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Wie Sprache Brücken baut

Telefonseelsorge heißt Dasein und Zuhören. Seit 70 Jahren. Im Interview spricht Psychotherapeut Dr. Tilman Rentel über eine Haltung, die Türen öffnet.

Ulm (Donau)
„Zuhörer“: Das Ölgemälde von Lisa-Marie Kalisch zeigt ein Ohr. Alle Rechte liegen bei der Urheberin/Künstlerin: Lisa-Marie Kalisch / Lise, An den Hundert Äckern 56, 99867 Gotha, und müssen für jede Verwendung eingeholt werden.

Bei der Telefonseelsorge finden alle Menschen ein offenes Ohr. Bild: „Zuhörer“, Ölgemälde Ohr von Lisa-Marie Kalisch (Lise). Foto: Kalisch

Herr Dr. Rentel, Telefonseelsorge lebt vom Zuhören und Fragen, von Empathie und Offenheit – allesamt Fähigkeiten und Eigenschaften, die keine Selbstverständlichkeit sind. Sie beschäftigen sich mit idiolektischer Gesprächsführung. Ist das so ungefähr der wissenschaftliche Ausdruck dafür, was Telefonseelsorge in der Praxis versucht?

Idiolektik ist weniger eine Wissenschaft als vielmehr eine sehr achtsame Praxis des Zuhörens. Zuhören und Empathie sind ganz allgemein Kompetenzen in der Kommunikation und natürlich immer hilfreich. Das Besondere an der eigensprachlichen Methode, die ja der Namensgeber der Idiolektik ist, besteht darin, dass sie großen Wert darauf legt, die Menschen beim Wort zu nehmen.

Inwiefern?

Nämlich nicht davon auszugehen, dass ich jemand anderen allein dadurch verstehen kann, dass ich seine Worte, die er verwendet, auch kenne und ebenfalls Erfahrungen damit verbinde. Es geht darum, mich für die eigene Welt des anderen zu interessieren, so wie er oder sie sie erlebt. Die Idiolektik gibt uns ein Werkzeug in die Hand, dieses genaue Zuhören zu praktizieren. Dadurch kommen wir unwillkürlich in eine Haltung der Wertschätzung von Einzigartigkeit, weil wir zwischen unseren Erfahrungen, die wir schon im Leben gemacht haben, und denen der anderen differenzieren. Wir stellen die Erfahrungen unseres Gegenübers in den Mittelpunkt und unsere eigenen ein wenig leiser.

Leben wir in einer Zeit, die laut ist und nicht richtig zuhören kann, und lassen wir deshalb die Wertschätzung für andere zu oft vermissen?

Wir gehen der Fähigkeit des Zuhörens ein wenig verlustig: Je mehr wir unter Stress sind und uns unter Ansprüchen sehen, handeln zu müssen, desto weniger erlauben wir uns die Ruhe zuzuhören, uns einzulassen, wahrzunehmen und zu schauen, als gleich an Lösungen und Abhilfe zu denken. Es ist insbesondere in beratenden Bereichen ein gängiger Reflex, dass wenn ich ein Problem höre, zwar auch empathisch bin, aber dann sehr schnell Ideen entwickele, was man da helfend tun kann.

Aber ist das nicht der Grund, warum sich jemand an einen Coach, Therapeuten oder Seelsorger wendet?

Häufig möchten die Menschen erstmal überhaupt wahrgenommen werden. Sie möchten nicht unbedingt gleich Lösungen angeboten kriegen, sondern eigene Schritte entwickeln. Gesellschaftlich betrachtet ist die insgesamte Belastung so angestiegen, dass viele Menschen nur noch an Handeln denken und nicht mehr ans Kommunizieren, und schon gar nicht ans Zuhören und sich wirklich Einlassen auf den anderen.

Liegt also im Zuhören und sich Einlassen die besondere Chance der Telefonseelsorge?

In der Telefonseelsorge haben wir es mit Menschen zu tun, deren Lebensgeschichte wir häufig nicht kennen und wo es durch das Telefon manchmal auch sprachliche Hürden gibt. Die Menschen rufen an aus dem akuten Erleben und möchten dort abgeholt werden, wo sie sind. Es geht nicht darum, eine Anamnese zu erheben, wie man das vielleicht in der Therapie macht, sondern die Anrufer möchten in dem Moment begleitet werden, wo sie gerade in Not sind. Und dafür ist die Idiolektik, also die eigensprachliche Methode besonders geeignet. Diese Methode ermöglicht es durch das achtsame Aufgreifen von genau dem, was der andere sagt, dass wir auch mit Menschen arbeiten können, deren Geschichte wir explizit oft gar nicht erfahren.

Der Begriff Idiolektik ist im Alltag vergleichsweise wenig verbreitet. Welche Rolle spielt dieser Ansatz in der Psychotherapie?

Die Methode wird unter verschiedenen Namen aufgegriffen und die Kernelemente der Idiolektik – Ressourcenorientierung und die Würdigung dessen, was ist – wurde inzwischen in viele therapeutische Methoden hineingenommen. Dass sie unter dem Namen Idiolektik noch ein kleines Pflänzchen ist, hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Methode weniger das Können des Therapeuten betont als vielmehr den Raum, den sie für innere Prozesse zur Verfügung stellt, um Klienten zu ermächtigen, sich selbst in ihrer Welt zu verstehen und eigene Wege zu entwickeln, die ihnen hilfreich sind. Es hat im guten Sinne etwas Demütiges, Heilungsprozesse dort zu verorten, wo sie stattfinden, nämlich in dem Menschen, der sie erlebt. Mir liegt sehr daran, dass Idiolektik nicht eine neue, bessere Methode ist, sondern eine Haltung und Praxis, die man mit vielen Methoden verbinden kann.

