Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zur 25-jährigen Bischofsweihe von Weihbischof em. Kuhnle

Stuttgart, St. Eberhard

Lieber, verehrter Weihbischof Kuhnle, liebe Brüder und Schwestern!

25 Jahre Bischof, ein langer Weg. Ein Weg, den Weihbischof Franz Josef Kuhnle bis heute gegangen ist: als glaubender, hoffender, liebender Mensch, Christ und Priester. So haben Dich die Menschen erfahren, denen Du Zuversicht und Freude geschenkt hast, mitten in unserer Zeit. Was es heißt, Bischof zu sein, möchte ich gerade anhand der heutigen Schrifttexte entfalten:

Wer von uns ist nicht inhaltlich und existentiell befasst und betroffen durch die Ereignisse der letzten Wochen. Die Ereignisse des 11. September wühlen uns auf und konfrontieren uns mit Fragen von einer existentiellen und religiösen Tiefe, wie sie nicht tiefer sein könnten. Mir geht ein Feuerwehrmann nicht aus dem Sinn, der aus dem gigantischen Trümmerberg des World-Trade-Centers erschöpft herauskam.

Vor laufender Kamera wurde er gefragt, was er empfinde. Mit wuterfüllter Stimme sagte er: „Wo ist Gott? Wo ist euer Gott hier?" Und verzweifelt fügte er hinzu: „Wir haben keinen Beschützer ..." Was antworten wir Menschen auf solche Fragen? Und wer von uns hätte nicht so ähnlich auch schon gefragt? Gegen solch erschütternde Erfahrungen helfen keine Argumente. Die Frage, warum lässt Gott so etwas zu, findet keine glatte und schlüssige Antwort. Das Wort, das Gott uns sagt, ist Jesus Christus.

Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Wirklichkeit auszuhalten, in dieser Welt leben zu lernen, nämlich unsere Situation hineinzudenken in die Szene, die das heutige Evangelium des Christkönigssonntags schildert: Jesus am Kreuz, er erfährt Furchtbares. Sein Leiden scheint den Anspruch zu widerlegen, mit Gott etwas zu tun zu haben. Ja, wenn er jetzt herabsteigen würde vom Kreuz, sein Leiden eigenmächtig beenden könnte, dann könnten wir sehen, dass er nicht hilflos und ohnmächtig ist. ‚Hilf dir und hilf uns, mach dem Leiden ein Ende, dann können, dann wollen wir an dich glauben. Beweise uns, dass du nicht hilflos bist und ohnmächtig!

Aber Gott liefert den Mißtrauischen, denen, die auf Nummer sicher gehen wollen, keinen Beweis. Jesus bleibt am Kreuz. Gott erwartet Vertrauen. Vertrauen, das mit dem Kreuz vor Augen leben lernt und leben kann. Vertrauen zu Gott, das selbst und gerade im leidenden Gottesgesandten Jesus (am Kreuz!) Gott entdecken kann. Denn das gerade mutet uns der andere Text zu, den wir heute gehört haben. Im Kolosserbrief hieß es: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes. In ihm ist uns ein lebendiges Bild Gottes gegeben, das uns erinnert, wer Gott ist, das uns veranschaulicht und miterleben lässt, wie Gott zu den Menschen ist.

Gott begegnet uns im Kreuz, in den Kreuzen der Welt, im Kreuz der Welt. Gott begegnet uns in den leidenden Menschen, nicht im Triumph der Stärke und Kraft, Und nur wer selbst mitleidet im Leid der Welt, kann im Leid Gott erkennen. Wer nur dasteht und zuschaut, für den wird dieses Schauspiel Welt Anlass zu Hohn und Spott über Gott. Glaube aber an Jesus Christus erweist sich da als heilsamer Schutz gegen jede Art von Zynismus angesichts der Situation unserer oft so heillosen Welt. Das Christuslied des Kolosserbriefes ist sich gewiss: Christus ist unser Beschützer.

