Bischof Dr. Gebhard Fürst: Wort zum Sonntag in SWR 2

Stuttgart, Südwestrundfunk

Auch nach fast zwei Wochen sind wir angesichts der Terroranschläge in den USA fassungslos gegenüber dem Unvorstellbaren, was geschehen ist. Menschen haben eine Fähigkeit zum Bösen gezeigt, die wir so nicht für möglich gehalten haben.

Innerhalb weniger Tage ist das so stabil scheinende friedliche Miteinander weltweit unsicher geworden. In Verbundenheit, aber auch im mitleidenden Gebet sind wir bei den unzähligen Toten und Opfern des Terrors, bei ihren Angehörigen und Freunden. Ich denke aber auch an die zu befürchtenden Opfer der Fortentwicklung dieses Konflikts.

Menschlich allzu verständliche Gefühle von Vergeltung und Rache dürfen kein Antrieb des Handelns sein, sonst dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter.

Militärische und ermittlungstechnische Maßnahmen sind ohne Zweifel zu erwarten, reichen aber bei weitem nicht aus. Letztlich wird es darauf ankommen, dem Terror den Boden zu entziehen. Der Boden dieses Terrors besteht aus Armut, Hoffnungslosigkeit und religiösem Fanatismus.

Auch dürfen wir keine pauschalen Vorurteile über religiöse, ethnische oder nationale Gruppen fällen. Höchst verbrecherische Untaten einiger extremistischer Terroristen sind nicht mit ‚den Muslimen‘ gleichzusetzen. Nicht der Islam gefährdet den Frieden in unserer Welt, sondern gewaltbereite und menschenverachtende Fundamentalisten sind es, die ihre Religion rücksichtslos missbrauchen.

Ohne das vertrauensvoll-offene Gespräch der Weltreligionen miteinander wird es keinen dauerhaften Frieden geben. Gerade das wechselseitige Kennenlernen kann ein wichtiger Schritt neuer Vertrauensbildung sein.

Ein Beispiel: Viele Menschen wissen nicht, dass sich der Islam in seinen Grundwerten als friedensstiftende Religion versteht. ‚Islam‘ heißt Hingabe unter den Willen und die Ordnung Gottes. Es hat sprachlich die selbe Wurzel wie das Wort salam, was vor allem Heil, aber auch inneren und äußeren Frieden bezeichnet. Vom Islam als Religion läßt sich lernen, dass die konkrete Verwirklichung des Willens Gottes Frieden schafft. Diese Kenntnis über den anderen hilft uns, ihn besser zu verstehen und ist so eine friedensbildende Maßnahme.

Schließlich sind die schrecklichen Ereignisse für Christen aber nicht nur Grund zum Handeln, zur Solidarität mit den Opfern oder zu strategischen Überlegungen. Wir können unsere Erschütterung, Trauer, ja auch unsere Verzweiflung vor Gott tragen. Das Geschehen macht für uns Klage und Gebet um so nötiger. Vor Gott sprechen wir miteinander und füreinander den Schmerz, die Angst, das Gefühl der Hilflosigkeit und Verlassenheit aus.

Wohin sollten wir gehen in solchen Stunden, wenn nicht zu ihm, unserem Gott? Schon in frühen Psalmen lesen wir "Aus der Tiefe rufen wir Gott zu Dir, Gott höre unsere Stimme! Wende dein Ohr uns zu, achte auf unser lautes Flehen." (Psalm 130)

In all unser Bedrohtheit rufen wir Gott um seinen Beistand an und finden in ihm keinen fernen und unzugänglichen Gott. Er wendet sich uns zu. Er ist sogar mitten in diese beschädigte und zerrissene Welt hineingekommen. Gerade der Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen läßt uns diese Hölle von Zerstörung, Hass und Gewalt aushalten. Der Mensch Jesus Christus gibt uns Kraft und Vertrauen, nicht zu Vergeltung und neuer Gewalt Zuflucht zu nehmen, sondern uns unablässig neu für den Frieden einzusetzen.