Wie kommt diese Methode bei der Telefonseelsorge zum Einsatz?

In der Telefonseelsorge sind schon viele Mitarbeitenden in der Haltung und Methodik der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers geschult worden, und das lässt sich wunderbar verbinden und eröffnet neue Möglichkeiten und Aspekte. Ich halte die Idiolektische Methode für eine ungemein wertvolle Zutat zu allen beratenden Angeboten, die es gibt, diese Art des Zuhörens zu pflegen. Wir haben gute Erfahrungen in der Telefonseelsorge bundesweit, wo wir das angeboten haben. Die Seelsorgenden haben ja den Vorteil, nicht lösen und heilen zu müssen, sondern dass sie einfach begleiten dürfen. Das liegt diesem Ansatz sehr, weil eben nicht die Lösung im Vordergrund steht, sondern die Verbundenheit und das Dasein. 

Müssen wir eigentlich, damit Sprache (wieder) öfter Brücken baut anstatt Gräben zu vertiefen, das Zuhören neu lernen?

Es ist nichts ganz Neues. Als Kinder haben wir noch nicht so viel gewusst und nicht so viel nachgedacht, sondern haben viel gefragt. Es ist also eher eine Kompetenz, die wir während der Schulzeit vergessen oder verschüttet haben. Wir denken, wir hätten viele Konzepte, die wir gerne anderen schenken und überstülpen. Wenn wir uns daran erinnern, was wir als Kinder gemacht haben, als wir staunend durch die Welt gelaufen sind, werden wir automatisch in eine idiolektische Haltung kommen und viel mehr fragen und uns wundern über die Schönheit und Einzigartigkeit anderer Menschen, anstatt sehr schnell zu urteilen. Und es ist vielleicht ganz schön, dass wir gar nichts Neues lernen, sondern uns erinnern, was wir schon als Kinder gemacht haben.

Am 19. Juni referieren Sie in Ulm über das Potenzial der Eigensprache. Was erwartet die Zuhörenden?

Wir lernen etwas über genaues Zuhören, wir probieren das miteinander aus und es wird auch kleine Gespräch geben, die wir untereinander führen. Wir achten genau auf die Worte, die der andere sagt, und lernen uns zu interessieren, was hinter diesen Worten an Erfahrungswelten, an Bildern und Erleben ist, und wir werden auch kleine Gespräche erzählt bekommen als kleine Beispiele aus der Praxis, wie diese Gesprächsführung befähigt, auf eigene Ideen und Wege zu kommen.

Vortrag von Dr. Tilman Rentel am 19. Juni in Ulm

Anlässlich 70 Jahre TelefonSeelsorge Deutschland spricht Dr. Tilman Rentel am 19. Juni um 19 Uhr im Haus der Begegnung in Ulm, Grüner Hof 7, über „Das Potential der Eigensprache im Dialog. Zuhören statt Reden, Fragen statt Raten - und vielleicht verstehen.“ Der Abend, der von Claudia Köpf, Leiterin der TelefonSeelsorge Ulm/Neu-Ulm, moderiert wird, soll einladen zum Dialog: Wie können wir Menschen wirklich erreichen? Wie können wir tragfähige Brücken im Miteinander bauen, die Verbindung ermöglichen. Der vorgestellte Ansatz ist in der Telefonseelsorge, aber auch in jeder Begegnung von Mensch zu Mensch hilfreich und wichtig. Eintritt frei; freiwilliger Beitrag willkommen.

Telefonseelsorge: Nur möglich dank Ehrenamt und Kirchensteuer

Die Telefonseelsorge wird von den beiden großen Kirchen in Deutschland getragen und besteht aus einem bundesweiten Netzwerk von mehr als 100 regionalen Stellen mit über 200 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie fast 8000 ausgebildeten Ehrenamtlichen. Ohne die ökumenische Zusammenarbeit in den Trägervereinen (auf dem Gebiet der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es fünf Standorte: Heilbronn, Tübingen, Ravensburg, Stuttgart und Ulm), einer Kooperation über Diözesangrenzen hinweg (etwa mit der Erzdiözese Freiburg und dem Bistum Augsburg) und dem sehr hohen Maß an ehrenamtlichem Engagement wäre die Telefonseelsorge nicht vorstellbar. Der mit Abstand größte Teil des Budgets für Leitung und Verwaltung, Ausbildung und Supervision sowie Miete und Technik wird aus der Kirchensteuer finanziert. Neben Zuschüssen von Ländern und Kommunen ist die TS aber auch auf Spenden angewiesen. Die Gesprächsgebühren übernimmt die Deutsche Telekom AG.

Jeder braucht mal Hilfe

Anonym, kostenlos und - auch an Sonn- und Feiertagen - Tag und Nacht erreichbar ist die Telefonseelsorge. Sie bietet Rat und Hilfe, Perspektiven und hilfreiche Hinweise - auch in Form von Mail- und Chatberatung. Ein Gespräch kann helfen, die Gedanken zu sortieren, zur Ruhe zu kommen, Mut zu fassen, neue Wege zu erkennen. Sich die Sorgen von der Seele zu reden. Dafür ist Telefonseelsorge da. Im Jahr 2024 verzeichnete die Telefonseelsorge bundesweit insgesamt 1.176.772 Seelsorge- und Beratungskontakte.

Die gebührenfreien Telefonnummern der Telefonseelsorge lauten: 0800 1110111 oder 0800 1110222.

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