Bischof Dr. Gebhard Fürst: 'Biotechnologie und Lebenswissenschaften, oder: Der Mensch und seine Unverfügbarkeit' 2001

Heilbronn

Sehr geehrter Herr Rektor Peter, sehr geehrter Herr Kreisdekan Westenfeld, sehr geehrter Herr Dekan Thomann!

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung, hier heute Abend zu und danach mit Ihnen sprechen zu können. Ich nutze diese Gelegenheit gerne, um Ihnen meine Gedanken zu einem Thema vorzustellen, dessen Bedeutung in dieser Zeit wohl schwerlich überschätzt werden kann.

Ein großer Teil von Ihnen beschäftigt sich im Feld ihrer Wissenschaft mit den aktuellen bioethischen Fragen, sei es in naturwissenschaftlicher oder geisteswissenschaftlicher Perspektive, zudem sehen sich viele von Ihnen auch ganz unmittelbar und praktisch den Herausforderungen, Dilemmata, Ratlosigkeiten ausgesetzt, die die neuen Erkenntnisse und Techniken implizieren: als Mediziner und Forscher, als Politiker, Ethiker und Rechtswissenschaftler. Sie tragen Verantwortung oder streben durch ihr Studium Positionen an, in denen Sie Verantwortung übernehmen und ausüben werden. Verantwortung aber braucht Maßstäbe und Orientierung. Es ist deshalb wichtig, dass wir über die bioethischen Fragen ins Gespräch kommen.

 

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der Gentechnik und Biomedizin zeichnen sich tiefgreifende kulturelle und zivilisatorische Veränderungen ab. Nie wußten wir so viel, nie konnten wir so viel wie heute. Aber wollen wir alles wissen, was wir wissen können? Und sollen oder dürfen wir alles tun, was wir können bzw. tun könnten? Ich vertrete die katholische deutsche Bischofskonferenz in dem jüngst eingerichteten Nationalen Ethikrat, der die ethischen Fragen und Argumente im Umkreis der 'Lebenswissenschaften' reflektieren soll. Zu den Lebenswissenschaften zählen unter anderem die Biowissenschaften mit den Agrarwissenschaften und der Bioinformatik, die Biomedizin und die Pharmazie. Die Lebenswissenschaften werden unser Wissen über den Menschen erweitern und wecken so viele Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Neue Erkenntnisse fordern aber die Prüfung, ob deren Nutzung ethisch verantwortet werden kann.1

Ich möchte hier in einem ersten Schritt zunächst den Begriff 'Lebenswissenschaften' kritisch hinterfragen, weil ich glaube, dass er von einem allzu simplen, positivistischen Begriff von 'Leben' ausgeht und dabei schon in der Begriffsverwendung Vorentscheidungen getroffen werden, die weitgehende inhaltliche Auswirkungen habe.

1. Die Philosophie und das Leben. Deutungen

Gegen eine verkürzende Betrachtung muß eine Entfaltung des Begriffs Leben in anthropologisch-ethischer Absicht zunächst von den wesentlichen Sinnaussagen der philosophischen Tradition ausgehen. Das Grundaxiom philosophischer Überlegungen aber kann so gefaßt werden: Leben ist mehr als biologisch-naturales Leben.2Die griechische Sprache verfügte mit ‘zoe’ über einen biologisch-empirische Lebensbegriff, dem mit ‘bios’ ein erheblich umfassenderer Lebensbegriff zur Seite stand. Er diente als Synonym für die Lebensform, die Lebensdauer, die Lebensart oder den Lebenswandel. ‘Bios’ kennzeichnet aber nicht nur sehr pointiert das alltägliche und gewöhnliche Leben von Menschen, ihre Lebensweise3, er spielt auch in den philosophischen Überlegungen - als Gegenbegriff zu ‘zoe’- eine zentrale Rolle. Nicht von ungefähr werden auch das konkret gelebte Leben, der ‘bios’, und das Wissen um das gute Handeln zusammengesehen. Als beispielhaft für dieses Verständnis gelten die Lehre und das Leben des Sokrates. Die Bedeutungsbreite von ‘bios’ ermöglicht es, dem Leben ganz gezielt eine aktive Rolle zuzusprechen. Bereits die antiken Philosophien vertraten die Vorstellung vom Leben als Gut sowie die Gleichsetzung der Glückseligkeit mit dem Leben im Sinne von ‘bios’.4Leben wird von hier aus als sittliche Lebensform verstanden.

