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Zwischen Freiheit und Bestimmung

Im Interview zu seinem 80. Geburtstag blickt der emeritierte Weihbischof Johannes Kreidler dankbar auf seinen bisherigen Lebensweg zurück.

Grünmettstetten
Porträtfoto vor dem Gebäude des Bischöflichen Ordinariats in Rottenburg.

Weihbischof em. Dr. Johannes Kreidler kurz vor seinem 80. Geburtstag im Innenhof des Bischöflichen Ordinariats in Rottenburg - Foto: DRS/Constanze Stark

Er ist kein Mann der lauten Töne. Trotz seiner kirchlichen "Karriere" blieb Johannes Kreidler immer nah bei den Menschen und wusste, was sie bewegt. Die Zeichen der Zeit in Kirche und Gesellschaft kennt und reflektiert er bis heute. Was andere für ihn vorgesehen haben, ahnte er jedoch nicht immer. Unserer Redakteurin Constanze Stark hat er sehr persönlich von seinen Lebensstationen erzählt. Mit Auszügen aus dem Gespräch soll der emeritierte Weihbischof hier selbst zu Wort kommen. Dankbar gratuliert ihm die Diözese Rottenburg-Stuttgart heute, am 31. Mai, zu seinem 80. Geburtstag.

Herr Kreidler, Sie sind nun seit neun Jahren als Weihbischof emeritiert und im Ruhestand. Ist es Ihnen seit dem Weggang aus Rottenburg langweilig?

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Rottenburg verbracht und habe mich in der Stadt immer wohlgefühlt. Als ich wieder nach Grünmettstetten heimkam, war gerade Pfarrerwechsel. Da sind die Leute dann immer zuerst zu mir gekommen, wenn sie ein Anliegen hatten. Es waren ja auch Beziehungen da und man hat sich gut gekannt. Zwischendrin habe ich noch in der Nachbarseelsorgeeinheit in der Vakanz ausgeholfen. Das war dann schon viel.

Hat sich Ihr Blick verändert, seit Sie nicht mehr in der Diözesanleitung Verantwortung tragen?

Seit ich jetzt wieder mehr an der Basis bei den Leuten bin, kann ich viel besser verstehen, wenn sie manches nicht annehmen können. Nur ein Beispiel: Ich war ja für Kirchenmusik zuständig und habe bei Trauungen oder bei Beerdigungen schon darauf geachtet, welche Lieder gesungen werden. Inzwischen tue ich mich nicht mehr schwer, wenn die Kinder das Lieblingslied der Mutter, einen Schlager oder einen Song, an ihrem Grab spielen wollen. Da sage ich: Selbstverständlich. Das hätte ich vorher nicht gemacht.
 

Welche Rolle spielt Ihre Familie bei der Einschätzung kirchlicher Themen?

Wir sind sieben Geschwister, davon fünf Schwestern. Da ist die Bandbreite – beispielsweise in der Frage der Diakonweihe für Frauen – immer ganz groß gewesen. Wir haben öfter darüber diskutiert. Die, die dafür waren, sagten: Jetzt setze dich doch mehr dafür ein. Ich habe es in meinem ersten Interview als Weihbischof befürwortet. Ich wollte aber auch nicht der Vorkämpfer sein. Das ist nicht meine Art.

Haben Sie auch familiäre Kontakte zur jungen Generation?

Ich habe einige Neffen und Nichten und jetzt auch Großneffen und Großnichten. Zwei wohnen in Grünmettstetten und kommen einmal in der Woche zu meiner Schwester und mir zum Mittagessen. Das ist umwerfend, über was sie mit uns reden. Das ist eine ganz andere Welt. Das ist erfrischend. Da ist mir so viel bisher verborgen geblieben, wie es zum Beispiel an den Schulen zugeht. Ich habe davor vielleicht in einer Blase gelebt, ohne das schlecht machen zu wollen.

Da war Ihre eigene Kindheit ganz anders …

Mein Vater war Maurer. Wir hatten beim Haus auch eine kleine Landwirtschaft. Mit der Mutter haben wir als Kinder immer auf dem Feld mitarbeiten müssen. Es war im Rückblick für mich trotzdem eine unbeschwerte Kindheit. Wir hatten damals in der Volksschule wenig Hausaufgaben gehabt. Da haben wir jeden Mittag mit den Klassenkameraden und welchen aus anderen Klassen im Wald oder im Dorf gespielt. Dann kam ich aus dieser ländlichen Idylle ins Internat, ins Martinihaus nach Rottenburg.

