Herr Dr. Rentel, Telefonseelsorge lebt vom Zuhören und Fragen, von Empathie und Offenheit – allesamt Fähigkeiten und Eigenschaften, die keine Selbstverständlichkeit sind. Sie beschäftigen sich mit idiolektischer Gesprächsführung. Ist das so ungefähr der wissenschaftliche Ausdruck dafür, was Telefonseelsorge in der Praxis versucht?
Idiolektik ist weniger eine Wissenschaft als vielmehr eine sehr achtsame Praxis des Zuhörens. Zuhören und Empathie sind ganz allgemein Kompetenzen in der Kommunikation und natürlich immer hilfreich. Das Besondere an der eigensprachlichen Methode, die ja der Namensgeber der Idiolektik ist, besteht darin, dass sie großen Wert darauf legt, die Menschen beim Wort zu nehmen.
Inwiefern?
Nämlich nicht davon auszugehen, dass ich jemand anderen allein dadurch verstehen kann, dass ich seine Worte, die er verwendet, auch kenne und ebenfalls Erfahrungen damit verbinde. Es geht darum, mich für die eigene Welt des anderen zu interessieren, so wie er oder sie sie erlebt. Die Idiolektik gibt uns ein Werkzeug in die Hand, dieses genaue Zuhören zu praktizieren. Dadurch kommen wir unwillkürlich in eine Haltung der Wertschätzung von Einzigartigkeit, weil wir zwischen unseren Erfahrungen, die wir schon im Leben gemacht haben, und denen der anderen differenzieren. Wir stellen die Erfahrungen unseres Gegenübers in den Mittelpunkt und unsere eigenen ein wenig leiser.
Leben wir in einer Zeit, die laut ist und nicht richtig zuhören kann, und lassen wir deshalb die Wertschätzung für andere zu oft vermissen?
Wir gehen der Fähigkeit des Zuhörens ein wenig verlustig: Je mehr wir unter Stress sind und uns unter Ansprüchen sehen, handeln zu müssen, desto weniger erlauben wir uns die Ruhe zuzuhören, uns einzulassen, wahrzunehmen und zu schauen, als gleich an Lösungen und Abhilfe zu denken. Es ist insbesondere in beratenden Bereichen ein gängiger Reflex, dass wenn ich ein Problem höre, zwar auch empathisch bin, aber dann sehr schnell Ideen entwickele, was man da helfend tun kann.
Aber ist das nicht der Grund, warum sich jemand an einen Coach, Therapeuten oder Seelsorger wendet?
Häufig möchten die Menschen erstmal überhaupt wahrgenommen werden. Sie möchten nicht unbedingt gleich Lösungen angeboten kriegen, sondern eigene Schritte entwickeln. Gesellschaftlich betrachtet ist die insgesamte Belastung so angestiegen, dass viele Menschen nur noch an Handeln denken und nicht mehr ans Kommunizieren, und schon gar nicht ans Zuhören und sich wirklich Einlassen auf den anderen.