Das Leben aber beinhaltet die Fertigkeit, mit sich umzugehen, mit sich hauszuhalten zu können. Dieser Zusammenhang wurde schon in der Antike als 'gutes Leben' verhandelt.5Deutlich wird der sittliche Aspekt dieses Lebensverständnisses auch durch einen etymologischen Hinweis auf das griechische Wort ‘ethos’, die Wohnung, die Übersicht oder die Gewohnheit. Von der Bedeutung der Wohnung aus liegt die Interpretation des ‘ethos’ als ‘Haushaltung des Lebens’ nahe. Diese Nähe von Wohnung und Lebenshaushaltung kennzeichnet auch die moderne Diskussion um sittliche Lebensformen, um Muster, an denen sich Menschen in ihrem Leben und sittlichen Handeln orientieren können.6Lebensformen bezeichnen einerseits den Ort, an dem sittliches Handeln erzeugt wird, andererseits konkretisieren sie den ethischen Anspruch und bringen ihn zum Vorschein.

Diese Überlegungen wie auch die vorangegangenen philosophischen Interpretationen des Lebens verdeutlichen, dass dem Leben nicht nur eine enorme Relevanz, sondern auch eine erstaunliche Bedeutungsbreite zukommt. Sie belegen darüber hinaus die Evidenz des Lebens für die ethische Auseinandersetzung. Das heißt zusammengefaßt: In der Weise und dem Mass, in dem wir 'Leben' auffassen, sind unsere ethischen Grundhaltungen bereits deutlich vorbestimmt, eine wichtige Erkenntnis, die ich mit einem Blick auf den biblischen Befund noch bekräftigen möchte.

2. Das theologisch gedeutete Leben

Die Reflexion des Lebens ist keineswegs nur eine Domäne der Philosophie. Auch die jüdisch-christliche Tradition hat sich dem Begriff des Lebens zugewandt und ihn als einen wesentlichen Terminus theologischer Arbeit begriffen. Das zeigen sowohl die biblischen Texte als auch die theologiegeschichtlichen Positionen. Wie in der Philosophie ist das Interesse, das Religion und Theologie dem Leben entgegenbringen, vor allem anthropologisch-sittlicher Art. Verankert wird die Deutung des Lebens jedoch theologisch: in Gott.

Gott als Schöpfer des Lebens. Die jüdisch-christliche Vorstellung betrachtet das Leben kontextuell. Gott wird als der Grund allen Lebens verstanden. Aus dem Vertrauen auf diesen Grund lebt das Ja des Menschen auch zum provisorischen und fragmentarischen Leben.7

Leben und rechtes Handeln. Vor allem im Alten Testament wird immer wieder ein Grundgedanke betont: Derjenige Mensch lebt, der die Gebote einhält und dem Weg der Weisheit folgt. Das rechte Handeln erläutert somit den Begriff und die Sache des Lebens. Leben bedeutet also auch in der theologischen Tradition mehr als bloßes Existieren in einem biologischen Sinne. Leben ist vielmehr ein religiös-ethischer Begriff, der mit dem rechten Handeln, dem Tun der Gerechtigkeit verknüpft ist und durch diese Bestimmung inhaltlich gefüllt wird (Dtn 16,20).

Das Neue Testament verengt den Horizont der Betrachtung, indem es die Lebensthematik in den Kontext der Reich-Gottes- und der Auferstehungsbotschaft stellt.8Die konkrete Gestaltung des Lebens und das Lebensziel können nicht unabhängig voneinander gedacht werden, Lebenskontext und Handlungsintention gehören zusammen.