Wer sein Leben auf ihn baut, wer aus Freundschaft mit ihm lebt, der gewinnt Halt und hat Bestand. Wer sich auf Christus einlässt, der verspielt sein Leben nicht, und wer sich auf ihn verlässt, der wird schließlich nicht verlassen. Denn Christus selbst ist hindurchgegangen durch alle diese Anforderungen und Erwartungen.

Er ist hindurchgegangen durch die Höhen und Niederungen eines menschlichen Lebens: Er wurde missverstanden. Von vielen wurde er angefeindet und schließlich verurteilt. Er hat am eigenen Leib grenzenloses Leid erfahren, aber er ist daran nicht zugrunde gegangen – ja im Äußersten ist er Gott treu geblieben.

Und Gott ist diesem Jesus treu geblieben. Er hat ihn zu neuem Leben gerufen. Wer sich diesem Bild Gottes, Jesus Christus, in allem anvertraut, der hat und behält Bestand in seinem Leben: bis zum Äußersten...

Wir sind gemeinsam tief eingekehrt ins Zentrum unseres Glaubens – und doch sind wir, denke ich, auch ganz beim Wirken von Weihbischofs Franz Josef Kuhnle angekommen. ‚Fidelis Deus‘: Gott ist treu, ein treuer Gott: so sein bischöflicher Wahlspruch, der eben dieses Zentrum unseres gemeinsamen Glaubens wiedergibt. Den treuen Gott bezeugt Weihbischof Franz Josef Kuhnle bis heute.

Franz Josef Kuhnle, seit 1991 Weihbischof em., wurde 1926 in Ravensburg geboren, konnte also in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern, wurde 1952 zum Priester geweiht, 1976 von Papst Paul VI. zum Weihbischof von Rottenburg und Titularbischof von Sorres ernannt. Seine Bischofsweihe empfing er eben hier in Stuttgart St. Eberhard, fast auf den Tag genau vor 25 Jahren: am 27. November 1976. 25 Jahre – Gott ist treu. Und aus diesem feierlichen Anlass haben wir uns heute hier versammelt, um Dank zu sagen.

Franz Josef Kuhnle auf überzeugende Weise gerade vor dem Hintergrund der heutigen Tagestexte Bischof unserer Kirche gewesen ist. Das II. Vatikanische Konzil schreibt im Bischofsdekret:

‚Bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zu lehren, sollen sie den Menschen die Frohbotschaft Christi verkünden; das hat den Vorrang unter den hauptsächlichen Aufgaben der Bischöfe. In der Kraft des Geistes sollen sie die Menschen zum Glauben rufen oder im lebendigen Glauben stärken.‘ (CD 12) Dabei geht es um eben dieses Zentrum des Glaubens, an das uns das Evangelium erinnert und das der Kolosserhymnus in wunderbarer Weise besingt. Das Konzils fährt fort, dass der Kirche aufgegeben sei, mit der menschlichen Gesellschaft, in der sie lebt, in ein Gespräch zu kommen.

Es ist in erster Linie Pflicht der Bischöfe, zu den Menschen zu gehen und das Gespräch mit ihnen zu suchen und zu fördern‘ (CD 13), und eben diesen wesentlichen Auftrag finde ich in eindrucksvoller Art und Weise im Bischofsleben von Franz Josef Kuhnle. Die gerade in Rom zu Ende gegangene Bischofssynode schreibt: Für alle offen zu sein, ist ein wesentliches Merkmal des bischöflichen Dienstes, in der Geduld und dem mutigen Bekenntnis zur Hoffnung.‘ (Bischofssynode 14).

Ein treffendes Porträt des Bischofsdienstes, wie ihn Weihbischof Franz Josef gelebt hat. Er hat damit ein Beispiel dafür gegeben, wie durch gelebten Dienst die Wahrheit des Evangeliums konkret wird. Ein Beispiel, was gerade in unserer Zeit dringend und notwendig ist. Wir alle, Bischöfe, Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, Mitarbeiter, aber auch alle Kirchen- und Christenmenschen, sind eingeladen und aufgerufen, Zeugnis zu geben „für die Hoffnung, dass die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden von Gott gesättigt werden.“ (Bischofssynode 15). Gott ist treu.

Amen.