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Wo Gott wohnt und alle Menschen willkommen sind

Die Begriffe Heimat, Erneuerung und Frieden sind eng mit der Sankt-Bonifatius-Kirche verbunden. In diesem Jahr feiert die Gemeinde 75. Weihejubiläum.

Schnaitheim

Die St.-Bonifatius-Kirche in Schnaitheim feiert 75. Geburtstag: Ein Festgottesdienst Ende Juni erinnerte dankbar an die vielen Menschen, die sich beim Bau der Kirche und im Leben der Gemeinde engagiert haben und engagieren. Foto: Kirchengemeinde St. Bonifatius

Ein goldener Friedensengel wacht über dem Eingang der Schnaitheimer Bonifatiuskirche. Frieden, eben erst wiedergewonnen, war ein großes Thema der Menschen, als am 30. Juli 1950 Weihbischof Dr. Franz Josef Fischer die Kirche im Heidenheimer Norden weihte. Es war der erste Kirchenneubau im Kreis Heidenheim nach dem Zweiten Weltkrieg. Die große Zahl der katholischen Heimatvertriebenen, die in Schnaitheim neu anfangen mussten und die die Marienkirche in der Stadtmitte bei Gottesdiensten kaum mehr fassen konnte, hatten den Neubau nötig gemacht.

„Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde?“ Diese Frage - ein Ausruf Salomos in Kapitel 8 des ersten Buches der Könige - mögen sich viele Menschen nach den furchtbaren Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges gestellt haben, gerade auch angesichts der verlorenen Heimat. Dass die Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, nicht nur eine persönliche, sondern auch wieder eine geistliche Heimat aufbauen mussten, daran erinnerte der Ellwanger Pfarrer Prof. Sven van Meegen in seiner Predigt beim Festgottesdienst zum Jubiläum. In Vertretung für den erkrankten Domkapitular Dr. Heinz-Detlef Stäps, Leiter der Hauptabteilung Weltkirche in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Gebietsreferent für die Dekanate Heidenheim und Ostalb, skizzierte van Meegen, der von 2010 bis 2022 Dekan des Dekanats Heidenheim war, die Bedeutung von Heimat auch in spiritueller Hinsicht.

Zeichen des Wiederaufbaus und der Erneuerung

Binnen eines Dreivierteljahres und mit viel Eigenleistung wurde die Kirche gebaut. „Nach Zeiten der Zerstörung und Not wurde der Neubau als Zeichen des Wiederaufbaus und der Erneuerung empfunden", erläutert Pfarrer Dietmar Krieg. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer, darunter auch Evangelische, seien auf der Baustelle tätig gewesen. „Fachkundige Steinmetze, hauptsächlich Ungarndeutsche, bearbeiteten den heimischen Oolith im Steinbruch Kraft zu Bossensteinen, die die Außenerscheinung der Kirche bis heute maßgeblich prägen."

Auch die Wahl von Sankt Bonifatius als Kirchenpatron passe gut in die Nachkriegszeit, „als viele Vertriebene deutscher Abstammung und oft auch katholischer Konfession hier eine neue Heimat suchen mussten", sagt Pfarrer Krieg. Von den derzeit elf Bonifatiuskirchen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart seien allein sechs nach 1945 errichtet worden. „Bonifatius gilt als der 'Apostel der Deutschen', denn er organisierte die kirchliche Einteilung im damaligen Frankenreich neu, indem er Klöster und Diözesen gründete. Außerdem betätigte er sich als erfolgreicher Missionar unter den einzelnen Volksgruppen und Stämmen, die aufgrund ihrer Sprache später zum so genannten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zusammengefasst wurden."

Wo Gott wirklich auf der Erde wohnt

Beim Festgottesdienst spannte Pfarrer van Meegen auch einen Bogen aus der Zeit des heiligen Bonifatius in die heutige Zeit. In seinem Leben habe dieser sozusagen den „Baum der Unmenschlichkeit" gefällt und so Mitmenschlichkeit und Würde, die auf dem christlichen Glauben gründen, aufgerichtet, sagte van Meegen mit Bezug auf die berühmte Begebenheit, als Bonifatius die Donar-Eiche, den Kultbaum der germanischen Götterwelt, fällte. Überall dort, wo Menschen den Glauben und die Nächstenliebe leben und an andere, besonders Notleidende schenken, „da wohnt Gott wirklich auf der Erde", so der Prediger. Heute beherbergt die Bonifatiuskirche auch die italienische muttersprachliche Gemeinde und ist vielen zu einem Stück neue geistliche Heimat geworden.

Dass Sankt Bonifatius allen Menschen Heimat und Raum eines guten Miteinanders am Ort sein will, drückte sich in dem zweisprachig gehaltenen Festgottesdienst - musikalisch gestaltet von einem eigens gegründeten Projektchor unter der Leitung von Angelika Sailer-Stang sowie von Rudi Stang an der Orgel - auch in den Grußworten von Vertreterinnen und Vertretern aus Stadt und Dekanat, evangelischer Gemeinde und Vereinswesen aus. Dieser Anspruch und dieses Streben zeigt sich aber auch in der künstlerischen Gestaltung der Kirche: Besonders einladend ist bis heute der gekreuzigte Christus, der seine Arme zum Willkommen ausbreitet. Diese ungewöhnliche, aber sehr menschliche Darstellung stammt von dem Kornwestheimer Künstler Rasso Rothacker (1927-2000) - „ein Symbol für Gemeinschaft, Versöhnung und Frieden", wie Pfarrer Krieg unterstreicht.

Rothacker gestaltete im Zuge der ersten grundlegenden Innenrenovation 1977/78 in den Fenstern auch einen Bilderzyklus zum Leben des heiligen Bonifatius und im Chorraum drei Fenster zur Dreifaltigkeit. Bei der jüngsten Renovierung vor fünf Jahren erhielt die Kirche neue liturgische Orte, also Taufbrunnen, Altar, Ambo und Tabernakel, geschaffen von der Münchner Bildhauerin Sabine Straub. Seit der Neugestaltung kommt auch die schöne Marienfigur mit Jesuskind besser zur Geltung. In den frühen 1950er-Jahren wurde sie von einer Schnaitheimer Gruppe der nach Deutschland vertriebenen Donauschwaben im österreichischen Wallfahrtsort Mariazell erworben und in der Bonifatiuskirche aufgestellt. Denn bei Maria finden Menschen von überallher Halt und Heimat.

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