Schließlich insistieren die biblischen wie nicht-biblischen apokalyptischen Texte auf der Bedeutung des rechten Lebens. Sie fordern den Einzelnen auf, im Angesicht des nahen Endes die richtigen Lebensakzente zu setzen, sich für das Leben und damit für das richtige Urteilen und Handeln zu entscheiden.9Leben ist allerdings nicht machbar, besitzt keine Qualität, die der Menschen selbst gewinnen könnte. Gott entzieht, als Grund des Lebens, dem Menschen das Ganze des Lebens.

Die neutestamentlichen Autoren knüpfen an das alttestamentliche Verständnis von der Relationalität des Lebens an: Nur der lebt, der in der rechten Beziehung zu Gott beziehungsweise Christus existiert (Joh 1,1-4; 6,48). Diese rechte Beziehung drückt sich in konkreten Optionen aus, die durch die jesuanischen Handlungen zur Überwindung von Ausgrenzungs- und Unterdrückungssituationen sowie das handgreifliche Miteinander von Heil und Heilung in den Wundergeschichten anschaulich illustriert werden.

Alt- und neutestamentlich, so kann eine vorsichtige Zusammenfassung lauten, sind drei Aspekte für das Verständnis des Lebens grundlegend. Erstens hängt das Leben im umfassenden Sinn von Gott ab. Er hat nicht nur das Leben jedes Menschen in der Hand, sondern schafft durch seine Weisungen auch die Möglichkeit des rechten Lebens. Dadurch bestimmt sich zweitens das Leben als Beziehungsbegriff, es ist ohne die Relation von Gott und Mensch nicht denkbar. Darauf weist auch die positive Zuordnung von Gesetz und Leben, von allgemeiner Vorschrift und individueller Lebensgestaltung hin.10Mit der Abhängigkeit von Gott und der Relationalität des Lebens verbindet sich drittens eine Gestaltungsverantwortung für das Leben. Leben lebt sich nicht von alleine, sondern muß gelebt, gestaltet werden. Das bedeutet in einem stark religiösen Verständnis, dass nur der richtig leben kann, der sein Leben in Abhängigkeit von Gott versteht. In schwächerer Weise heißt es: Menschen interpretieren sich und ihr Leben anders, je nachdem ob sie ihr Leben als von Gott abhängig und vom ihm verdankt verstehen oder eben nicht.

All diese Überlegungen haben große Auswirkungen auf die ethischen, besonders die bioethischen Diskussionen, setzen diese sich doch fundamental mit dem Leben, seinem Verständnis und vor allem seiner Gestaltung auseinander. Deshalb hier ein dritter Schritt:

3. Ein theologischer Blick auf Mensch und MenschenwürdeDie Unverfügbarkeit jedes Menschen

Die Kirche, meine sehr verehrten Damen und Herren, muß ihre Überzeugungen über den Menschen und seine Würde, über die rechte soziale, ökonomische und staatliche Ordnung im gesellschaftlichen Diskurs geltend machen. Sie versteht sich als Anwalt der Humanität und als Anwalt der Unverfügbarkeit des Menschen. Denn das Leben des Menschen ist nach christlichem Verständnis mehr als eine beliebige biologische Tatsache, nach jüdisch-christlichem Glauben hat Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Und auch "'nichttheologische' Begründungen führen zu der Erkenntnis, dass die Menschenwürde dem Menschen allein schon aufgrund seines Menschseins zukommt und jeder rechtlichen Regelung vorgängig ist. In diesem Sinne bildet das Prinzip der Menschenwürde, in dem die Unantastbarkeit auch der körperlichen Existenz des Menschen verankert ist, zugleich die Grundlage unserer demokratischen Verfassung."11

Diese Dimension des Unverfügbaren, die das Menschsein eigentlich ausmacht, droht heute zugunsten zweitrangiger Ziele aufgegeben zu werden - darauf hat die katholische Kirche vielfach und in der Bundesrepublik Deutschland zuletzt in dem kürzlich erschienenen Papier "Der Mensch: sein eigener Schöpfer?" hingewiesen. Zerbricht der Mensch nicht an jenem Widerspruch, wenn er sich einerseits zum Gott über Leben und Tod von Menschen aufbläht und andererseits zugleich so gering von sich denkt, dass er menschliches Leben bloß noch als verwertbares Biomaterial betrachtet?

