Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum „Aschermittwoch der Künstler“ 2002

Stuttgart, Hohenheim

Erlauben Sie mir, dass ich hier mit einem Gedicht beginne, das mit ‚Kleines Beispiel‘ überschrieben ist. Das Gedicht ist von Erich Fried, eröffnet sein Büchlein ‚Das Nahe suchen‘ und stammt von 1982.

Erich Fried
Kleines Beispiel

Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt

Aber das nutzt nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und sovielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur noch Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen

Da hättest du
genau so gut
leuchten können

Sie haben es bemerkt, wir befinden uns mitten im Zentrum, werden so abrupt wie geschickt vor die fundamentalen Fragen von Leben und Tod gestellt. Wir begegnen der Frage nach gelebtem oder verpaßtem Leben, werden auf schockierende Weise darüber aufgeklärt, welch große Chance wir in unserer geschenkten Lebenszeit nutzen oder auch vertun können. Die alten Themen des ‚memento mori‘ und ‚Carpe diem‘ werden in diesem ‚Kleinen Beispiel’ in einprägsamer Weise verdichtet. Was können die Künder des Glaubens von einem solchen Gedicht lernen?

Es ist unendlich lohnend, in die Schule von Dichtung und Kunst zu gehen, um die eigene Sprach- und Ausdrucksmöglichkeit zu kritisieren und sie weiterzuentwickeln. Zwei vielleicht banale Beobachtungen: Das Gedicht arbeitet mit banalen, alltäglichen Dingen, Batterie, Taschenlampe, die in ungewöhnliche Bezüge gestellt und durch überraschende Wendungen verknüpft werden. Es ist wie ein Ausrufezeichen in der Wortwahl, wenn vom ‚Atemzug Licht‘ und den ‚zerfressenen Knochen’ die Rede ist, die sich schließlich in der Taschenlampe finden.

Der Griff zur bildhaften Rede erinnert uns dabei an ein Erbe, das zum Ureigenen des Christentums gehört. Es war Jesus von Nazareth selbst, der immer dann, wenn es ums Wesentliche, um Alles oder Nichts, um Leben oder Tod, um das Reich Gottes und das Heil der Menschen ging, der immer dann Gleichnisse erzählte, in Bildern redete. Jesus erzählte Gleichnisse! Oft vom gelungenen Leben, oft vom gelungenen Glauben, oft von beidem in einem: vom gelungenen Leben im Glauben. Jesus verstand es, mit Worten umzugehen. Durch seine Worte entsteht eine neue Wirklichkeit, sehen, leben und erleben die Menschen ihr Leben neu.

Welche Dimension die Macht der Worte erreichen kann, daran erinnert uns das Gedicht vom ‚Kleinen Beispiel’ auf ähnliche Weise wie viele Bilder und Gleichnisse Jesu. Ja, ‚Im Anfang war das Wort‘! Im Anfang war das Wort, und es verändert die Welt. Wer dieses Gedicht erkennt, schaut die banalen Dinge mit anderen Augen an. Er geht auch viel bewusster mit seinem Leben und seinen Möglichkeiten um.

‚Im Anfang ist das Wort‘ erinnert uns auch daran, welch gewaltige Lebenswende in einem Anruf stecken kann, der uns in unser Mark trifft, von dem wir uns in unserer Mitte erreichen lassen. Das Gedicht ‚Kleines Beispiel’ erinnert uns aber auch daran, dass diese Möglichkeit der Wahl immer auch vor uns liegt, solange wir leben.

Wenn auch die Schlusszeile ‚da hättest du genauso gut leuchten können!’ eine verschenkte Möglichkeit zu betrauern scheint, so ist doch das gesamte Gedicht ein lebensbejahender, frischer Imperativ, das eigene Leben zu ergreifen, weil jetzt die Zeit dazu ist. Die spielerische Sprache darf uns allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, was hier auf dem Spiel des Lebens steht.

