Wer polnische Mitbürger treffen wolle, der müsse am 23. Dezember an eine Fischtheke im Supermarkt gehen, bemerkt Ewa Langhof lachend. Denn am Heiligabend gibt es Karpfen. „Früher in Polen schwamm der noch lebend in der Badewanne“, erinnert sich Jolanta Schimanski. Jetzt holt man ihn von der Supermarkttheke. Serviert wird er entweder paniert, gebraten oder nach jüdischer Art. Dazu gibt es Heringe, Gemüsesalat, Suppe aus roter Bete, panierte Teigtaschen und Sauerkraut mit Pilzen. Alles fleischlos.

Erst nach dem üppigen Mahl gibt es Geschenke, die früher bescheiden ausfielen, aber immer mehr an Bedeutung zunehmen. „Ich habe vier Kinder und viele Enkel“, erzählt Jolanta Schimanski. „Da gibt es wahnsinnig viel Geschenkpapier.“ Die Teller dürfen in der Zwischenzeit nicht abgeräumt werden, höchstens ausgetauscht, sonst wäre das Fest nach polnischer Sitte vorbei. Die Familie bleibt jedoch beisammen und wartet Weihnachtslieder singend und Kuchen essend auf die Christmette. Diese findet aus logistischen Gründen in Stuttgart nicht um 24 Uhr, sondern um 23 Uhr in St. Thomas statt.

Polnische Lieder rühren ans Herz

Und dann geht es ans Herz: Polnische Weihnachtslieder über Christi Geburt, Maria und alles, was dazu gehört, erklingen. „Da wird auf die Tränendrüse gedrückt“, sagt Jolanta Schimanski. Außer dem Klassiker „Stille Nacht“ sind alles original polnische Lieder. „Ohne Tannenbaum und Schnee, nur biblische Themen“, betont Ewa Langhof. Dann klingt der Abend aus. Manche gehen noch zur Krippe und knien nieder. Die anderen gehen nach Hause, wo man sich noch eine Weile unterhält.

Bis zum 2. Februar zieht sich dann die Weihnachtszeit. In diesem Zeitraum besucht der Pfarrer alle Familien, um das Haus zu segnen. In Polen kommt er automatisch in einer bestimmten Reihenfolge, in Stuttgart muss man sich melden, wenn man einen Besuch möchte. Und dann ist auch die Zeit der Krippenspiele, draußen im Stall. In Stuttgart findet es am letzten Sonntag im Januar in der Kirche statt. Kinder und junge Erwachsene von fünf bis 25 Jahren spielen mit. „Das Schauspiel wird in modernen Kontext eingebettet“, erzählt Ewa Langhof, die betont, dass der Glaube für Polen einen hohen Stellenwert hat. Deshalb würden viele die Religion gegen den Kommerz verteidigen wollen. „Ohne die religiöse Seite von Weihnachten bleibt schließlich nur noch die Verpackung“, sagt die 43-Jährige.

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