Allerdings sind in solch komplexen Fragen weitere Überlegungen notwendig, um konkret bestimmen zu können, wie im konkreten Fall zu handeln ist. "Hier kommt es zunächst auf die Rechtfertigung der Ziele an: Ist das, was man erreichen möchte, moralisch zu billigen oder nicht? Dann sind die Mittel zu prüfen: Ist auch der Weg moralisch vertretbar, mit dem man das Ziel erreichen will? Von hoher Bedeutung ist schließlich auch die Abschätzung der Folgen gentechnischen Handelns: Welcher Nutzen ist zu erwarten, welcher Schaden ist zu befürchten?"12

Im Blick auf die aktuellen bioethischen Fragen sind transnationale Ordnungen und Orientierungen notwendig, zu der die Kirche aufgrund ihrer Geschichte und ihrem Selbstverständnis als weltweite, universale Kirche ihren Beitrag leisten wird. Dabei befürwortet die katholische Kirche die Gentechnik und Biomedizin, wo sie die Würde des Menschen achtet und fördert; sie kann aber auch nicht umhin, auf Gefahren und Folgen hinzuweisen, die sich hieraus ergeben.

Grundlage der christlichen Ethik ist die aus der Gottebenbildlichkeit resultierende Menschenwürde, die auch nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes sowie nach den Verfassungen der meisten europäischen Länder jedem Menschen absolut und unantastbar jenseits aller menschlicher oder staatlicher Verfügung zukommt. Die Menschenwürde ist nicht verdienbar, sie ist aber auch nicht verlierbar. Sie kann nicht von einer durch Dritte taxierbaren Leistungsfähigkeit, Glücksfähigkeit, Sozialverträglichkeit oder ähnlichem abhängig gemacht werden. Es ist ebenso unsinnig auf der grundsätzlichen Ebene wie willkürlich auf der konkreten Ebene, die Menschenwürde und den Anspruch bestimmter Schutzrechte an Vorleistungen binden zu wollen. [Ich kann niemanden überzeugen, mich in meiner Würde zu achten, wenn der andere nicht allein schon darin meine Würde achtet und anerkennt, dass er mich als Gesprächspartner überhaupt ernst nimmt.]

4. Konsequenzen aus Unverfügbarkeit und Menschenwürde für die bioethische Diskussion

Wenn menschliches Leben unter den Zwang der Rechtfertigung seines Existenzrechtes oder seiner Würde gerät, ist eine schiefe Ebene beschritten, auf der es kein Halten mehr gibt - nicht nur am Beginn, sondern auch am Ende des Lebens. Diese Würde des Menschen und das Menschsein sind aber zugleich auch unteilbar, weil die Entwicklung des Menschen und das Menschsein sich als kontinuierlicher organischer Prozeß darstellen, der sich von der Verschmelzung von Ei und Samenzelle über das embryonale Menschsein und die Geburt, über Kindheit und Erwachsenenalter bis hin zu Krankheit, zum Sterben und zum Tode spannt. Es gibt weder naturwissenschaftlich noch anthropologisch eine echte und evidente, von Wertentscheidungen unabhängige Zäsur in der menschlichen Entwicklung. Die Kirche verteidigt hier nicht einen nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung und sieht mit Sorge, dass gerade in vorgeblich modernen und aufgeklärten Gesellschaften diese Prinzipien zugunsten ökonomischer Nutzenkalküle fraglich und disponibel werden.

