Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2001

Was Jesus Christus getan hat, hat er für uns Menschen getan. Und was und wer er war und sein wollte, wollte er für uns sein. In diesem „Für uns“ verwirklicht sich die in Jesus gegenwärtige göttliche Liebe. Durch ein Leben der Selbsthingabe bis zum Letzten hat Jesus uns eine neue Weise zu leben erschlossen: Leben und da sein für andere. Zu diesem neuen Lebensstil lädt er uns alle ein.

Um unseres Heiles willen

Liebe Schwestern und Brüder!

"Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde."1 Diese Worte voller Dankbarkeit schreibt Paulus in seinem Brief an seine Mitchristen in der Gemeinde von Korinth. Auch ich habe Grund, Ihretwegen Gott dankbar zu sein. Ich danke Gott für das, was ich in den letzten Wochen und Monaten seit meiner Bischofsweihe in unserer Diözese an lebendigen, vom Geist Jesu Christi gewirkten Gnadengaben unter Ihnen und durch Sie erleben durfte. Ich danke Ihnen für Ihren lebendigen Glauben und für Ihr Glaubenszeugnis!

Bei meinen zahlreichen Begegnungen mit Gemeinden, mit jungen und alten Menschen, mit Frauen und Männern, mit ehrenamtlich Tätigen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Berufsgruppen und kirchlichen Einrichtungen habe ich hautnah erleben können, wie reich wir in unserer Diözese sind: reich an Charismen, an Geistesgaben, an Glaubenserfahrung, an Bereitschaft, an Offenheit und Engagement für das Reich Gottes. Bei allen habe ich gespürt, dass sie für andere Menschen dasein wollen, die in Not geraten sind, die leidvolle Erfahrungen machen mussten und das ermutigende Zeugnis unserer Hoffnung brauchen. In solchen Situationen Menschen nahe zu sein, ihnen hilfreiche Nähe zu schenken, und so ihre "Freude und Hoffnung ihre Trauer und ihre Angst zu teilen"2 – darum bemühen sich viele, viele Christinnen und Christen in unseren Gemeinden. Sie verkünden mit Herz und Mund und Hand, in heilsamen Begegnungen und Beziehungen Gottes Menschenfreundlichkeit und Güte. Sie machen Gottes Heil für uns und unter uns heute gegenwärtig.

Um unseres Heiles willen

Das alles möchte ich gemäß meinem Wahlspruch "Um unseres Heiles willen" aufmerksam wahrnehmen, aufgreifen, zusammenführen, sichtbar machen und als Ihr Bischof fördern und begleiten. Mein Wahlspruch ist dem Großen Glaubensbekenntnis3 entnommen. Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist Gott in Jesus Christus zu uns in unsere Welt gekommen. Das bekennen wir vertrauensvoll und wissen uns darin untereinander verbunden. Dieses Wort gibt uns Menschen als Ziel des Handelns Gottes an: Für uns Menschen handelt Gott. Und dieses Wort gibt die Absicht der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus an: In allem geschieht die Menschwerdung zu unserem Heil. Unser oft zerrissenes und verletztes Leben soll in umfassender Weise ganz werden, gelingen und heil sein – jetzt und heute, aber auch durch den Tod hindurch im neuen Leben in Gottes Gegenwart. Das Wort "Um unseres Heiles willen" lenkt die Aufmerksamkeit auf Jesus, der unter uns Menschen gelebt hat. Es verweist uns auf sein heilsames und Heil wirkendes Handeln an uns und erschließt uns die Mitte der Sendung Jesu. Ihn bekennen wir als den Christus, dessen erlösende und heilende Botschaft das Herz möglichst vieler Menschen erreichen und verwandeln will. Dabei dürfen wir sicher sein, dass Gottes Wille sich auf das ganzheitliche Heil des ganzen Menschen und auf das umfassende Gelingen unseres Lebens richtet. Wie die Verwirklichung dieses Willens Gottes aussieht und geschieht, zeigt sich uns in Jesus Christus.

Jesus Christus ist für uns Menschen um unseres Heiles willen da

Richten wir unseren Blick also immer wieder auf Jesus Christus, der unter uns Menschen gelebt und sich für uns hingebeben hat. Er hat für uns Menschen gelebt und gehandelt. Damit wir heil werden und Heil erlangen, ist er uns Menschen nahegekommen. Wie ein roter Faden  zieht sich dieses "Für uns Menschen und um unseres Heiles willen" durch das irdische Leben Jesu. Die Nähe zu den Menschen – besonders zu den bedrohten, verletzten, leidenden und abgeschobenen Menschen – ist wie ein Grundmuster seines Lebens:

 

  • Jesus sucht die Gemeinschaft mit den Missachteten, um sie aus ihrer bedrohten, unheilen, leidvollen Situation zu befreien.  Auf sie geht er zu und schenkt ihnen seine heilsame Nähe.
  • Jesus wendet sich Menschen zu, von denen sich die anderen abwenden. Gerade ihnen ist er nahe und ergreift für sie Partei. Er steht zu denen, die es schwer haben, die ohne Ansehen sind, die in den Augen vieler Frommen gottlos leben.
  • Jesus vergibt Schuld, um deretwillen die Menschen gebrandmarkt werden und setzt sich dafür ein, stigmatisierte Menschen wieder gemeinschaftsfähig zu machen und von ihrer Isolierung zu heilen.
  • Jesus weiß sich gesandt, die "gebrochenen Herzen" zu heilen und den mit der Todeswunde geschlagenen Menschen zu sich selbst zu erheben.4

Weil Jesus das alles und noch viel mehr tut, verkündet der Evangelist Lukas die frohe Botschaft: "Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und heil zu machen, was verloren war."5

Das Reich Gottes ist nahe

Liebe Schwestern und Brüder! In solchem Handeln Jesu an uns Menschen zu unserem Heil kommt Gottes Reich uns nahe. Wenn Jesus den Menschen nahe kommt, ereignet sich nichts Nebensächliches. Vielmehr verwirklicht sich darin das Zentrum seiner frohen Botschaft: das Ereignis der Nähe des Reiches Gottes mitten unter uns. Dies meint Jesus, wenn er ausruft: "Nahe gekommen ist das Reich Gottes!"6 In Jesus Christus erscheint Gottes heilsame Nähe leibhaft, mit Fleisch und Blut mitten unter uns, mitten in unserem Leben.

Heilsame Nähe zu Menschen aus der heilsamen Nähe zu Gott

Jesu Kraft zu heilenden Begegnungen stammt aus seiner einmaligen Nähe zum Vater. In einzigartiger Weise war er auf ihn hin offen.7 Immer wieder begab sich Jesus in die Einsamkeit, um mit seinem Vater zu reden und zu ihm zu beten8 und er nennt ihn liebevoll "Abba" – "guter Vater".9 "Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist?", so fragt er im Johannesevangelium.10 Und an einer anderen Stelle heißt es: "Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat."11

Eine neue Weise zu leben: Dasein für andere

Was Jesus Christus getan hat, hat er für uns Menschen getan. Und was und wer er war und sein wollte, wollte er für uns sein. In diesem "Für uns" verwirklicht sich die in Jesus gegenwärtige göttliche Liebe.12 Durch ein Leben der Selbsthingabe bis zum Letzten hat Jesus uns eine neue Weise zu leben erschlossen:  Leben und da sein für andere.13 Zu diesem neuen Lebensstil lädt er uns alle ein.

Der neue Lebensstil der Jünger: heilsames Sprechen und Handeln

… zum Heil der Menschen

Liebe Schwestern und Brüder! Nach einer alten chassidischen Weisheit ist "der Mensch die Sprache Gottes". Durch uns Menschen spricht Gott zu uns und will heilend an uns handeln. Im "Gotteslob" singen wir: "In menschlichen Gebärden bleibt er den Menschen nah."14 Gott braucht uns Menschen. Wir sind seine "Sprache" für unsere Zeit. Er wirkt durch unsere menschlichen Zeichen und Gesten. Auf diese überraschende Wahrheit möchte ich Sie, liebe Schwestern und Brüder hinweisen. Nähe verwandelt! Nähe im Geiste Jesu verwandelt zum Guten. Wertschätzung richtet auf! Zuwendung mobilisiert unsere Kräfte. Solche Nähe ist heilsam!

In einer beziehungsärmer und anonymer werdenden Welt wird die Bereitschaft, einander heilsame Nähe zu schenken, immer wichtiger. Darauf müssen wir auch bei der Ausgestaltung der Seelsorgeeinheiten besonders achten. Geht die Nähe zueinander und die Nähe der Dienste und Ämter zu den Menschen verloren, dann verliert auch unser Glaube an Überzeugungskraft. Weitergabe des in Liebe tätigen Glaubens gelingt nur über die personale Nähe zu den Menschen – das gilt in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, aber auch darüber hinaus. Anders ist unser Glaube heute nicht zukunftsfähig.

Jesus nachfolgen heißt: In seinem Geist und nach seinem Vorbild denen, die auf Distanz gehalten oder aus der Gemeinschaft entfernt werden, Nähe zu schenken. Ihm folgen heißt: denen, die sich wie ausgesetzt empfinden, die draußen vor der Tür stehen, durch mitmenschliche Zuwendung und  heilsame Begegnungen Nähe zu schenken. In der Nachfolge Jesu tragen wir, liebe Schwestern und Brüder, die Kraft zur heilsamen Verwandlung in uns. Wir können heilsam wirken in heilsamen Worten und helfenden Taten. Nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gemeinde insgesamt sind wir eingeladen, den Menschen und ihren Nöten nahe zu sein und so heilend zu wirken.                               

… zum Wohl der Schöpfung

Lassen Sie mich, liebe Schwestern und Brüder, zum Schluss noch zwei Aspekte ansprechen. Heute erkennen wir deutlicher als früher, dass wir unser heilendes Handeln über die Mitmenschen hinaus ausdehnen müssen auf die ganze bedrohte und zum Teil schon beschädigte Schöpfung – auf Wasser, Erde und Luft, auf die Tiere und Pflanzen. Um unser aller Heil willen müssen wir unser gestörtes Verhältnis zur Schöpfung heilen. Wir müssen unsere Beziehung zur Natur, wo sie zerstörerisch ist, in ein heilendes Verhältnis umwandeln. Die Natur, in der wir Christen Gottes Schöpfung erblicken, ist für viele heute nur noch beliebig verfügbares und manipulierbares Material, das allen materiellen Interessen geopfert werden darf. Damit wird aber der Natur Gewalt angetan und der Sinn der Schöpfung missachtet. "Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden […] Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt."15 Diese Worte des Apostel Paulus erhalten heute eine ganz neue Bedeutung.

… zum Heil der gesamten Menschheit

Heute, liebe Schwestern und Brüder, erkennen wir deutlicher als früher, dass wir um unser aller Heil willen unser "heilendes Handeln" auch ausdehnen müssen auf die weltweite Gemeinschaft aller Menschen. Die gestörten Beziehungen zu den armen Ländern dieser Welt müssen geheilt und erneuert werden. Ungerechte Verhältnisse, die Armut hervorbringen und festschreiben, müssen überwunden werden. Auch das ist ein zentraler Aspekt von Gottes Heilshandeln an uns und durch uns. Die für das Heilige Jahr von Papst Johannes Paul II. ausgerufene Kampagne, den überschuldeten Ländern der Dritten Welt Schuldenerlass zu gewähren, gehört in diesen Zusammenhang.

Aus der heilsamen Gegenwart des Auferstandenen leben

Liebe Schwestern und Brüder! Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir dies alles nicht allein aus uns selbst vollbringen müssen. Wir sind ja selbst oft Ausgegrenzte, Verzweifelte, Verlassene und fühlen uns nicht selten wie Verlorene. Wir dürfen gewiss sein, dass Jesus Christus uns die nötige Kraft schenkt. Er hat um unseres Heiles willen alles Übel und Unheil überwunden und ist als der Auferstandene unter uns gegenwärtig. Diese Gegenwart des österlichen Herrn, auf die wir uns in der Fastenzeit vorbereiten, ist für uns eine heilsame Wirklichkeit. Sie schenkt die Kraft, zum Heil der Mitmenschen zu leben und zu handeln. Denen, die er in die Welt sendet, ruft Christus selbst zu: "Seid gewiss: ich bin bei euch, alle Tage bis zum Ende der Welt."16
Wo wir als Gemeinde aus diesem heilsamen Geist, aus der Zusage seiner wirkungsvollen Gegenwart und aus dem Vertrauen darauf leben und verantwortungsvoll handeln, da werden oder bleiben wir als Kirche attraktiv, glaubwürdig und überzeugend; da werden wir durch unser Sein und Handeln zu Botschaftern eines heilsamen und heilenden Glaubens. Dazu lade ich Sie zum Beginn der Österlichen Bußzeit ein. Ich grüße Sie, liebe Schwestern und Brüder, mit herzlichen Segenswünschen

Rottenburg am Neckar, den 5. Februar 2001

Ihr Bischof
+ Gebhard Fürst


Anmerkungen

1  1Kor 1,4.

2  Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" über die Kirche in der Welt von heute, Art. 1.

3  Gotteslob, Nr. 356.

4  Vgl. Eugen Biser, Die Entdeckung des Christentums. Der alte Glaube und das neue Jahrtausend, Freiburg i.Br. 2000, 363.

5  Lk 19,10.

6  Vgl. Mk 1,15; Lk 10,9.11; 11,20; 17,21; Mt  4,17; 10,7.

7  Vgl. Joachim Gnilka, Jesus von Nazareth, Freiburg i.Br. 1993, 135.

8  Vgl. Mk 1,35; 6,31; Lk 5,16; 9,18.

9  Mk 14,36; vgl. Röm 8,15; Gal 4,6.

10 Joh 14,10.

11 Joh 12,45.

12 Dieses "Für uns", so rief Martin Luther in einer Weihnachtspredigt seinen Hörern zu, dieses "Für uns" ist immer und überall hinzuzufügen: "Für wen ist er empfangen und geboren, für wen hat er gelitten und den Tod auf sich genommen? Für uns, uns, uns! ‘Uns’ ist immer hinzuzusetzen!" – Predigt am Christfest-Nachmittag 25. Dezember 1531, in: WA Bd. 34/2, 508.

13 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1951, 205; vgl. M. Seckler, Für uns gelebt und gestorben, in: ders., Hoffnungsversuche, Freiburg i.Br. 1972, 56-61.

14 Gotteslob, Nr. 639, 4.

15 Röm 8,21 f.

16 Mt 28,20b.