Glaube ist nie definitiv
Gerade Beethovens Ansatz spreche in der aktuellen Lage vielen Menschen aus der Seele, ist Steffel überzeugt. Dramatischer, unruhiger, eindringlicher als andere Stücke zeuge Beethovens Credo von der Gefahr des Scheiterns, die der Einsamkeit innewohnt, „denn ich kann nicht allein glauben“. Eine Musik, die irgendwie nicht recht zum Text passen mag und deren harmonisches Ziel ungewiss erscheint, zeuge von dem Hadern des Menschen mit Gott und davon, dass Glaube niemals definitiv ist. „In dieser Spannung leben wir“, sagt Steffel. Und doch entfalte Beethoven „den österlichen Lebensraum ohne jeden Zweifel an das ewige Leben, unbeirrt und scheinbar unbegrenzt in einer gigantischen Fuge“.
Weil Beethoven nicht nur ein „objektives“ Bild von der Größe Gottes malen wolle, „sondern die Umstände des Menschen in seiner Beziehung zu Gott einzufangen“ versuche, wie die Wiener Musikwissenschaftlerin Prof. Birgit Lodes einmal formulierte, eigne sich die „Missa Solemnis“ auch vor dem heimischen CD-Spieler, um den eigenen Fragen und geistlichen Nöten nachzuspüren, aber auch, um die Sehnsucht nach Gott und der Gemeinschaft im Glauben in Schwingung zu bringen – und auf diese Weise auch Gemeinschaft zu erfahren, sagt Wolfgang Steffel.