War das schon eine gewisse Weichenstellung für den Priesterberuf?

Es war nicht so, dass wir auf den Priesterberuf hin getrimmt worden wären. Man hatte völlige Freiheit - übrigens auch von meinen Eltern. Mein Vater hat zu mir vor dem Abitur gesagt: Du weißt, du kannst, studieren, was du willst. Du weißt aber, dass die Mama und ich uns freuen würden, wenn … Im Konvikt in Rottweil hat man dann schon eher darüber gesprochen, wohin der Weg geht.

Dieser Weg führte Sie in einer spannenden Zeit zum Theologiestudium nach Tübingen …

Wir waren der erste Kurs, der im April 1966 mit dem Einzug den Hausschlüssel vom Wilhelmsstift bekommen hat. Das war neu. Die anderen mussten da immer noch fragen. Wir konnten kommen und gehen, wie wir wollten. Es war auch gewünscht, dass man das fünfte und sechste Semester auswärts studiert an einer anderen Uni und nicht in einem kirchlichen Internat wohnt. Und das war gut so. Ein befreundeter Mitstudent hat mich gefragt: Du, ich geh nach Paris. Gehst du mit? Wir waren dann zu viert. Ich musste allerdings noch schnell Französisch lernen.

Das war dann im Sommer 1968?

Ja. Obwohl das Semester erst im Oktober begann, sind wir schon im Juli eingereist. Eine Woche vorher war der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Prag. Dann hat meine Mutter gesagt: Jetzt gibt es Krieg, du kannst nicht gehen. Wir sind trotzdem gegangen. Schon in Straßburg an der Grenze haben sie uns vier Stunden aufgehalten. Dann war es aber gut. Wir waren zuerst in Paris und haben dann noch eine Rundreise gemacht über Bordeaux, Biarritz nach Marseille und über Lyon wieder zurück.

Haben Sie auch die Studentenunruhen mitbekommen?

Ich habe die 68er voll miterlebt in Tübingen. Es gab auch bei den Theologen Sit-ins und Störungen bei den Vorlesungen. Als ich von Paris zurückkam, war Professor Ratzinger gerade weg. Ich habe die Zulassungsarbeit dann bei Professor Rief geschrieben in christlicher Soziallehre. Professor Rief ging später auch nach Regensburg. Er hat sich mit Ratzinger gut verstanden.

Hatten Sie später nochmals Kontakt zu Joseph Ratzinger?

Ich war als Weihbischof mal in Rom bei Papst Benedikt. Das war kurz nach seiner Wahl nach der großen Mittwochsaudienz. Er sagte: Wir kennen uns, Sie haben ja bei mir studiert. Er hat sich gefreut, mit mir deutsch reden zu können. Dann meinte er: Das Examen haben sie aber nicht bei mir gemacht. Nein, sagte ich, da waren Sie schon in Regensburg. Dann haben sie es bei Küng gemacht? Dann habe ich ja gesagt. Sein Kommentar: Das hat auch nichts geschadet. Und ich dachte: Wie soll ich das jetzt auffassen?

Auch wenn vieles in meinem Leben anders gekommen ist, als ich es mir vorgestellt habe, habe ich doch meine innere Freiheit bewahrt und bin mir selbst treu geblieben.

Wir waren ja gerade noch bei Ihrem Studium. Später kamen Sie nochmals nach Tübingen zurück …

Ich war noch keine zwei Jahre Vikar, da brauchte Bischof Leiprecht einen neuen Sekretär. Das war nicht in meinem Horizont. Trotz meiner Vorbehalte hatte ich ein gutes Gespräch mit dem Bischof. Er hatte mich mit „Herr Vikar“ begrüßt und mit „Herr Sekretär“ verabschiedet. Bischof Moser hat mich dann übernommen. Eines schönen Tages sagte er, er brauche einen Repetenten in Tübingen Ich solle dort promovieren. Ich wollte lieber in eine Gemeinde gehen. Die Gemeinde stecken Sie sich an den Hut, hat er gesagt.

Promoviert haben Sie dann bei Professor Walter Kasper. In dieser Zeit bekamen Sie wieder Aufgaben, die Sie so nicht auf dem Schirm hatten …

Kasper fragte mich eines Tages, ob ich bei ihm Assistent machen würde. Das war ich dann fünf Jahre und habe meinen Doktor gemacht. Da hatte sich Bischof Moser schon gemeldet: Machen Sie fertig. Ich brauche einen Regens für das Priesterseminar. Nach dem Tod Mosers wurde Kasper Bischof. Und als Weihbischof Kuhnle gegangen ist, hat er als Nachfolger den genommen, den er am besten gekannt hat. Er hat zu mir gesagt, ich solle hinausgehen in die Gemeinden. Das sei ganz wichtig, dass man die Bischöfe draußen erlebt und sieht. Und so habe ich es dann gehalten.

So waren Sie also auch als Weihbischof ein Seelsorger nah bei den Menschen?

Und nah bei den Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Gut war, dass ich als Referat die Ausbildung der pastoralen Berufe bekommen habe. In der Bischofskonferenz war ich in der Kommission „geistliche Berufe und kirchliche Dienste“. Ich hatte da die spezielle Beauftragung für den ständigen Diakonat in Deutschland gehabt. Das habe ich 15 Jahre gemacht. Später bin ich dann noch in die Kommission „Ehe und Familie“ gegangen.

Was war Ihre anstrengendste Zeit hier in der Diözese?

Das waren die 15 Monate als Administrator zwischen Bischof Kasper und Bischof Fürst. Da hat mir Prälat Redies viel geholfen. Den hatte ich ja zum Ständigen Vertreter gemacht. 2000 kam die Wahl von Bischof Fürst. Mit ihm war ich 17 Jahre als Weihbischof im Dienst. Das silberne Bischofsjubiläum habe ich noch gefeiert, wollte aber schon frühzeitig aufhören.

Hier ging es dann ja tatsächlich nach Ihrem eigenen Wunsch: Sie durften wie Priester mit gut 70 Jahren in den Ruhestand, nicht erst mit 75 wie Bischöfe. Wie sehen Sie die 80 Jahre im Rückblick?

Auch wenn vieles in meinem Leben anders gekommen ist, als ich es mir vorgestellt habe, habe ich doch meine innere Freiheit bewahrt und bin mir selbst treu geblieben. Wenn ich jetzt im Ruhestand mit den Gemeinden Gottesdienste feiere, lebt schon etwas von meinem ursprünglichen Traum des Gemeindepfarrers, obwohl die Zeit heute eine ganz andere ist. Das spüren die Menschen. Bei den Taufen erkläre ich immer genau, was ich mache, so dass man es versteht. Neulich kam nach der Taufe ein Mann zu mir. Er sei aus Stuttgart und nicht katholisch, aber ich hätte ihm das jetzt richtig gut erschlossen, was Taufe bedeutet. Und er hat sich dafür bedankt.
 

Zur Person

  • 31.05.1946 geboren in Horb-Grünmettstetten
  • 1957 Studienheim Martinihaus
  • 1962 Bischöfliches Konvikt Rottweil
  • 1966 Abitur
  • 1966-1970 Studium der Katholischen Theologie an der Universität Tübingen und am Institut Catholique in Paris
  • 27.03.1971 Diakonatsweihe, dann Diakon in St. Elisabeth Ulm
  • 18.03.1972 Priesterweihe in Rottenburg
  • 1972-1974 Vikar in Liebfrauen Stuttgart-Bad Cannstatt
  • 1974-1977 Bischöflicher Sekretär bei den Bischöfen Carl Joseph Leiprecht und Georg Moser
  • 1977-1980 Repetent am Tübinger Wilhelmsstift
  • 1980-1985 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen
  • 1986 Promotion bei Professor Walter Kasper über „Eine Theologie des Lebens - Grundzüge im theologischen Denken Karl Adams“
  • 1987-1991 Regens im Rottenburger Priesterseminar
  • 06.06.1991 zum Weihbischof von Rottenburg und Titularbischof von Edistiana ernannt von Papst Johannes Paul II. 
  • 01.07.1991 Domkapitular
  • 31.08.1991 Bischofsweihe
  • 1991 Leiter des Referats Ausbildung der pastoralen Berufe
  • 01.06.1999-16.09.2000 Diözesanadministrator
  • 01.09.2004-07.07.2015 Domdekan
  • 2004 Leiter der Hauptabteilung VIIIa Liturgie mit Kunst und Kirchenmusik
  • 31.08.2016 Silbernes Bischofjubiläum
  • 25.04.2017 Verabschiedung als Weihbischof und Ruhestand in Grünmettstetten
  • 18.3.2022 Goldenes Priesterjubiläum

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