Bischof Dr. Gebhard Fürst: ‚Wir helfen weiter‘: Der Schutz des menschlichen Lebens ist ein Gebot Gottes 2002

Stuttgart, Marienhospital

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor gut einem Jahr trat im Bistum Rottenburg-Stuttgart nach einem jahrelangen Prozess des Ringens um die Schwangerschaftskonfliktberatung wie in den meisten anderen Bistümern auf Weisung von Papst Johannes Paul II. die Regelung in Kraft, keine Beratungsbescheinigungen nach § 7 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes vom 21. August 1995 (SchKG) nach erfolgter Beratung mehr auszustellen. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Beratung schwangerer Frauen - auch und gerade in Konfliktsituationen - um so intensiver fortzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt startete deshalb auch die bundesweite Aktion der Deutschen Bischofskonferenz, die unter dem Titel „Wir helfen und beraten weiter„ deutlich machen will, dass die katholischen Beratungsstellen ihr Angebot aufrecht erhalten und noch verstärken wollen. Die katholische Kirche stieg also keineswegs aus der Beratung aus, sondern sie leistet entsprechend ihrem Selbstverständnis weiterhin Hilfe für Frauen, Paare und Familien in Schwangerschaftsfragen und -konflikten.

Wir helfen weiter. Das bedeutet, die Katholische Kirche hilft weiter „entsprechend ihrem Selbstverständnis‘, das ist der entscheidende Punkt. Dahinter steht die klare Absicht, in der Gesellschaft sozial verläßlicher Partner zu sein und vor allem Ansprechpartner und Hilfe für Frauen in Notsituationen zu bleiben. Die Diskussion um die Schwangerschatskonfliktberatung stellte die Bischöfe und mit ihnen die gesamte Kirche vor die Frage nach ihrem Selbstverständnis. Die Diskussion befragt letztlich jeden und jede von uns: Wie leben wir vor Gott und den Menschen in der Welt? Wie legen wir glaubwürdig Zeugnis ab von unserem Glauben?

Menschliches Leben von seinem Beginn bis zu seinem Ende zu schützen, ist göttliches Gebot und ethische Forderung, die sich aus der Menschenwürde ergibt. Das ungeborene Kind hat ein eigenes Recht auf Leben, niemand darf darüber verfügen. Abtreibung ist und bleibt eine gewaltsame Tötung menschlichen Lebens, die eines humanen Rechtsstaats in einer zudem reichen Gesellschaft nicht würdig ist. Das bedeutet: Eine Beratungspraxis, die sich christlichem Geist verpflichtet sieht, zielt eindeutig auf den Schutz des ungeborenen Kindes und ermutigt Frauen und Paare zur Fortsetzung der Schwangerschaft bzw. zur Annahme ihres Kindes.

Aber: Die konsequente Ablehnung der Abtreibung seitensder katholischen Kirche ist nur glaubwürdig, wenn wir gleichzeitig alles tun, um den Frauen in Not- und Konfliktsituationen rat- und tatkräftig zu helfen. Der Einsatz der Kirche für den Schutz des ungeborenen Lebens gewinnt erst und neu seine Glaubwürdigkeit in dem Masse, indem wir bereit sind, unsere Fürsorge und Anteilnahme für die Sorgen, Probleme und Notlagen des geborenen Lebens konkret werden zu lassen.

Was heißt dann ‚Wir helfen weiter‘?

Ein erster Punkt:

Wir helfen weiter: Die unentgeltliche und für Frauen aller Konfessionen und Religionen offene Beratung ist dazu ein wesentlicher Beitrag. Sie muss einfühlsam auf die persönliche, familiäre, kulturelle, berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation der ratsuchenden Frau eingehen, um gemeinsam mit ihr einen Weg aus der Konfliktlage zu finden. Dazu werden ihnen Perspektiven für ein Leben mit ihrem Kind auch in Not- und Konfliktfällen eröffnet. Über die Beratung hinaus bieten unsere Beraterinnen sachkundige Informationen über finanzielle Hilfen und die Begleitung vor und nach der Geburt. Selbstverständlich beraten wir auch weiterhin Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben. Die Beraterinnen vermitteln Hilfen für minderjährige Schwangere, für Alleinerziehende, in der sexualpädagogischen Prävention oder bei der Bewältigung von Paarkonflikten.

Zweitens:

Wir helfen weiter: Unsere Angebote sind Teil eines weiten Hilfenetzes. Das bedeutet, dass die Schwangerschaftsberatungsstellen die Zusammenarbeit mit anderen karitativen Fachdiensten vermitteln und Verbindungen zu anderen kirchlichen und nichtkirchlichen Diensten und Behörden aufzeigen. Das stellt zum einen eine effektivere Hilfe für die Betroffenen dar, zum anderen werden dadurch Ressourcen gebündelt. Wichtig ist anwaltschaftliche Vertretung. Strukturelle Schwierigkeiten und familiale Notlagen wie Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende bedarfsgerechte Kinderbetreuung usw. spiegeln sich unmittelbar in der Arbeit unserer Beratungsstellen wider. Hier beziehen wir familienpolitisch Position und fordern konkrete Änderungen ein.

Meine Damen und Herren, es bleibt Aufgabe der Familienpolitik, noch geeignetere Rahmenbedingungen zu schaffen, die mehr Frauen, Paaren und Familien das Ja zu ihrem Kind ermöglichen, ohne dass sie dadurch in soziale Notlagen kommen.

Die hohe und allseits anerkannte Qualität unserer Beratungsarbeit steht außer Frage. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass dieses Beratungs- und Hilfeangebot, dass unser Diözesancaritasverband und der Sozialdienst Katholischer Frauen bereithält, auch weiterhin von seinem ganzheitlichen Ansatz und der Einbeziehung des ethisch-religiösen Aspektes her Akzeptanz findet.

Die Ausstellung ‚Wir helfen weiter‘ zeigt: Wir führen unsere bewährte Schwangerschaftsberatung auch ohne Ausstellung eines Beratungsnachweises im vollen Umfang fort. Es gibt wie bisher ein breites Netz katholischer Beratungsstellen, wo betroffene Frauen weiterhin eine vertrauensvolle Annahme, kompetenten Rat und konkrete Hilfen finden. Selbstverständlich auch und besonders in Konfliktsituationen.

Unser Ziel ist, Zuversicht und Vertrauen zu wecken für ein Leben mit Kind und dazu Perspektiven zu eröffnen. Wir helfen weiter.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit