Kultur

Wo Dalí dem Expressionismus nahe kommt

Museumsleiterin Melanie Prange freut sich, die „Biblia Sacra“ von Salvador Dalí in den Räumen des Diözesanmuseums zeigen zu können. Bild: Gregor Moser

Im Interview: Melanie Prange, Leiterin des Diözesanmuseums, über die kommenden Ausstellung "Biblia Sacra" von Salvador Dalí.

Frau Prange, der Bilder-Zyklus „Biblia Sacra“ wird mit der Ausstellung im Diözesanmuseum erstmals in Baden-Württemberg und erst das dritte Mal überhaupt öffentlich ausgestellt. Wie kommt das?

Man glaubt zu Dalí ist alles gesagt. Die Biblia Sacra zeigt, dass dies nicht so ist, denn sie wurde weder publizistisch noch ausstellungstechnisch bis jetzt umfassend gewürdigt. Das liegt wohl daran, dass man die tiefgründige und ersthafte Auseinandersetzung mit den biblischen Inhalten einem Provokateur mit großem Hang zur Selbstinszenierung wie es Dalí war nicht zutraut.

Wie wird die Biblia Sacra in der Fachwelt bewertet?

Trotz der hohen künstlerischen Qualität und der theologischen Dichte der Biblia Sacra ist deren Rezeptionsgeschichte erstaunlich gering. Erst in den letzten Jahren hat eine intensivere kunsthistorische Forschung zum Zyklus begonnen. Ziel unserer Ausstellung und dem hierzu erscheinenden Katalog ist es daher, Dalís Biblia Sacra einem breiteren Publikum bekannt zu machen und zugleich weitergehende Forschung zu stimulieren.

Dali hat sich ja nicht nur in der Biblia Sacra mit biblischen und religiösen Themen beschäftigt. Wie ordnen Sie diese Auftragsarbeit daher in das Gesamtwerk Dalis ein?

Zunächst einmal ist wichtig zu erwähnen, dass die 105 Illustrationen zur Biblia Sacra den größten Bildzyklus in Dalís künstlerischer Karriere darstellen. Die zahlreichen Bezüge und Bedeutungsebenen, die er in seinen Bildern öffnet, zeigen, dass er sich intensiv mit den biblischen Inhalten auseinander gesetzt haben muss – auch wenn der Auftraggeber Giuseppe Albaretto ihm Impulse gegeben haben mag. Ohne eine eigene Durchdringung der biblischen Texte aber auch theologischer Theorien wäre ihm eine so überzeugende ästhetische Umsetzung der Inhalte sicherlich nicht gelungen. Diese Komplexität unterscheidet die Bibelillustrationen von dem Großteil seiner anderen religiösen Gemälde, die stark vom spanischen Mystizismus beeinflusst sind.

Die Lithografien entstanden nach Aquarellen von Dali. Wie ist deren künstlerischer Wert einzuordnen?

Die malerische Umsetzung der Bibelinhalte ist außergewöhnlich. Man kann Dalís Biblia Sacra zusammen mit Marc Chagalls Bildern zur Bibel ohne weiteres als wichtigste Bibelillustration des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Das liegt, wie soeben angesprochen, an der intellektuellen Durchdringung der Inhalte, die mit einer Vielfalt an malerischen Stilmitteln, einer Rezeption und zugleich einer Neuinterpretation klassischer christlicher Ikonographie und einer hohen Verdichtung der Motive malerisch umgesetzt wurden.

Wie kam es überhaupt zur Entstehung der Aquarelle?

Die Bibelillustrationen waren eine Auftragsarbeit von Dalís Freund, dem italienischen Theologen Giuseppe Albaretto und dessen Frau Mara. Wie zuvor schon erwähnt, ist jedoch davon auszugehen, dass Dalí bei der Realisierung völlig frei war und aus dem großen künstlerischer Repertoire schöpfte, das er sich in seiner langen Laufbahn bereits erarbeitet hatte – man kann sagen, dieses Repertoire zum ersten und einzigen Mal in der Form anwandte und umsetzte wie in der Biblia Sacra. Das lässt sich besonders eindrücklich an Dalís Darstellungen zur Passion nachvollziehen: Wie er es schafft, den Übergang von der irdischen Leiblichkeit Jesu Christi in eine himmlische Existenz zu verwandeln – das ist nicht nur intellektuell und ästhetisch anspruchsvoll, sondern auch tief berührend.

Was sind die besonderen Merkmale der Arbeiten?

Mit dem Werk des vielseitig tätigen Künstlers verbindet man meist surreale Weltansichten in hyperrealistischer Darstellung. Von dieser Malweise löste sich Dalí beim Bibelzyklus. Charakteristisch ist hier die Verbindung von großflächiger, farbintensiver Aquarellmalerei in changierender Farbintensität mit Kreide- und oder Federzeichnung. Farbe und Farbauftrag sind mit die wesentlichen Ausdrucksträger, womit Dalí dem Expressionismus ungewohnt nahe kommt. Durch den Einsatz von farblichen Bezügen weist der Künstler weit über das Dargestellte hinaus und verknüpft die Einzelszenen miteinander. Daneben fasziniert die Bandbreite seiner Motivik in unterschiedlichen Abstraktionsstufen. Sie bedient sich der christlichen Kunstgeschichte, Erkenntnissen der Psychoanalyse und der symbolistischen Kunst sowie einiger Selbstzitate aus seinem bisherigen Schaffen.

Mit der Dali-Ausstellung werden im Diözesanmuseum Arbeiten eines Malers von Weltrang zu sehen sein. Gab es das schon einmal?

In der Vergangenheit gab es schon mehrfach Ausstellungen mit sehr hochrangigen und einzigartigen Kunstschätzen – die Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald wäre hier zum Beispiel zu nennen. Bei unserer letzten Ausstellung „Engelwelten“ konnten wir unserem Publikum jahrtausendealte Artefakte aus Ägypten und dem Alten Orient präsentieren, die ebenfalls von hohem Wert waren. Aber natürlich ist der Name Salvador Dalí ein Markenzeichen und  zumindest ein Teil seines Werks weltweit bekannt. Daher sind wir über die Realisierung der Ausstellung sehr glücklich, die uns der Leihgeber Richard H. Mayer, Kunstkantor Bamberg, möglich macht – in konservatorischer und finanzieller Hinsicht.

Sehen Sie einen Filmbeitrag zum Thema unter: https://kip-tv.de/

Termine:

Die Vernissage von „Salvador Dalí – Biblia Sacra“ ist am Sonntag, 6. Oktober, im Diözesanmuseum in Rottenburg a.N.. Beginn ist um 15 Uhr. Die Ausstellung endet am Sonntag, 12. Januar 2020, 17 Uhr, mit einer Finissage. ­Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm.