Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2002

Vom Licht und von der Kraft des Glaubens in schwieriger Zeit

"Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage
bis zum Ende der Welt"
(Mt 28, 20b)

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor uns liegt die österliche Bußzeit. Sie beginnt mit dem heutigen ersten Fastensonntag und mündet in das Osterfest. Sie ist für mich Anlass, Ihnen allen zu schreiben, Sie herzlich zu grüßen und mit Ihnen über unser Leben als Christen in der heutigen Welt nachzudenken.

Wir alle brauchen Stärkung in unserem Leben und Ermutigung zu glauben, denn wir leben in schwierigen Zeiten. Wir erleben die Entfesselung von Gewalt und Hass, die Menschen und ganze Völker zerstören. Ungerechtigkeit und Hunger, Terror und Vergeltung, ja Kriege haben sich unserer Welt bemächtigt. Wie können wir angesichts solcher Erfahrungen noch die Treue und Güte Gottes bekunden, die zum Herzstück unseres Glaubens gehören? - Als die Hochhäuser des Welthandelszentrums in New York in sich zusammenstürzten, rief ein Feuerwehrmann, dessen Kollegen von den Trümmern begraben wurden, den Menschen zu: "Wo ist euer Gott? Wir haben keinen Beschützer!" Er brachte damit auf einen verzweifelten Punkt, was auch uns bedrängt. In Stunden von Verzweiflung und Angst scheinen wir vom treuen und fürsorgenden Gott wie verlassen zu sein. In unserer existentiellen Not spüren wir oft Gott nicht mehr. Jede und jeder von uns hat schon solche Situationen der Dunkelheit und der Gottesferne durchleben müssen. Von Jesus selbst wird am Ende seines Lebens über eine solche Stunde berichtet. Er drohte an seinem Gott zu verzweifeln und konnte nur noch fragen: 'Mein Gott, warum hast du mich verlassen?' (Mt 26,48) In die Feier des Karfreitags vor dem Osterfest ist diese Erfahrung eingeschrieben. Sie ist oft genug auch die unsrige. Wir alle kennen Tage, ja Lebensabschnitte, in denen es finster in uns und um uns herum ist und wir uns verlassen vorkommen.

Eine Geschichte über Glauben, Zweifel und Treue

Halten wir einen Moment inne und betrachten diese Erfahrung der Gottverlassenheit. Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen, die vom Traum eines gläubigen Menschen berichtet, der in bohrender und anklagender Weise fragte, warum Gott ihn gerade dann verlassen habe, als ihm seine Gegenwart besonders wichtig gewesen wäre.

"Eines Nachts ging ich am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor meinen Augen, Streiflichtern gleich, entstand mein Leben. Nachdem das letzte Bild an uns vorbeigeglitten war, sah ich zurück und stellte fest, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Fußspur im Sand zu sehen war. Das verwirrte mich sehr, und ich wandte mich an den Herrn: ‚Als ich dir damals alles, was ich hatte, übergab, um dir zu folgen, da sagtest du, du würdest immer bei mir sein. Warum hast du mich verlassen, als ich dich so verzweifelt brauchte?‘ Der Herr nahm meine Hand: ‚Geliebter Mensch, nie ließ ich dich allein, schon gar nicht in Zeiten der Angst und Not. Wo du nur ein Paar Spuren im Sand erkennst, sei gewiss, da war ich es, der dich getragen hat.

Mir ist diese kleine Geschichte im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen. Denn sie holt uns in solchen Situationen ab, von denen ich am Anfang meines Briefes gesprochen habe. Sie verleiht einem Grundgefühl der Verlassenheit Worte, die uns selbst oft fehlen. Aber die Geschichte eröffnet uns auch eine neue Perspektive: Sie ermutigt uns, trotz aller schlimmen Erfahrungen glaubende Menschen zu bleiben.

Liebe Schwestern und Brüder, erhalten wir unsere Beziehung zu Gott aufrecht, auch in dunklen Stunden, selbst, wenn uns dies dann nur im Aufschrei, als Frage oder Klage möglich ist. Die Bibel - und hier vor allem die Psalmen - ist oft gerade eine Sammlung solch persönlicher Gebete der Not: Existentielle Zeugnisse des Ringens um Vertrauen und auch der Erfahrung von Gottes tragender Begleitung. "Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht." (Ps 23,4) So lautet solch ein trostvolles Wort. Der Dichter dieses Verses hat dunkle Stunden durchlitten und doch an seinem Gottvertrauen festgehalten. Mit seinen Worten bezeugt er, dass der Glaube an Gott uns trägt.

Die Geschichte vom Weg am Strand erzählt dann auch von der liebevollen Geste des Herrn, den Klagenden zunächst bei der Hand zu nehmen und ihn die zugesagte Nähe spüren zu lassen. Dieses entschlossene 'an der Hand nehmen' setzt sich fort in der liebevollen, fast zärtlichen Anrede 'geliebter Mensch', mit der im Grunde schon alles gesagt ist. Und schließlich die überraschende Wende im letzten Satz der Geschichte, die allein schon im Erzählen Zusage ist und Vertrauen wecken kann: "Wo du nur deine Spuren im Sand erkennst, sei gewiss, da war ich es, der dich getragen hat."

Der Grund des Glaubens in der Treue Gottes

Die erzählte Geschichte bereitet den Boden zu glaubendem Vertrauen in Gott mit fast den gleichen Worten, mit denen Jesus seine Jünger zurücklässt, Worte, die ich deshalb meinem Brief an Sie als Überschrift vorangestellt habe: "Seid gewiss: Ich bin bei euch!" (Mt 28,20b).

Damit ist bereits der Grund unserer Hoffnung (1 Petr 3,15) offengelegt: Jesus Christus selbst, der als Mensch die tiefsten Täler aus Angst, Verzweiflung und Gottverlassenheit durchlebt hat, er macht sich für uns zum Bruder, zum Wegbegleiter unseres Glaubens. Er versichert uns seiner bleibenden und tragenden Gegenwart. Jesus Christus vermag für uns zum glaubwürdigen Grund für einen eigenen vertrauensvollen Glauben zu werden, weil er selbst durch sein Leben und Handeln, durch Sterben und Tod und durch seine Auferstehung konkret erfahren und gezeigt hat, was die liebende Treue Gottes für uns bedeutet: Neues Leben!

Diese Erfahrung Gottes, der uns Menschen in allem trägt, machten auch die Jünger Jesu nach seinem Tod und seiner Auferstehung zum neuen Leben. "Gott ist treu" (2 Kor 1,18), so kann es deshalb Paulus in seinem Brief den Christinnen und Christen der Gemeinde in Korinth versichern. Ostern, auf das wir uns in der vor uns liegenden Zeit vorbereiten, ist so auch das Fest der unverbrüchlichen und uns tragenden Treue Gottes zum Menschen – selbst in den allerschlimmsten Erfahrungen.

Deshalb singen wir so gern und mit gutem Grund das Loblied auf Gott aus unserem Gesangbuch: "Hat er nicht zu aller Zeit uns bisher getragen und geführt durch allen Streit? Sollten wir verzagen? Seine Schar verlässt er nicht, und in dieser Zuversicht, darf sie’s fröhlich wagen." (GL 268,2) Um uns auf diese Zusage neu zu besinnen und einzulassen begehen wir die österliche Bußzeit.

Keiner glaubt für sich allein

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte noch einen letzten Punkt ansprechen: Keiner glaubt für sich allein! 'Ein Christ ist kein Christ!', so schreibt schon einer der Kirchenväter. Ich möchte Sie alle einladen und auffordern, sich miteinander auf den Weg des Glaubens zu machen und einander in ihren Kirchengemeinden auch und gerade in schwierigen Situationen wechselseitig zu bestärken und ein Stück weit zu tragen. Erinnern Sie sich bitte nochmals daran, dass in der kleinen Geschichte ein entscheidender Wendepunkt war, dass der klagend-jammernde Zweifler bei der Hand genommen wurde. So soll es auch bei uns sein: Seien wir spürbar und tragfähig füreinander da auf unserem Glaubensweg.

Ein solches Tragen kann auch in sehr einfacher, indirekter Weise geschehen: Haben Sie den Mut, einander ebenso von den schweren und wie auch von den ermutigenden Erfahrungen im Glauben zu berichten, entwickeln Sie Vertrauen, sich Ihre Glaubensgeschichten zu erzählen! Wo, wenn nicht in unseren Gemeinden, sollten solche Orte des Vertrauens möglich sein. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Berichten Sie einander von eigenen Erfahrungen, erzählen Sie eine glaubwürdige, bewegende Geschichte - wie die von den Spuren im Sand. Sie muss nicht weltbewegend oder großartig sein. Ein einfaches Zeugnis davon, dass die Beziehung zu Gott im Leben trägt. Erinnern wir uns immer daran: Jesus von Nazareth hat viele seiner entscheidenden frohen Botschaften durch erzählte Geschichten weitergegeben! Mit Geschichten, in denen wir unseren Glauben ausdrücken und bezeugen, erfahren wir, dass wir durchaus nicht allein sind mit unseren schwierigen Situationen und Erfahrungen, mit unseren Zweifeln und Fragen. Geschichten des Glaubens zu hören, kann uns Mut machen und uns anstiften, dem eigenen Glauben neu auf den Grund zu gehen.

Von der Kraft des Lichtes

Auch in der größten Dunkelheit kann sich das Licht des Glaubens neu entfalten. Wir kennen das aus eigener Beobachtung: Ein noch so finsterer Ort verliert schon durch ein einziges Licht etwas von seinen Schrecken und seiner Unheimlichkeit. Das kleinste Licht erhellt, Neues wird sichtbar und meine Enge wird weit. Und was bietet da erst unser Glauben für einen reichen Schatz, was für einen Grund zu Hoffnung und Freude. Daher kann ein anderer Psalmist, als er von seiner Glaubenserfahrung erzählt, auch voll Freude ausrufen: "Mein Gott macht meine Finsternis hell!" (Ps 18,29).

So grüße ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, zum Beginn der österlichen Bußzeit mit herzlichen Segenswünschen

Ihr Bischof
+ Gebhard Fürst