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Wunscharbeitsplatz gefunden

Junger Mann mit Handycap betreut Seniorinnen und Senioren im Haus der Pflege in Brochenzell.

Brochenzell
Tobias Nüßle sitzt mit Mundschutz einer Seniorin im Rollstuhl gegenüber, die von hinten zu sehen ist.

Braucht die Nähe zu den Menschen an seinem betriebsintegrierten Arbeitsplatz: Tobias Nüßle im Brochenzeller Haus der Pflege St. Josef - Foto: Stiftung Liebenau

Tobias Nüßle hat im Haus der Pflege St. Josef in Brochenzell seinen Wunscharbeitsplatz gefunden. Der 24-Jährige gehört, trotz seines Handicaps, selbstverständlich zum Betreuungsteam rund um die Seniorinnen und Senioren. Dank seines betriebsintegrierten Arbeitsplatzes, der formal einem Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) entspricht, kann er den Bewohnern ein wertvolles Plus an Zeit schenken. Unterstützt wird Tobias Nüßle vom Jobcoaching der Stiftung Liebenau.

Tobias Nüßle hat Geduld, viel Geduld. Genau diese Eigenschaft, gepaart mit Einfühlungsvermögen und Ausdauer, sind Schlüsseleigenschaften für seine Arbeit im Haus St. Josef. Er hilft, das Frühstück, das Mittagessen oder den Nachmittagskaffee für die Bewohner zu richten, deckt Tische, schenkt Getränke ein und serviert individuell vorbereitete Teller. Braucht jemand Unterstützung, setzt sich Tobias Nüßle am Tisch dazu und gibt das Essen ein. „Von seiner Geduld profitieren insbesondere Bewohnerinnen und Bewohner, die langsamer essen“, berichtet Pflegedienstleiter Georg Schlegel. Nicht zuletzt sei der Frühstücksdienst durch den jungen Mann entlastet.

Einfach mal die Hand halten

Tobias Nüßle ist kein großer Freund vieler Worte.

Ich glaube, die älteren Menschen freuen sich, wenn jemand für sie Zeit hat.

So schätzt er seine Arbeit ein. Viel Freude bereite ihm nicht nur die Eingabe des Essens. Er sei auch gern bei den Bewohnern, die nicht mehr aufstehen und ihr Zimmer verlassen können. Georg Schlegel weiß, dass sein Mitarbeiter manchmal einfach am Bett sitzt, die Hand hält und mit den Senioren spricht. „Alles gut, ich bin ja da“, sei so ein Satz, mit dem Tobias Nüßle Nähe schaffe und Vertrauen schenke. „Ich glaube, das Wort Ungeduld kennt Tobias gar nicht“, sagt Schlegel.

Nach seiner Schulzeit hatte sich Tobias Nüßle für den ambulanten Berufsbildungsbereich (BBB) der Liebenauer Arbeitswelten entschieden und probierte sich an drei bis vier Tagen pro Woche in einem Praktikum in der Altenhilfe aus. Begleitet wurde er von Sybille John, Jobcoach der Liebenauer Arbeitswelten. An den anderen Tagen besuchte er den Unterricht im BBB in Liebenau im Bereich Hauswirtschaft.

Jobcoach als Ansprechpartner

„Bereits während seines ersten Praktikums zeigte sich, dass Tobias Nüßle in der Altenpflege am richtigen Ort ist“, sagt John. Statt weiterer Praktika in anderen Betrieben zu absolvieren, blieb er die kompletten zweieinhalb Jahre bis zu seinem BBB-Abschluss im Haus der Pflege St. Josef und damit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. „Der Übergang zum betriebsintegrierten Arbeitsplatz war im Dezember vergangenen Jahres nur eine Formsache.“

Zur Arbeit kommt der junge Mann, der bei seinen Eltern auf dem Obsthof in Raderach lebt, mit dem Fahrdienst der Malteser. „Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre er mit mehrmaligem Umsteigen bis zu zwei Stunden unterwegs“, erläutert Sibylle John. Alle zwei Wochen trifft sie sich mit ihm vor Ort in Brochenzell, um anstehende Dinge zu besprechen. Ansprechpartnerin ist sie als Jobcoach gleichzeitig für den Arbeitgeber.

Musik spielt wichtige Rolle

„Tobias braucht seinen Bereich und seine gewohnten Abläufe. Das gibt ihm Sicherheit“, weiß Sibylle John. Auch arbeitsplatzbezogene Schulungen, wie beispielsweise der Umgang mit Menschen mit Demenz, mit Schluckbeschwerden oder mit dem Desinfektionsschutzgesetz, gehören zu ihren Aufgaben. Dies entlastet wiederum den Arbeitgeber. Auch die gute Zusammenarbeit mit Tobias Nüßles Eltern wird sehr geschätzt. „Es ist gut, wenn Menschen wie er so ein Team um sich haben“, sagt Schlegel.

Musik spielt im Leben von Tobias Nüßle eine wichtige Rolle. Im Orchester der Friedrichshafener Tannenhag-Schule spielt er Tenorhorn und Saxofon. Außerdem beherrscht er das Akkordeon und die Klarinette. Vor der Corona-Pandemie hat er hin und wieder eines seiner Instrumente mit ins Haus der Pflege gebracht, um den Bewohnern eine musikalische Freude zu schenken.

Ich bin froh, wenn ich bald mal wieder mein Tenorhorn mitbringen kann.

Mit diesen Worten blickt er optimistisch in die Zukunft.

Vorteile für Arbeitgeber

Für Menschen mit Behinderungen eignen sich besonders einfache und zeitintensive Routineaufgaben, die die anderen Mitarbeitenden entlasten. Findet ein Mensch einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz, wird er, ebenso wie das Unternehmen, von Jobcoaches der Liebenauer Arbeitswelten unterstützt. Die Bezahlung erfolgt nach Leistung. Gemeinsam werden individuelle Lösungen ausgearbeitet. Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen ist in aller Regel eine Bereicherung für die Unternehmenskultur. Mit der Anrechnung der Arbeitsleistung auf die Ausgleichsabgabe kann das Unternehmen zudem Kosten sparen. Nicht zuletzt tragen die besonderen Arbeitsplätze einen Teil zu einer inklusiven Gesellschaft bei.

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