Des Dichters locker dahingestreutes Augenzwinkern von ‚Auch ungelebtes Leben‘ bis ‚Da hättest du genau so gut leuchten können‘ bedeutet zuerst und zuletzt die Frage nach Leben oder Tod im Leben. Das Gedicht ruft uns zu: Kehre um, besinne dich, nutze die Zeit, werde Mensch, lebe – leuchte!- sei Licht! In dir ist Energie!

Das Gedicht, ganz ähnlich urchristlicher Verkündigung, traut dem Menschen zu, das Leben in seiner Fülle verantwortlich zu übernehmen und – zu leuchten. Biblische Sätze von ‚Werde Licht, Jerusalem!‘ bis ‚Ihr seid das Licht der Welt‘ greifen im Zusammenhang mit dem Leben der Menschen auf den Punkt genau die gleich Bildsprache auf.
Der Unterschied liegt allein darin, dass biblische Rede und die christliche Verkündigung in ihrer Spur noch einen entscheidenden Schritt weitergehen.

Christliche Verkündigung legt den Grund dafür offen, weshalb Hoffnung keine bloße Illusion ist, weshalb der Glaube in den Menschen nicht irregeht. Für den christlichen Glauben gründet das Vertrauen in den Menschen und die Hoffnung auf Neues im Glauben an Gott. Kirchliches Zeugnis wird glaubwürdig, wo es gelingt, diesen Grund der Hoffnung als Heil und Leben der Menschen zu verkündigen. Der Evangelist Matthäus nimmt am Anfang seines Evangeliums mit dem Bild des Lichts eine alte Prophezeiung des Jesaja auf: ‚Das Volk, das im Dunkeln saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes waren, ist ein Licht erschienen.‘ Mit diesen Worten bezeichnet Matthäus den Grund der Hoffnung, die uns erfüllt.

Dieses Licht ist – eine Person, ein Mensch, der lebt, der predigt und erzählt, ein Mensch, der handelt. Jesus, der Mensch aus Nazareth, er ist für Matthäus die Erfüllung der Verheißung, er ist der Grund, Frohe Botschaft zu erzählen. Jesus von Nazareth ist in den Augen der ersten Christen für die Welt und die Menschen das Licht, durch dessen Kommen nichts mehr ist, wie es vorher war.

Die Frage auf Leben und Tod hat ihre letzte, ihre einzige Antwort erhalten. Nicht Dunkelheit und Tod haben das letzte Wort, nein: Das Licht, das im Menschen Jesus erschienen ist, es bedeutet Rettung und Leben für uns Menschen. Aber auch wir selbst, die wir diesem Licht folgen, werden hineingenommen in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Jesus, selbst als das Licht verkündet, Er sagt uns zu: ‚Ihr seid das Licht der Welt!‘

Dem Dialog zwischen Kunst und Kirche, dem wir uns am Aschermittwoch der Künstler in besonderer Weise widmen, wohnt eine große Tiefe und letzte Qualität inne. Mit Hilfe der Literatur, mit Hilfe der Kunst wird die christliche Glaubensverkündigung an ihre eigene Sache erinnert. Sie wird zurückgeworfen auf ihr zentrales Thema, das im Rummel der Alltäglichkeit leicht aus dem Blick gerät.

Wenn sich aber die Verkündigung des Glaubens erinnern lässt und das Thema vom Tod und Leben, vom verfehlten und gelungenen Leben offen und beherzt aussagt, gewinnen auch die aufgeworfenen Fragen und Anstöße der Kunst eine neue Dimension. Unsere ängstliche Frage angesichts der im Gedicht geschilderten ungeheuren Wahlmöglichkeit für unser Leben – zu leuchten oder zu sterben- erhält im Glauben an Jesus Christus, der aufstand zum neuen Leben, eine erste und letzte Antwort: ein Licht, das uns immer schon vorgegeben ist, unser eigenes Leben trägt und den anderen leuchtet.

Eine Frohe Botschaft, die Mut macht, umzukehren und unser Leben in der Nachfolge Jesu zu neuem Leben zu verändern. Wie hieß es doch beim Propheten Joel, dessen Umkehrruf wir am Beginn und so als Ouvertüre zum Gottesdienst gehört haben: 'Kehrt um zu mir von ganzem Herzen: Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!'