Dieser Weg führte Sie in einer spannenden Zeit zum Theologiestudium nach Tübingen …
Wir waren der erste Kurs, der im April 1966 mit dem Einzug den Hausschlüssel vom Wilhelmsstift bekommen hat. Das war neu. Die anderen mussten da immer noch fragen. Wir konnten kommen und gehen, wie wir wollten. Es war auch gewünscht, dass man das fünfte und sechste Semester auswärts studiert an einer anderen Uni und nicht in einem kirchlichen Internat wohnt. Und das war gut so. Ein befreundeter Mitstudent hat mich gefragt: Du, ich geh nach Paris. Gehst du mit? Wir waren dann zu viert. Ich musste allerdings noch schnell Französisch lernen.
Das war dann im Sommer 1968?
Ja. Obwohl das Semester erst im Oktober begann, sind wir schon im Juli eingereist. Eine Woche vorher war der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag. Dann hat meine Mutter gesagt: Jetzt gibt es Krieg, du kannst nicht gehen. Wir sind trotzdem gegangen. Schon in Straßburg an der Grenze haben sie uns vier Stunden aufgehalten. Dann war es aber gut. Wir waren zuerst in Paris und haben dann noch eine Rundreise gemacht über Bordeaux, Biarritz nach Marseille und über Lyon wieder zurück.
Haben Sie auch die Studentenunruhen mitbekommen?
Ich habe die 68er voll miterlebt in Tübingen. Es gab auch bei den Theologen Sit-ins und Störungen bei den Vorlesungen. Als ich von Paris zurückkam, war Professor Ratzinger gerade weg. Ich habe die Zulassungsarbeit dann bei Professor Rief geschrieben in christlicher Soziallehre. Professor Rief ging später auch nach Regensburg. Er hat sich mit Ratzinger gut verstanden.
Hatten Sie später nochmals Kontakt zu Joseph Ratzinger?
Ich war als Weihbischof mal in Rom bei Papst Benedikt. Das war kurz nach seiner Wahl nach der großen Mittwochsaudienz. Er sagte: Wir kennen uns, Sie haben ja bei mir studiert. Er hat sich gefreut, mit mir deutsch reden zu können. Dann meinte er: Das Examen haben sie aber nicht bei mir gemacht. Nein, sagte ich, da waren Sie schon in Regensburg. Dann haben sie es bei Küng gemacht? Dann habe ich ja gesagt. Sein Kommentar: Das hat auch nichts geschadet. Und ich dachte: Wie soll ich das jetzt auffassen?
Auch wenn vieles in meinem Leben anders gekommen ist, als ich es mir vorgestellt habe, habe ich doch meine innere Freiheit bewahrt und bin mir selbst treu geblieben.
Wir waren ja gerade noch bei Ihrem Studium. Später kamen Sie nochmals nach Tübingen zurück …
Ich war noch keine zwei Jahre Vikar, da brauchte Bischof Leiprecht einen neuen Sekretär. Das war nicht in meinem Horizont. Trotz meiner Vorbehalte hatte ich ein gutes Gespräch mit dem Bischof. Er hatte mich mit „Herr Vikar“ begrüßt und mit „Herr Sekretär“ verabschiedet. Bischof Moser hat mich dann übernommen. Eines schönen Tages sagte er, er brauche einen Repetenten in Tübingen Ich solle dort promovieren. Ich wollte lieber in eine Gemeinde gehen. Die Gemeinde stecken Sie sich an den Hut, hat er gesagt.
Promoviert haben Sie dann bei Professor Walter Kasper. In dieser Zeit bekamen Sie wieder Aufgaben, die Sie so nicht auf dem Schirm hatten …
Kasper fragte mich eines Tages, ob ich bei ihm Assistent machen würde. Das war ich dann fünf Jahre und habe meinen Doktor gemacht. Da hatte sich Bischof Moser schon gemeldet: Machen Sie fertig. Ich brauche einen Regens für das Priesterseminar. Nach dem Tod Mosers wurde Kasper Bischof. Und als Weihbischof Kuhnle gegangen ist, hat er als Nachfolger den genommen, den er am besten gekannt hat. Er hat zu mir gesagt, ich solle hinausgehen in die Gemeinden. Das sei ganz wichtig, dass man die Bischöfe draußen erlebt und sieht. Und so habe ich es dann gehalten.