Das Prinzip der Menschenwürde bedeutet zweitens, dass der Mensch Ziel und Zweck aller gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung sein muß, niemals jedoch als Mittel zu irgendwelchen Zwecken instrumentalisiert werden darf. Was wissenschaftlich und technisch versucht wird, gerade in der Medizin und Pharmazeutik, muß dem Wohl des Menschen, auch dem Wohl der kommenden Generationen nachgewiesenermaßen dienen. Nachgewiesen werden muß, warum etwas im Bereich der Forschung und Anwendung getan wird, und nicht, warum es nicht getan werden soll, oder dass es vielleicht einmal nutzen und vielleicht auch nicht schaden wird. Hier leidet die gegenwärtige Diskussion unter vielen ungedeckten Glückversprechen und Heilsphantasien ebenso wie unter der völligen Unklarheit der kurz- und längerfristigen Folgen der neuen Technik. Ebenso wie "therapeutisches Klonen" nichts mit Therapie, sondern mit der Züchtung von humanem Biomaterial zu tun hat, wird die Präimplantationsdiagnostik viel weniger mit der Hilfe für kinderlose Paare als vielmehr mit der Vermeidung und Selektion von Kranken und Behinderten zu tun haben. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn eine Forschung und Technik, die angeblich dem Menschen dienen will, dafür Menschenleben 'verbraucht'. Die durch eine Gesetzeslücke im deutschen Embryonenschutzgesetz ermöglichte Forschung an importierten embryonalen Stammzellen ist dabei nur der erste Schritt zur Aushebelung des Embryonenschutzgesetzes. [Tatsächlich hat die Gentechnik bislang - ähnlich wie seinerzeit die Nutzung der Atomenergie - viel mehr Probleme geschaffen, als sie gelöst hat (In-vitro-Befruchtung).]

Zum Prinzip der absoluten Menschenwürde gehört drittens auch, dass menschliches Leben in seinem sittlichen Charakter ernst genommen werden muß. Mit anderen Worten: Wie der einzelne Mensch das Recht hat, nicht nur das Produkt einer genetischen Ingenieurskunst zu sein, sondern Kind seiner Eltern, so bedeutet umgekehrt auch Elternschaft nicht nur die Herstellung eines genetisch möglichst hochwertigen Nachkommen, sondern ist Ausdruck einer sittlichen und sozialen Beziehung. Menschen werden gezeugt und nicht geschaffen. Ein Kind ist keine Ware, für die bei Mangelhaftigkeit Schadensersatz geltend gemacht werden könnte. Es ist eine grausame Zumutung für einen Menschen, in dem Bewußtsein leben zu müssen, nach ganz bestimmten erfolgversprechenden genetischen Anlagen zum Leben auserwählt worden zu sein und sich entsprechend entwickeln zu sollen.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Was ich Ihnen eben vorgetragen habe, sind zentrale Bezugspunkte für eine ethische Orientierung in den Fragen der biologisch-medizinischen Forschung und Anwendung.

Lassen Sie mich abschließend auch aus meinen Erfahrungen im politischen Diskurs, wie er bisher geführt wird, eines nochmals betonen. Wir alle sind aufgerufen: Jeder Bürger und jede Bürgerin, (insbesondere) die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch, die Künstlerinnen und Künstler und alle die für unser Gemeinwesen und für die Kultur, insbesondere die politische Kultur und die Rechtskultur Europas Verantwortung tragen, dass wir uns zu diesen entscheidenden bioethischen Fragen ein verantwortliches Urteil bilden.

Die katholische Kirche hat immer und immer wieder in den vergangenen Jahren eine breitere und transparentere öffentliche Diskussion dieser Fragen gefordert. Eine solche Diskussion hat inzwischen begonnen, und dies begrüßen wir, dies begrüße ich ausdrücklich. Wichtig ist aber auch ein Zweites: Ethik läßt sich nicht an wissenschaftliche Ethikzentren und nationale Ethikräte oder Ethikkomitees in Krankenhäuser oder sonstwohin delegieren. In der ethischen Verantwortung kann man sich nicht vertreten lassen. Der Ethikrat wird auch ganz gewiß nicht, wie manche Politiker gemeint haben, einfach grünes oder einfach rotes Licht zu bestimmten Fragestellungen geben. Der Ethikrat ist kein gesetzgeberisches Instrument. Ein Ethikrat funktioniert nicht wie eine Ampel, an der man bei Rot stehen bleiben muß und bei Grün fahren darf - und bei gelb noch schnell drüberfährt. Worum es allerdings geht, ist, dass wir alle wichtigen Sachinformationen und alle ethischen und moralischen Argumente sammeln, um so denjenigen, die Verantwortung tragen, die autonome und sachgemäße Urteilsbildung zu ermöglichen.

Das Potenzial der Gentechnik verführt die einen zu einer Machbarkeits-Euphorie, die anderen zu einer völligen Ablehnung, beides sind falsche Extreme: Es gilt, in dieser Zeit in hohem Masse Sensibilität und moralische Kompetenz fortzuentwickeln. Ethisch richtige Ziele und Methoden in der Gentechnik dürfen und müssen unterstützt werden, falsche Zielsetzungen der Gentechnik allerdings gilt es zu durchschauen und weder alles zu glauben, was sie verspricht, noch alles zu tun, was sie ermöglicht. Insbesondere gilt es, die Würde des Menschen, die Grundrechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit, ebenso wie die Selbstbestimmungsrechte und die Persönlichkeitsrechte zu achten und so einer Kultur des Lebens zum Durchbruch zu verhelfen.

Eine solche Kultur des Lebens erfordert konkret geradezu einen kategorischen Imperativ, stets die menschendienliche Perspektive im Auge zu behalten. Im Blick auf die Forscher heißt das etwa, die Chancen und Risiken eines Forschungsgegenstandes verantwortungsbewusst zu überprüfen, einer sorgsamen Folgenabschätzung zu unterziehen und über das Tun gewissenhaft Rechenschaft abzulegen. Das Parlament ist gefordert, durch entsprechende Gesetze der Komplexität, den Risikodimensionen, den Zukunftswirkungen und den ethischen Implikationen der Gentechnik Rechnung zu tragen.

"Der christliche Glaube bewahrt uns vor Machbarkeits- und Erlösungsphantasien, die an wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften angehängt werden."13Er kann uns so auch Orientierung bieten, wenn es um die Anerkennung moralisch bedenklicher Ziele sowie moralisch falscher Mittel.

Wie Johannes Paul II. in seiner Enzyklika 'Fides et ratio' schreibt, sind Glaube und Vernunft die "beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt".14Was wir im Glauben annehmen, steht der Prüfung durch die Vernunft durchaus offen gegenüber. Wo sich die Vernunft jedoch auf eine bloß positivistische Lehre der Machbarkeit und Verwertbarkeit reduziert, ist gerade der Glaube aufgefordert, im Namen der Wahrheit kritischen Widerstand zu leisten. Um im Bild zu bleiben: Mit nur einem Flügel wird der Weg des Menschen in eine verantwortete Zukunft nicht gelingen können.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, meine abschließende Bitte ist daher von besonderer Dringlichkeit. Alle, die in Kirche und Gesellschaft Sorge tragen für eine bessere Erfassung der angesprochenen Probleme, sind dazu aufgerufen, den Fortschritt der Lebenswissenschaften mit Verantwortung, Sensibilität und kritisch-konstruktivem Engagement zu begleiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

1Vgl. 'Der Mensch: sein eigener Schöpfer', Wort der Deutschen Bischofskonferenz (DB 69) zu Fragen von Gentechik und Biomedizin, 2001, 2.

 

2 Vgl. Hörz: Leben/Tod, Wolters u.a.: Leben, Hadot u.a.: Leben, Sundermeier u.a.: Leben, Löw u.a.: Leben.

 

3 Hadot u.a.: Leben 52, 62. Im Mittelalter umfaßt der Begriff der ‘vita’ dieses allgemeine Verständnis des Lebens im Sinne der Lebensweise.

 

4 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik 1095b14 - 1096a5.

 

5 Diese Parallelisierung leugnet keineswegs die Unterschiede in den Ethikkonzeptionen Kants oder Aristoteles’. Deutlich werden soll nur, dass hier wie dort Leben explizit ethisch verstanden wird.

 

6 Vgl. hierzu und zum folgenden Honnefelder: Krise 16-21.

 

7 So Ex 20,2 und Dtn 5,6. Vgl. dazu auch Mieth: Leben III. Theologie 856-857.

 

8 Sundermeier u.a.: Leben 527.

 

9 Vgl. Münchow: Ethik.

 

10 Siehe Sundermeier u.a.: Leben 524-526.

 

11Ebd. 4.

 

12Ebd.

 

13DBK 69, 10f.

 

14Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika „Fides et ratio„ vom 14. September 1998 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 135), S. 5.